Elberfeld=Barmen. Einzel preis 20 Montag, den 25. Mai 1921. Nr. 11.. 3d. Erscheint täglich nachmittags, außer Sonntags. Begugspreis d. Boten monatl. 6 M. Postscheckkonto: Köln 9928. Bankkonto: Elberfelder Bankverein, Elberfeld. Bei allen Ueberweisungen wird um genaue Angabe der Anzeigen= und Zeitungsnummern gebeten. Freie Presse Anzeigenpreis: Für 1 Millimeter Höhe, 85 Millimeter breit, 40 1 außerhalb des Verbreitungsbezirks 50 5. Für Reklamen, 92 Millimeter breit, 1.50 M., außerhalb 1.60 A. Preise freibleibend.— Anzeigenabschlüsse werden nur unter der Bedingung angenommen, daß für alle Anzeigen der zur Zeit der Aufnahme gültige Preis berechnet wird.— Anzeigenaufträge bis 6 Uhr abends erbeten. Organ des werktätigen Dolkes von Rheinland und Westfalen. Redaktion: Elberfeld, Robertstr. 8a. Fernsprecher 1941.— Hauptgeschäftsstelle: Elberfeld, Robertstr. 8. Fernsprecher 1411.— Nebengeschäftsstellen: Barmen, Ref. Kirchstr. 13—10, Fernspr Langerfeld, Barmerstr. 21, Schwelm, Barmerstr. 5, Nemscheid, Markt 1, Fernsprecher 2417, Belbert, Friedrichstr. 136. Fernsprecher 447. Der Orgesch=Exzeß in Oberschlesien. Elberfeld, 23. Mai. Nach den letzten Berichten aus Oberschlesien haben die sich bildenden Freikorps unter den beiden Generalen von Hülsen und Höfer gestern eingegriffen. Es ist zu blutigen Gefechten gekommen, die vorläufig damit geendet haben, daß die Polen zurückgeworfen sind. Höfer, der Einarmige, hat sich in den LudendorffOffensiven im Westen einen Namen gemacht, von Hülsen ist als Freikorpsführer bekannt geworden. Wir können feststellen, daß die beiden genannten Generale ihrem Vaterland den denkbar schlechtesten Dienst geleistet haben. Am Freitagabend sprachen wir noch mit einem Bertreter der Elberfelder heimattreuen Oberschlesier, der uns sagte, daß die hiesigen Oberschlesier rückhaltlos unserer Meinung beipflichten, daß ein Eingreifen von Freikorps nicht im Interesse Oberschlesiens liege und zu Konsequenzen führen muß, die sich im Augenblick nicht überschauen lassen. Diese Meinung kommt in dem Erlaß des Reichskanzlers Dr. Wirth zum Ausdruck, der die Freiwilligenkorps verbietet und vor ihrer Bildung unter Androhung von Strafen warnt. Die Aufnahme der Warnung der Regierung auch durch die Rechtspresse muß auch dem verbohrtesten Nationalisten die Gewisheit gegeben haben, daß die Freikorps in Oberschlesien nichts anderes als Unheil anrichten kennen. Kurz vor der Konferenz in Boulogne, die die Entscheidung über Oberschlesien bringen wird— und wir dürfen alle Hoffnung haben, daß die Entscheidung zugunsten Deutschlands ausfällt— spielt man dem französischen und polnischen Imperialismus die Rechtfertigung für den Rechtsbruch in Oberschlesien und die gesuchte Veranlassung in die Hände, vor aller Welt das Schicksal Oberschlesiens nicht nach dem Abstimmungsergebnis, sondern durch Gewalt der Waffen zu entscheiden. Aus den vorliegenden Meldungen geht hervor, daß es sich um regelrechte Freikorps handelt. Wir finden es begreiflich, wenn die bodenständige Bevöikerung sich mit allen Mitteln gegen polnische Brutalität wehrt. In dem Augenblick aber, wo man Orgesch aus Bayern und aus anderen Teilen des Reiches zusammenballt und eine Aktion in die Wege leitet, die dem Versailler Vertrag zuwiderläuft, verkehren wir gegenuber dem polnischen Unrecht das gute deutsche Recht in Unrecht. Einen schlimmeren Streich hätte Korfanty für uns nicht erfinnen können und die gegenwärtige Regierung im Reiche kann sagen, daß man der deutschen Diplomatie in beispielloser Gewissenlosigkeit in den Rücken gefallen ist. Höfer und von Hülsen haben, als ob sie bezahlte Agenten Frankreichs und Polens wären, die Dummheit durch die Tat gekrönt, wozu unsere nationalistische Presse im unbegreiflichen Unverstand tagelang aufgefordert hat. Hinterher wird diese Presse über Mißerfolge unserer Diplumaten lamentieren. Wie sich die Situation in Oberschlesien durch das Eingreifen der Freikorps gestaltet hat, ist im Augenblick nicht ersichtlich. Wenn sie Erfolge erzielt haben sollen, so werden diese nicht von Dauer sein. Man darf nicht vergessen, gegenüber dem französischen und polnischen militärischen Uebergewicht muß in ganz kurzer Zeit auch der gute Wille versagen. Wir hoffen, daß die Regierung Masnahmen ergreifen wird, dem Freikurps=Unwesen in Oberschlesien sofort ein Ende zu machen. Im Intcresse der Entscheidung über Oberschlesien ist die Regierung dazu verpflichtet. Die blutigen Ereignisse von gestern müssen ein Intermezzo unüberlegten Militärs bleiben. Im anderen Falle sind die Begesenheiten in Oberschlesien eine Warnung an die Adresse Englands, nicht lünger zu zaudern. Die Zeit drängt, Oberschlesien kann ein zweiter Balkan werden. In ganz kurzer Zeit. Läßt sich Llond George von Briand um die Löffel barbieren, so stände er nach den Ereignissen der letzten 14 Tage wirklich als der blamierte Europäer da. Von Hülsen und Höfer. Berlin, 23. Mai.(Eig. Drabtbericht.) Von den verschiedensten Seiten wird gemeldet, daß deutsche Freikorps mit den Polen den Kampf um den Annaberg bei Lechnitz aufgenommen haben und unter bedeutenden Verlusten auf beiden Seiten die poluischen Insurgenten zurückdrängten. Berlin, 23. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Ueber die Kämpfe berichtet der Berliner Lokalanzeiger im Ludendorffstil: Die Verluste sind beträchtlich, da die Heimattreuen, als sie drei gräßlich verstümmelte Leichen sahen, nicht mehr zu halten waren und mit Messern und Handgranaten draufgingen. Doch ist der Verlust der Polen ungefähr vierfach. Das Blatt benennt als Anführer der Freikorps die Generäle von Hülsen und Höfer und bemerkt ausdrücklich, daß die bewaffneten Mitglieder dieses Korps, trotz des Erlasses der Regierung, sich nicht entwaffnen lassen werden. Berlin, 23. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Unkontrollierbare Meldungen besagen, daß ein englischer Major die Leitung des deutschen Selbstschutzes bei Annaberg übernommen haben soll und sich ihm auch die deutschen Generäle von Hülsen und Höfer unterstellt haben. Eine Bestätigung dieser vorstehenden, selbstherrischen Maßnahmen konnten wir bis jetzt nicht erhalten. Umsturz in Portugal. Englische Hilse für Oberschlesien. Berlin, 23. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Wie die Berliner Montagspost von äußerst zuverlässiger Seite erfahren haben will, sind vier englische Bataillone auf dem Weg nach Oberschlesien. Bayerische Werbungen. Berlin, 25. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Der Weltam Montaa wird vom Hauptbetriebsrat der Eisenbahndirektion Dresden eine nähere Schilderung über die aus Bayern kommenden Orgesch transxorte gegeben. Dem Betriebsrat ist es gelungen, die aus Payern kommenden Orgeschleute zurückzuhalten und sie durch Angestellte der sächsischen Landespolizei im Beisein von Parlamentsvertretern vernehwen zu lassen. Diese Vernehmung ergab, daß die bayerischen Zeitungen Aufrufe bringen, in denen ebemalige Angehörige von Freikeixs aufgefordert werden, sich bei der Werbestelle des Vereins heimattreuer Oberschlesiec zu melden. Bei der Meldung wird den Leuten ein Schein folgenden Inhalts ausgestellt: Ausweis. Der......... ist gebürtiger Oberschlesier und zur freien Fahrt nach seiner Heimat berechtigt. Verein heimattreuer Oberschlesier Ortsgruppe München. Wie der Bericht des genannten Betriebrats in der Welt am Montag weiter besagt, wird den Angeworbenen bei ihrer Einstellung zu verstehen gegeben, daß die Entfernung von der Truppe bestraft wird und es jetzt gegen die Polen gehe. Als Entlöhnung werden pro Tag zugesichert. Die Einkleidung sollte in Breslau vorgenommen werden. Staatsstreich in Portugal. Sturz Bernadinos Machedas. Paris, 23. Mai.(Sonderbericht des WTB.). Die Pariser Ausgabe der Daily News meldet: Es scheint sich in Lissabon ein Staatsstreich ereignet zu haben. Den Monarchisten sei es durch Ueberaschung gelungen, alle Kabinettsmitglieder festzunehmen. Ein zweites Telegramm der Daily News aus Vigo besagt: Neisende, die diese Nacht aus Oporto angekommen sind, erklärten, am Samstag sei mit Unterstützung militärischer Elemente ein Aufruhr ausgebrochen. Der Premierminister Bernadino Machedas und alle Minister seien verhaftet worden. Die Bewegung wird von den monarchistischen Elementen unterstützt. Die Wassenvorräte des Prinzen Albrecht. Verlin, 23. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Helmut v. Gerlach teilt in der heutigen Welt am Montag folgenden, der„deutschen“ Oeffentlichkeit bisher unbekannten Fall mit: Im April wurden in einem Rebengebäude des Palais des Prinzen Albrecht in der Wilhelmstraße, gut verdeckt, folgende Waffenvorräte gefunden: 301 Gewehre, 9 schwere Maschinengewehre, 5 leichte Maschinengewehre, 8 Ersatzrohre, 21 Histen mit Maschinengewehrwunitign, Kisten mit Pancren, 50 Gurte, 164 Helme, 38 Handgranaten. Ein Maschinengewehr war schutzvereit Mit Recht sagt Helmut v. Gerlach weiter: Wer ist der verantwortliche Redakteur für diesen Waffenhamsterer? Was ist mit ihm geschehen? U. A. w. g. Hermes auf Schleichwegen. Berlin, 23. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Die Genossen Meerfeld und Sollmann(Köin) haben an die Reichsregierung folgende Anfrage gerichtet: „Der Reichsernährungsminister Hermes hat Mitte Mai in Begleitung des Ministerialrates Egbring eine Informationsreise in das besetzte Gebiet unternommen und z. B. in Köln eine Versammlung mit Vertretern der christlichen Gewerkschaften abgehalten. Von dieser Zusammenkunft waren neben andern großen Arbeiterorganisationen die freien Gewertschaften, die im besetzten Gebiet viermal soviel Mitglieder haben wie die christlichen Gewerkschaften, ausgeschlossen. Auch stark interessierten Behörden im Rheinland war von der Informationsreise des Ministers nichts bekannt. Diese einseitige Beratung des Reichsernährungsministers mit nur einer Richtung der Arbeiterbewegung hat zu scharfen Protesten der freien Gewerkschaften und sozialistischen Zeitungen im besetzten Gebiet geführt. Wir fragen die Reichsregierung, ob sie das Verhalten des Reichsernährungsministers billigt oder ob si dafür sorgen wird, daß die Reichsminister bei amtlichen Informationsreisen sich nicht einseitig unterrichten lassen.“ Tagesordnung der nächsten Völkerbundsversammlung. WTB. Genf, 22. Mai.(Drahtbericht.) Die provisorische Tagesordnung für die zweite Völkerbundsversammlung umfaßt 25 Punkte, darunter namentlich Zusätze zum Völkerbundvertrage, Eintragung der Verträge, wirtschaftliche Blockade, Organisation des Sekretariats und des internationalen Arbeitsamtes. Ferner Verteilung der Auslagen des Völkerbundes auf die einzelnen Mitglieder. Der wichtigste Punkt ist die Errichtung des internationalen Gerichtshofes. Hervorzuheben sind ferner die Herabsetzung der Rüstungen, über die eine Kommission, die nächsten Monat zusammentreten wird, einen Berich: auszuarbeiten hat, sowie die Ernennung von vier stetigen Mitgliedern des Völkerbundrates, die Behandlung neuer Aufnahmegesuche und die Festsetzung des Budgets für 1921. Ende der unabhängigen Legendenbildung. Zwischen Furcht und Gewissenlosigkeit. Um jeder Legendenbildung der unabhängigen Agitation endgültig vorzubeugen, hat sich die Reichstagsfraktion der Sozialdemokratischen Partei entschlossen, den in Frage kommenden Brief wechsel zwischen der USPD. und der SPD. der Reichstagsfraktion zu veröffentlichen: Am 10. Mai schrieb Crispien an den Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion: Werte Genossen! Wir haben Ihnen heute in Beantwortung Ihrer Anfrage über Beteiligung unserer Partei an der Bildung einer neuen Regierung u. a. folgendes mitgeteilt: Wir sind zur Beteiligung an einem rein sozialistischen Kabinett unter noch näher zu vereinbarenden Bedingungen bereit. Ueber Hinzuziebung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes sowie der Afa und der auf freige werkschaftlichem Poden stehenden Beamtenorganisationen sind wir bereit, zu beraten. Wir bitten Sie, diesen Teil unserer Antwort als eine Gegenfrage an Ihre Partei zu betrachten und wir legen Wert darauf, von Ihrer Partei eine schriftliche Antwor auf unsere Gegenfrage baldmöglichst zu erhalten. Mit sozialistischem Gruß für die Reichstagsfraktion der USPD. Crispien. Darauf ist jetzt diese Antwort erfolgt: Werte Genossen! Sie ersuchen in Ihrem Schreiben vom 10. Mai um eine schriftliche Antwort, indem Sie zugleich Ihre Erklärung als ein„Gegenfrage“ an die Sozialdemokratische Partei bezeichnen, ob diese zur Bildung einer rein sozialistischen Regierung unter noch näher zu vereinbarenden Bedingungen und Hinzuziehung des Gewerkschaftsbundes, der Afa und der auf freiem gewerkschaftlichen Boden stebenden Beamtenorganisationen bereit werre. Ich erlaube mir darauf den Hinweis, daß die Frage betr. Bildung einer sozialistischen Regierung nicht, wie es in dem darauf bezüglichen Bericht der Freiheit hieß und auch ans Ihrem Schreiben den Anschein haben tann, von Vertretern der Unabhängigen Sozialdemokratie angeschnitten wurde, sondern von den Beauftragten unserer Fraktion als Frage 2 an die Unabhängige Partei gestellt war. Deshalb erscheint es uns irrig. wenn Sie Ihre Antwort als eine„Gegenfrage an unsere Partei“ bezeichnen. Für die Sozialdemokratische Partei ist und bleibt die Bildung einer rein sozialistischen Regierung das unausgesetzt erstrebte Ziel. Sie treibt Koalitionspolitik nur unter dem Zwang der Notwendigkeit und nicht aus Prinzip oder Neigung für eine der dabei beteiligten bürgerlichen Parteien. Als wir am 10. Mai die Frage an die USPD. richteten, ob sie bereit wäre: 1. gemeinsam mit uns und dem Zentrum eine Koalitionsregierung zu bilden, und 2. gegebenenfalls eine rein sozialistische Regierung zu bilden, handelte es sich für uns in der derzeitig gespannten Situation darum, über alle Eventualitäten bei der notwendigen Regierungsbildung im klaren zu sein; so auch über die, die eingetreten wäre, wenn das Zentrum zwar dem Ultimatum zugestimmt, es aber abgelehnt hätte, allein mit der Sozialdemokratie die Regierung zu bilden. Dann wäre die Frage akut gewesen, ob das Zentrum bereit war, eine rein sozialistische Regierung, die das Ultimatum anzunehmen bereit war, durch die entscheidende Abstimmung im Parlament zu unterstützen. In einem bestimmten Stadium der Verhandlungen ist diese Frage auch den Unterhändlern des Zentrums vorgelegt, jedoch, wic zu erwarten war, avlehnend beantwortet worden. Die sozialdemotratische Fraktion ist von dem Beschluß Ihrer Fraktion unmittelbar nach der Unterredung, die der Unterzeichnete mit den Genossen Ledebour und Crispien hatte, informiert worden, ebenso erhielt sie Kenntnis von Ihrem schriftlichen Bescheid. Ihre Stellungnahme ergab sich aus dem Vorhergesagten. Wenn die erbetene schriftliche Antwort von der Fraktion nicht sofort festgestellt wurde, so ist das mit den un gleich wichtigeren dringenden Arbeiten jener Tage wohl genügend begründet. Der Unterzeichnete, als der mit der Antwort Beauftragie, aber war durch längere Abwesenheit von Berlin an der sofortigen Beantwortung verhindert. Mit Parteigruß: Wels. Ueber den unabhängigen Agitationsrummel führt der Vorwärts in seiner Samstagnummer in einer Polemik gegen die Freiheit u. a. aus: Zu zweit wiederholt die Freiheit den Vorwurf, daß wir nicht mit den Unabhängigen zusammen eine rein sozialistische Regierung gebildet haben. Unserem Einwand, daß diese Regierung gar keine Mehrheit hälte, glaubt die Freiheit damit begegnen zu können, daß auch die jetzige Koalition eine Minderheitsregierung sei. Nun gibes zwischen Minderheit und Minderheit immer noch graduelle Unterschiede, es ist nicht ganz gleichgültig, ob die Minderheit einer Regierungskoalition zehn oder sechzig Mandate beträgt. Dock davon abgesehen, kommt es nicht allein auf die Stärke der Parteien an, welche die Regierung bilden, sondern auf die Stärke derer, die sie unterstützen. Eine unabhängig-sozialistische Regierung hätte die bürgerliche Mehrheit vom ersten Tage an geschlossen gegen sich gehabt. Von den Kommunisten auf der äußersten Linken wäre sie gar nicht oder nur ganz unzuverlässig und unberechenbar unterstützt worden. 1 Mit dem Drittel ihrer Mandate hätte sie hilflos bagesessen und von dem denkbar schönsten Programm auch nicht den kleinsten Teil verwirklichen können. Wir erinnern an die Schwierigkeiten der sächsischen Regierung, die doch immerhin bei Unterstützung der Kommunisten eine Stimme Mehrheit hat, trotzdem aber hat erleben munen, daß ihre wichtigsten Vorlagen durch Zufallsmehrheiten abgelehnt wurden. Wie sollte es da erst einer Reichsregierung ergehen, die nicht wie die sächsische einundfünfzig Prozent des Parlaments, sondern höchstens dreiundvierzig hinter sich hat" Damit sind wir am entscheidenden Punkt. Denn die Freiheit bezeichnet selber als die wichtigste Aufgabe der neuen Regierung, den Kampf um die Verteilung der Wiedergutmachungslasten so zu führen, daß die Hauptlast auf die Schultern der Besitzenden gelegt wird und„mit aller Rücksichtslosigkeit und Energie die Widerstände der besitzenden Klassen überwunden“ werden. Wie soll das eine sozialistische Minderheitsregierung machen, wenn ihr das Parlament noch so gut ausgearbeitete Vorlagen zerrissen vor die Füße wirft oder in ihr Gegenteil verkehrt? Ihre Ohnmacht, ihr Programm durchzuführen, würde sie zur Lächerlichkeit verurteilen. Nun aber gibt die Freiheit selber zu verstehen, daß sie in der Frage der Lastenverteilung doch zu gewissen bürgerlichen Elementen der jetzigen Koalitionsregierung Vertrauen hat. Sie schreibt nämlich, nachdem sie die Bestrebungen des Großkapitals geschildert hat, sich den Lasten des Ultimatums zu entziehen: Es ist unter diesen Umständen verständlich, daß die bürgerlichen Parteien bereits jetzt ihren Feldzug gegen den ihnen unsympathischen Minister Wirth begonnen haben und alles daran setzen, um das bisher noch nicht komplettierte Kabinett durch Heranziehung der Deutschen Volkspartei zu ergänzen. Wenn der Freiheit der Feldzug der Besitzenden gegen den Reichskanzler Wirth verständlich erscheint, so muß sie doch Herrn Wirth für den Mann halten, der der Steuerschen des Großkapitals kräftig entgegenarbeitet. Und in der Tat beweist ja die Vergangenheit Wirths als Finanzminister, daß er dies Vertrauen verdient. Was müßte also für die Unabhängigen näher liegen, als daß sie diesen Mann aufs wärmste unterstützen, was freilich nicht geht, solange man die Rolle des unbeteiligten Zuschauers spielt. In der Tat sind die Unabhängigen für die Weiterentwicklung der Verhältnisse in viel höherem Maße verantwortlich, als sie der Welt glauben machen wollen. Wenn die NSPD. das Bestreben gewisser bürgerlicher Kreise, die Volkspartei in die Koalition hineinzubringen, mit berechtigter Sorge betrachtet, so hat sie es in der Hand, diesen bürgerlichen Kreisen ihre besten Trümpfe aus der Hand zu schlagen. Die Freiheit läßt an mehreren Stellen ihres Artikels deutlich genug durchblicken, daß ihr der Reichskanzler Wirth nicht unsympathisch ist, daß die jetzige gemischte Koalition einer rein bürgerlichen Regierung vorzuziehen, daß eine Berlängerung der Koalition nach rechts schädlich ist. Es genügt aber nicht nur, solche Dinge zu sagen, sondern es muß auch dieser Erkenntnis gemäß gehandelt werden. Auch die Schlußalternative, welche die Freiheit der Regierung stellt— mit der Arbeiterschaft gegen die Reaktion oder gegen die Arbeiterklasse—, wäre sinnlos, wenn die Freiheit der Regierung nicht die innere Fähigkeit zusprechen würde, mit der Arbeiterklasse zu gehen. Eine solche Regierung aber, die man infolge ihres gemischten Charakters vielleicht für schwankend oder nicht entschieden genug hält, verbessert man von links nur zweckmäßig, indem man durch direkte oder indirekte Beteiligung das linke Element verstärkt. Die Bedenken der Freiheit, daß die Regierung die Entwaffnung und die Bestrafung der Kriegsschuldigen mit der nötigen Energie betreiben würde, erweisen sich heute schon teils durch die Tatsachen als unbegründet— die Freiheit beachte nur das heutige Wutgeheul der Deutschen Tageszeitung—, teils lassen sie sich gleichfalls durch den oben angegebenen Wegam besten beseitigen. Der Artikel der Freiheit beweist also nicht, daß es ein Fehler der Sozialdemokratie war, in die Regierung zu gehen, sondern daß es der Fehler der Unabhängigen ist, aus Prinzipienreiterei abseits zu stehen. Wir haben den Ausführungen des Vorwärts nichts hinzuzufügen. Es sind Gedanken, die wir seit dem Bestehen des Kabinetts Wirth=Bauer vertreten haben. Die USPD. verschließt sich, das geht aus einem Teil ihrer Presse, besonders aus der Freiheit bervor, dem Ernst der Situation nicht. Daß die Situation im Lanfe dieser Woche kritisch wird, und daß es der Sozialdemokratie nicht einfällt, die Kastanien aus dem Feuer zu holen und die Prügel der Unabhängigen einzustecken, haben weite Kreise der Unabhängigen im Laufe der verflossenen Woche begriffen, wie die Ausführungen der Freiheit tagtäglich beweisen. Das Gebot der Stunde heißt auch für die Unabhängigen: Wie ist es möglich, den Zusammenschluß der antikapitalistisch orientierten Kreise der deutschen Bevölkerung zu erreichen, um dem Vorstoß der Deutschen Volkspartei und des deutschen Kapitalismus in den nächsten Tagen mit Erfolg begegnen zu können? Diese Aufgabe muß die Kräfte aller in Anspruch nehmen, die es ernst mit der Vertretung der Interessen der Arbeiterschaft meinen. Unzureichende Versuche um kleine Partei=Interessen, die Zersplitterung der Arbeiterschaft weiter zu treiben, wie es die Elberselder Bolkstribüne in einem sehr belanglosen Artikel und ohne durchschlagende Argumente noch am Samstag versuchte, müssen sich im gegenwärtigen Moment furchtbar rächen. Abenauer spricht und schreibt offen von einer Verlängerung des Arbeitstages. Es ist eine Stimme von vielen, die wohl in jedem ernsten Politiker die Gewißheit reifen lassen, daß angesichts der drohenden Gefahr die Arbeiterschaft des häuslichen Streites müde ist und zu dem Entschluß kommen wird, in ihren Lebensinteressen mit den kleinen Nörglern und Parteiegoisten Schluß zu machen. Die Götterdämmerung. Vollständig verkracht. Die Kommunistische Parteizentrale hat in Uebereinstimmung mit dem Zentralausschuß geglaubt, die nach dem Märzputsch innerhalb der Partei auftauchende Opposition durch den Ausschluß von Dr. Paul Levi mundtot zu machen. Diese Erwartungen sind nicht in Erfüllung gegangen. Die Opposition innerhalb der VKVD. lebt meiter. Das geht besonders aus einer Veröffentlichung der Berliner Freiheit hervor, die in drei Spalten ihres Blattes bisher unbekanntes Material wiedergibt, das die Anhänger Paul Levis zur Information über die Zustände in der Vartei und über die Folgen der Märzaktion an kommunistische Mitglieder verschicken. In diesem Material wird zunächst festgestellt, daß die kommunistische Behauptung, die Märzaktion habe eine Kräftigung der Partei und eine Erhöhung ihrer Schlagkraft gebracht, ein„erneutes Beschwindeln der Mitgliedschaft“ bedeutet. Zur Begründung dieser Behauptung werden dann Vergleiche aufgestellt, die den Mitgliederstand einzelner Organisationen vor und nach der Märzaktion kennzeichnen. Danach ist die Groß=Berliner Oraanisation seit dem Märzputsch um 15000 Mitglieder zurückgegangen und auch der kommunistische Einfluß in den Betrieben nach der Märzaktion öußerst eingedämmt worden. Ueber die Verhältnisse im Reich wird folgendes mitgeteilt? Hannover: Von 3000 Mitgliedern beteiligte sich— eins am Streik und wurde gemaßregelt, Hembura: 550 Funttionäre gemaßregelt. Gewerkschaftsarbeit fast völlig lahmgelegt. Ein großer Teil der Mitglieder verweigert die Beitragszahlung. Mittelrhein: In Anwesenheit des Zentralmitgliedes Dr. Ernst Meyer lehnte eine Funktionärkonferenz die Beteiligung am Streik einstimmig ab. Dennoch berichtet Meyer auf der letzten Zentralausschußsitzung: Die mittelrheinische Bezirksleitung habe den Streik provoziert! Elberfeld: Massenflucht aus der Partei, Gewerkschaftsarbeit völlig lahmgelegt. Düsseldorf: Obwohl hier überhaupt kein Streik gewesen, billigten die Funktionäre die Aktion und alle sonstigen Maßnahmen der Zentrale. Bergarbeiterbewegung im Ruhrgebiet: Unser starker Einfluß auf die Bergarbeiter ist völlig zum Teufel. Nachdem vor kurzem erst die Bergarbeiter aus der Arbeitsgemeinschaft mit den Unternehmern ausgetreten, sind sie nunmehr wieder völlig in der Hand des alten Bergarbeiterverbandes. Damit ist zunächst die Möglichkeit revolutionärer Aktionen mit den Bergarbeitern, die vor der Aktion durchaus wahrscheinlich war, glatt erledigt. Auch aus den übrigen Teilen des Reiches ist der Führung der oppositionellen„Zelle“ in der VKPD. von ähnlichen Verhältnissen Mitteilung gemacht worden. Unter der Ueberschrift„Wie gelogen wird“ benutzt Levi diese Mitteilungen über den Stand der kommunistischen Organisationen im Reich, um sich gegen den Vorwurf der Verleumdung, Fälschung usw. zu verteidigen, u. a. stellt er besonders fest, daß sich die Partei in Württemberg an der Märzaktion zwar nicht beteiligt habe, aber der Zentrale nach Erledigung des Märzputsches ein Vertrauensvotum ausstellte. Dieses Beispiel soll zeigen, wie das„Vertrauen der Massen“ zustande kam, dessen sich die kommunistische Zentrale immer noch rühmt. Levi schließt: „Um die Partei zu retten, müssen jetzt die bekämpft werden, die durch den Märzputsch gegen den Willen der breiten Massen die Mitglieder ins Berderben gestürzt haben.“ Das weitere Material richtet sich dann gegen die kommunistische Behauptung, nach der die Märzaktion eine Folge des Vorgehens von Hörsing in Mitteldeutschland gewesen sei.„Die Märzaktion war beschlossen," heißt es,„ehe irgend etwas von den Vorgängen in Mitteldeutschland bekannt geworden war.“ Eingehend schildert dann Levi, wie auf Anregung von Vertretern des Moskauer Exekutivkomitees in einer Zentralausschußsitzung die neue Putsch= und Provokationstheorie besprochen wurde, noch bevor das Vorgehen Hörsings gegen das Verbrechertum in Mitteldeutschland bekannt wurde. Daß die Putschtaktik, wie sie vor der Märzaktion in Deutschland die KAPD. vertrat, jetzt zur Taktik der Moskauer Exekutive geworden ist, beweist Levi an einer Unterredung, die Kurt Geyer auf der Fahrt nach Rußland mit Sinowjew gehabt hat. Daraus geht hervor, daß die Exckutive der„Sekteneinstellung“ der sogenannten„Linken Kommunismus" nach der Art der KAPD. zuneigt. Auch die Haltung der Moskauer Exekutive, wie sie in dem weiteren Material geschildert wird, zeigt, daß man in Moskau der Meinung ist, daß„die putschistische Taktik der KAPD. für Deutschland die richtige sei“. Wie die Veröffentlichungen besagen, soll die Kommunistische Arbeiterpartei„unter allen Umständen als Antreiberin und Kontrollorgan der BKPD., sympathisierendes Mitglied bleiben. Die Tendenz ist die Verschmelzung der KAPD. mit der VKPD. Zum Schluß geht das von den oppositionellen Kommunisten herausgegebene Material auf die Einzelheiten ein, die zum Zustandekommen der Märzaktion führten. Einwandfrei geht aus diesen Einzelbeiten hervor, daß der kommunistische Putsch dieses Jahres lediglich auf den Einfluß russischer Agenten zurückzuführen ist, die durch Verlogenheit das Erekutivkomitee in Moskau über die tatsächlichen Verhältnisse getäuscht haben. In Gegenwari von Kurt Gener hat so ein Vertrauensmann von Moskau, der sich größtenteils in Deulschland aufhält, dafür gesprochen daß die VKPD. die bayerische Organisation provozieren müsse, um so den Anfang mit der Offensivtaitik zu machen und zur Förderung der deutschen Revolution beizutragen. Kurt Geyer hat gegen diese Methoden energisch protestiert, aber trotzdem stimmte die Exekutive den Ausführungen ihres Vertrauensmannes zu und„sandte ihn nach Deutschland, damit er sie in die Tat umsetze". Dieses Tatsachenmaterial des Anhangs von Paul Levi bestätigt somit vor allem jene Behauptung, die von unserer Seite oft aufgestellt wurde, daß die kommunistische Märzaktion auf Befehl von Moskau in Deutschland inszeniert werden mußte. Zum anderen nehmen die umfangreichen Veröffentlichungen der kommunistischen Parteizentrale, die trotz aller Mißerfolge auch heute noch auf einen Putsch hinarbeitet, aber auch die bisherige Taktik. Nach diesen Tatsachen, die bisher von kommunistischer Seite gegen die Moskauer Weltbeglücker in Deutschland der Oeffentlichkeit unterbreitet wurden, muß festgestellt werden, daß sich die kommunistische Bewegung in Deutschland nur auf Lügen und Verhetzungen aufbaut, die im persönlichen Interesse einzelner kommunistischer Agitatoren angewandt werden. Wir ind uns dessen bewußt, daß auch diesmal die deutschen Kommunisten die neuen Festellungen Paul Levis mit einer nichtswürdigen Ableugnung beantworten werden. Jetzt wird den Weltbeglückern eine Ableugnung aber um so schwerer fallen, als neben dem ausgeschlossenen Dr. Paul Levi auch der Oberrevolutionär Kurt Geyer, der noch Mitglied der Partei ist, als Zeuge auftritt. Die Veröffentlichungen der oppositionellen„Zelle“ innerhalb der VKPD. zeigen aber auch, daß die Partei die eingedämmten Weben noch nicht überstanden hat. Unter den obwaltenden Umständen wird es den Stöcker und Brandler schwer fallen, sich ohne neue Gewaltmaßnahmen noch länger am Ruder zu halten. Daß die Kommunistische Partei einer Spaltung entgegengeht, bedarf nach den jüngsten Vorkommnissen und nach den Streitigkeiten, die in der Partei vorberrschend sind, keines Beweises mehr. Immer mehr zeigen die Kommunisten, daß ihre Organisation lediglich kapitalistischen Interessen dient, indem sie vergangenen Spaltungen der Arbeiterschaft neue Zersplitterungen folgen lassen. Vor diesen Wahrheiten und den Folgen, die sich jeder an den fünf Fingern abzählen kann, sollten die Arbeiter, soweit sie von Haß und aus Not zu den Kommunisten getrieben wurden, die Augen nicht verschließen. Nicht Trennung und Zersplitterung, sondern Einigung ist die Parole, die allein imstande ist, die Arbeiterbewegung vorwärts zu treiben. Als wir in der Woche vor Östern darauf hinwiesen, daß der Putsch in Mitteldeutschland von Moskau befohlen und von russischen Agenten inszeniert sei, machte sich manche gegenteilige Meinung bemerkbar. Unsere Annahmen werden jetzt von Kommunisten selbst bestätigt. In den Ausführungen Levis ist das, was er über den Genossen Hörsing sagt, von Bedeutung. Wie bekannt, war es die Elberfelder Volkstribüne, die sich kommunistischer als die Kommunisten gebärdete und in kindischer Aufregung von Hörsings weißem Schrecken und von der Provokation durch das Eingreifen der Schupo“ sprach. Jetzt wird die Volkstribüne von Levi und dem Oberrevolutionär Kurt Geyer selbst widerlegt. Wir registrieren diesen Fall und verfügen über das nötige Mitleid, ihn nicht weiter zu kommentieren. In dem Situationsbericht aus dem Reich wird in bezug auf die Bergarbeiterbewegung im Ruhrgebiet gesagt, daß der sogenannte alte Bergarbeiterverband die Kommunisten fest in der Hand hat. Das trifft zu. Eenaue Kenner des Ruhrreviers versichern uns, daß die Rolle der Unabhängigen und Kommunisten im Ruhrrevier, die sich bis jetzt wenig von einander unterscheiden, ausgespielt ist. Man muß angesichts dieser Tatsachen mit dem Versuch rechnen, die Ruhrbergarbeiter wieder in das überradikale Lager zu treiben. Wie uns aus verschiedenen Orten gemeldet wird, hat man in kommunistischen Kreisen begonnen, die Verhinderung der Ausfuhr der sogenannten Sparkohle zu provagieren. Eine solche Verhinderung ist mit den englischen Gewerkschaften, besonders mit der englischen Bergarbeiterorganisation auch nicht einmal besprochen worden. Wenn der Gedanke Aussicht auf Erfolg haben kann, so könnte es sich nur um eine internationale Aktion handeln. Wir sind soweit Eaoisten und haben soviel Verantwortungsgefühl gegenüber der deutschen Arbeiterschaft, daß wir klar aussprechen müssen, kaß, wenn man wirklich die Sparkohle nicht nach England hineinkommen lassen will, dieses in erster Linie Aufgabe der belgischen, französischen und holländischen Transportarbeiter ist. Wir sind zur Lieferung der sogenannten Sparkohle vertraglich verpflichtet. Erfolgt sie nicht, so ist damit zu rechnen, daß gerade der französische Imperialismus die Zwangslage des deutschen Reiches im gegenwärtigen kritischen Moment benutzen wird, um seine imperialistischen Ziele gegen die deutsche Arbeiterschaft und auch gegen den Widerstand der Arbeiter im eigenen Land durchzudrücken. Wir sind überzeugt, daß sich die gegenwärtigen Führer der Kommunisten Stöcker und Brandler, die sich nur durch Gewalttaten am Ruder halten und durch neue„iebolutionen im Wasserglase“ die Spaltung der V#PT. verhüten können, darüber hinwegsetzen werden. wie sich unter den Unabhängigen im Ruhrbezirk genug Leute finden werden, die ganz bestimmt auf diesen Leim kriechen. Uns ist's recht. Sollten wir mit diesem kommunistisch=unabhängigen Vorstoß in dieser Woche zu rechnen haben, dann wissen wir heute schon, daß die Auswirkungen auf die Ruhr=Bergarbeiterschaft kaum nennenswerte sein werden. Im Grunde genommen handelt es sich bezüglich der geäußerten Annahmen um einen Trick der verschiedenen„Unions“ der Kommunisten und Unabhängigen, den Gewerkschaften, dem alten Bergarbeiterverband, die Verantwortung für eine derartige Aktion zuzuschieben, um dann, im Falle der Ablehnung, die selbstverständlich eintritt und eintreten muß, kleinliche Geschäfte zu machen. Wir sind überzeugt, daß die Ausführung des Projektes eine neue Niederlage des Ueberradikalismus bedeuten wird. Der Vorstoß gegen Kattowitz. WTB. berichtet unter dem 21. Mai: Heute gelang es dem deutschen Plebiszitkommissar Dr. Urbanek. Oppeln zu erreichen. Der deutsche Plebiszitkommissar erstattete der Interalliierten Kommission einen eingehenden Bericht, der den ungeheuren Ernst der Lage widerspiegelt. Die belagerten Städte sind aufs schlimmste bedroht. Es bestätigt sich, daß der Stadt Kattowitz seit dem 20. Mai abends 6 Uhr durch die polnischen Aufrührer die Versorgung mit Wasser und Licht unmöglich gemacht worden ist. Nach den eingelaufenen Berichten über den Vorstoß der Polen bei Costau ist einwandfrei festgestellt worden, daß der größte Teil der Angreifer über die polnische Grenze gekommen ist. Die deutschen Verteidiger mußten vorerst zurückweichen, es gelang aber später, den Ort von den polnischen Eindringlingen wieder zu säubern, die wieder über die Grenze zurückwichen. Die volnischen Militärpostierungen an der Grenze haben die Angreifer ungehindert durchgelassen und haben ebenso auch die Zurückweichenden an der Ueberschreitung der Grenze nicht gehindert. Die auf oberschlesischem Boden festgenommenen Insurgenten haben übereinstimmend ausgesagt, daß sie im Lager Krotoschin bei Posen zur Teilnahme am oberschlesischen Aufstand ausgebildet worden seien. Die Ausbildung sei von einem französischen Major geleitet worden. Nach erfolglosen Vorstößen der Insurgenten in der Gegend von Krappitz wurden diese heute gezwungen, mehrere von ihnen bisher besetzt gehaltene Orte zu räumen. Die Aufrührer mußten einige Geschütze, mehrere Maschinengewehre und andere Waffen zurücklassen. Die gestrigen Kämpfe. WTB. Oppeln, 22. Mai.(Drahtbericht.) Auch im Laufe des heutigen Tages war es unmöglich, mit den bedrohten Städten des oberschlesischen Industriegebietes irgendwelche Verbindungen zu erhalten, da nach wie vor alle Drahtleitungen gestört sind. Aus den Kreisen Kreuzburg und Rosenbera wird übereinstimmend von starken Truppenansammlungen jenseits der Grenze berichtet. Polnische Verstärkungen haben bereits die Grenze überschritten. Auch sind Waffennachschube erfolgt. Im Zusammenhang damit ist es heute zu schweren Kämpfen in der Gegend von Rosenberg aekommen. Nach den bisherigen Meldungen mußten die Aufständischen vorerst Albrechtsdorf, Alt=Rosenberg und Lowaschau räumen, doch liegen über den endgültigen Ausgang dieser zweifellos schweren Zusammenstöße abschließende Meldungen noch nicht vor. Pei Gogolin im Kreise Groß=Strehlitz blieben Angriffe der Insurgenten erfolglos. In der Nähe von Goaolin wurden grauenhaft zugerichtete Leichen deutscher Apobeamten aufgefunden. In den übrigen Kreisen ist die Lage im wesentlichen unverändert, Die tschecho-slowakische Sozialdemokratie. Ein Beispiel. WTB. Prag. 22. Mai.(Tschechoslovakisches Pressebureau.) Heute fand im Repräsentantenhause ein Kongreß der Vertreter der tschechoflerakischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei unter dem Vorsitz des Abg. Nemec statt. Nach Erstattung von Referaten über Organisations= und politische Fragen wurde eine Entschließung einstimmig angenommen, in welcher sich die Sozialdemokratie prinzipiell für eine parlamentarische Regierung erklärt. Dann fährt die Entschließung fort: Die Sozialdemokratie weigert sich, an der Regierung und Verwaltung des Staates teilzunehmen und die Mitverantwortung für das Schicksal der Republik zu übernehmen. Sie kann mit den Parteien der Bourgeoisie solange keine gemeinsame Regierung bilden, als diese nicht die berechtigten wirtschaftlichen und sozialen Forderungen des tschechoslovakischen Bolkes und die nationalen Forderungen der Deutschen berücksichtigt. Sollten die bürgerlichen Parteien in ihrem Widerstande gegen die dringende Notwendigkeit der sozialen Entwicklung verharren, so würde die Sozialdemokratie Neuwahlen vorschlagen. Des weiteren wurde eine Resolution des Abg. Stivin angenommen, in welcher das Bedauern darüber ausgesprochen wird, daß bei der gegenwärtigen Situation mit einer Teilnahme der deutschen Sczialdemokraten an einer parlamentarischen Regierung nicht gerechnet werden könne, da sie ihre politische Taktik vorher vom nationalen Opportunismus(?) bestimmen lasse. Ferner wurde eine Kundgebung der Tschecho=karpatho=russischen Delegierten gegen die Autonomie der Slovakei und der KarpathoRussen angenommen. Der Kongreß genehmigte schließlich ein Manifest an das arbeitende tschecho-slovakische Volk, welches auf die Gründung der Kommunistischen Partei bezug nimmt. Jagow nicht amnestiert. Berlin, 23. Mai.(Eig. Drahtbericht.) Schon vor einigen Tagen ging durch die Presse die Meldung, daß der frühere Berliner Polizeipräsident von Jagow durch den Oberreichsanwalt amnestiert worden sei. Ein Vertreter der Vossischen Zeitung hat nunmehr Gelegenheit genommen, den Oberreichsanwalt über den Sachverhalt zu befragen. Nach den erhaltenen Mitteilungen kann von einer Amnestie Jagows keine Rede sein, da die Untersuchung gegen ihn ihre Fortsetzung nimmt. Gegenwärtig sollen sich die Akten beim Untersuchungsrichter befinden. Richtig sei, daß Jagow gegen Stellung einer Kaution von 500 000 A auf freien Fuß gesetzt wurde. Die Annahme der Kaution sei erfüllt, um Jagow von der Haft zu rerschonen, da er gesundheillich stark angegriffen sei. Ueber den Aufenthalt des früheren Polizeipräsidenten machte der Oberreichsanwalt keine Angaben, da er nicht informiert sei. Auflösung der Freikorps. Von Friedr. Stampfer. Als vor mehreren Wochen die ersten Nachrichten von der Bilbung von Freiwilligenverbänden in Ostdeutschland auftauchten, war es die Sozialdemokratische Partei, die sofort gegen dieses Unternehmen Einspruch erbob. Sie übersah nicht den guten Millen einzelner Personen, die sich daran beteiligt hatten, erkannte aber auch desto klarer die mit ihm verbundenen äußeren und inneren Gefahren. Nach dem Friedensvertrag von Versailles ist die Formierung bewaffneter Streitkräfte über die kontingentierte Reichswehr und Polizeimacht hinaus unzulässig. Die Bildung von Freikorps war also etwas, was alle Gegner Deutschlands als eine Vertragsverletzung ausschreien konnten, wobei sie das Buchstabenrecht des Vertrages zweifellos auf ihrer Seite hatten. Bei einem Zusammenstoß mit regulärem polnischen Militär— und auf den rechnete man damals— wären die Freikorps durch mangelhafte Bewaffnung im Nachteil gewesen, außerdem liefen ihre gefangenen Mitglieder Gefahr, als Heckenschützen behandelt zu werden. Dazu kommt noch die Erfahrung, daß derartige Freikorps, die von der Staatsgewalt unabhängig sind, sich selber gewaltsam in die Angelegenheiten der inneren Politik einmischen und dadurch die Gefahr einer reaktionären Schreckensherrschaft heraufbeschwören. Den Oberschlesiern konnten die Freikorps auf keinen Fall helfen. Denn Ordnung im Lande kann nur hergestellt werden von einer Truppe, die ihren Dienst im Einverständnis mit der Interalliierten Kommission ausübt, vorausgesetzt, daß diese Kommission gleichzeitig Willens und imstande ist, eine Gegenaktion von Polen her zü verhindern. Kann und will sie das nicht, dann würde Oberschlesien durch das Eingreifen deutscher Streitkräfte für eine ganz unbestimmt lange Zeit zum Kriegsschauplatz, und es wäre ganz ungewiß, wom zum Schluß das übrig gebliebene Trümmerfeld zufallen würde. Für die schon hart genug geprüften Oberschlesier ware ein Einmarsch deutscher Streitkräfte ohne Zustimmung der Interalliierten Kommission der schlimmste Bärendienst. Nun hat Lloyd George in seiner berühmten Rede für das Recht Deutschlands plädiert, mit seinen eigenen Streitkräften in Oberschlesien die Ordnung wieder herzustellen, und nach einer Mitteilung des Pariser Journal soll England in Paris angefragt haben, welche Haltung Frankreich einnehmen würde, wenn deutsche Streitkräfte in Oberschlesien eindrängen. Die französische Regierung habe auf diese Frage eine Antwort nicht erteilt, und das Journal weist darauf hin, daß die Antwort in der Erklärung Briands vom vorletzten Sonnabend schon gegeben sei. Diese Antwort lautete aber bekanntlich dahin, daß Frankreich das Eindringen deutscher Streitkräfte in Oberschlesien als einen Kriegsfall betrachten werde. Der englische Premierminister hat auf jeden Fall eine schwere Verantwortung auf sich genommen, indem er Deutschland zu eigenmächtigem Vorgehen in Oberschlesien ermutigte. Aber sicherlich hat auch Lloyd George dabei nur an die Verwendung von Reichswehr gedacht, der einzigen Truppe, auf die der Begriff„deutsche Streitkräfte" in seiner staats= und völkerrechtlichen Bedeulung zutrifft Freikorps, die nicht auf Befehl der Regierung gebildet sind, und die nicht fest in der Hand der Regierung bleiben, sind eben keine„deutschen Streitkräfte", sondern private Unternehmungen dunkler Herkunft, für die der Staat keine Verantwortung übernehmen kann. Würde Lloyd Georges Standpunkt in der Interalliierten Kommission durchdringen, der die Entscheidung über die Verwendung deutscher Streitkräfte zusteht, so käme zunächst zweierlei in Betracht: Erstens der Einsatz von Reichswehr, zweitens die Angliederung von deutschgesinnten Bewohnern Oberschlesiens on die Abstimmungspolizei, wie sie ja schon in verschiedenen Gegenden erfolgt ist. Diese beiden Mittel würden mit allergrößter Wahrscheinlichkeit vollständig dazu ausreichen, der Bewegung Herr zu werden. Wäre dies dennoch nicht der Fall, so könnten weitere Auffüllungen der Mannschaftsbestände nur im Einverständnis mit der Interalliierten Kommission erfolgen, und zwar würde dann der Ersatz zweifellos entweder i die Reichswehr oder in die Abstimmungspolizei eingereiht werden, nicht aber in Freiwilligenkorps, die auf eigene Faust Krieg führen. Heute besteht die Gefahr, daß durch eigenmächtiges Vorgehen dieses oder jenes Freikorps Deutschland in einen internationalen Sonflikt hineingerissen wird, deren Tragweite sich gar nicht absehen laßt. Deutschland täme dann diesem Freikorps gegenuber genau in dieselbe Lage, in der sich Polen den Korfanty=Banden gegenüber befindet, d. h., es müßte dieses eigenmächtige Vorgehen verurteilen und jede Verbindung mit den eigenmächtig vorgehenden Streitkräften verleugnen. Ob aber Deutschland mit dieser Methode ebensogut durchkommen würde, wie Polen bisher mit ihr durchgekommen ist, das ist angesichts der in Europa zurzeit herrschenden Nachtverhältnisse noch sehr die Frage. Aus all diesen Gründen können wir keinen Nachteil darin erblicken, daß jetzt auf eine Auffordrung der Entente hin mit den Freikorps ein Ende gemacht werden soll. Das liegt in Deutschlands eigenem Interesse. Lokales Elberfeld=Barmen. Aus dem Wuppertaler Gewerkschaftsleben. 65 000 freiorganisierte Mitglieder! Aus dem Sekretariat der Gewerkschaftskommission wird uns geschrieben: Die Gewerkschaftskommission vereinigte nach einer vom Sekretariat im November 1920 vorgenommenen Erhebung rund 68000 Mitglieder. Für jeden mit den Verhältnissen Vertrauten war es klar, daß die bestehende latente Wirtschaftskrise nicht ohne Einfluß auf die Gewerkschaftsbewegung bleiben konnte. Es war mithin ohne weiteres mit einem Rückgang der Mitgliederzahl zu rechnen. In verschiedenen Industrien und Gewerben sieht es mit der Beschäftigung geradezu trostlos aus. In manchen Betrieben ist die Zahl der Beschäftigten um 30, 40, ja bis zu 60 Prozent zurückgegangen. Oft taucht die Frage auf, wo denn die vielen früher Beschäftigten hingekommen sind, da es im Wuppertale keine aufnahmefähige Industrie gibt. Die von den Arbeitsnachweisen laufend veröffentlichten Zahlen der Erwerbslosen können den richtigen Stand der Wirtschaftskrise auch nicht anzeigen, da sich leider nicht sämtliche Erwerbslose eintragen lassen. Das ergibt sich auch aus den laufend vorgenommenen Erhebungen der Gewerkschaftskommission. Die Zahl der gemeldeten organisierten arbeitslosen Mitglieder bei den Gewerkschaften ist oft so groß, wie die von den Arbeitsämtern gemeldeten. Es muß dabei in Betracht gezogen werden, daß von der Erhebung der Gewerkschaftskommission nur die freiorganisierten Arbeiter, Arbeiterinnen und Angestellten erfaßt werden. Die letzte vom Sekretariat vorgenommene Exhebung ist ein ungefähres Spiegelbild der bestehenden Verhältnisse. Am 1. Januar 1921 waren der Gewerkschaftskommission 40 Zahlstellen von 36 Zentralverkönden angeschlossen. Von den 40 Zahlstellen haben 30 Zahlstellen berichtet, 10 Zahlstellen mit ca. 1300 Mitgliedern haben nicht berichtet. Nach den Berichten zählten die berichtenden Gewerkschaften am 1. Januar 1921 45 557 männliche, 18 036 weibliche, zusammen 63 593 Mitglieder. Die in den nicht berichtenden Zahlstellen enthaltenen 1300 Mitglieder hinzugerechnet, ergibt eine Gesamtzahl von 61 893 Mitgliedern. Es ist somit gegen den 1. November 1920 eine Verminderung der Mitgliederzahl von 3107 zu verzeichnen.— Am 1. April waren der Gewerkschaftskommission angeschlossen 41 Zahlstellen von 97 Zentralverbänden. Neu hinzugekommen ist die Zahlstelle der Glaser und Schriftenmaler. 10 Zahlstellen haben nicht berichtet. Diese Zahlstellen zählen nach den früheren Erhebungen nach Abzug eines normalen Rückganges 1400 Mitglieder. Nach den eingelaufenen Berichtsbogen verfügten die 31 berichtenden Zahlstellen über 44 934 männliche, 17 808 weibliche, zusammen über 62787 Mitglieder. Die Mitglieder der nichtberichtenden Zahlstellen hinzugerechnet, ergibt einen Gesamtmitgliederbestand von 64 137. Das ist eine Verminderung gegen den Stand des 1. Januar um 756 Mitglieder. Der Verlust verteilt sich fast gleichmößig auf mannliche und weibliche Mitglieder. Der Markenumsatz der Zahlstellen, die berichtet haben, betrug 416 056 für männliche, 198 323 für weibliche Mitglieder, zusammen 614379. Den prozentual stärksten Markenumsatz weist der Metallarbeitetverband auf, der bei 11594 männlichen und 1925 weiblichen Mitgliedern einen Markenun satz von 161020 aufweist, für das einzelne Mitglied knapp 12 Marken. Arbeitslose waren verbanden amn 1. April 3740 männliche, 1994 weibliche, zusammen 5734 Mitglieder. Die verhältnismaßig stärkste Arbeitslosigkeit wird aus der Metallindustrie gemeldet. Der Metallarbeiterverband hatte 1755 männliche, 380 weibliche, zusammen 2135 arbeitslose Mitglieder, während von dem zahlenmäßig stärkeren Textilarbeiterverband 746 männliche, 1195 weibliche, zusammen 1941 arbeitslose Mitglieder gemeldet wurden. Eine auffallend starke Arbeitslosigkeit wird vom Buchbinderund Fabrikarbeiterverband gemeldet. Am besten scheint das Holz= und Baugewerve zu stehen. Der Dachdeckerverband hat keine, der Holzarbeiterverband prozentual die niedrigste Arbeitslosenziffer, ihm folgt der Bauarbeiterverband. Die ganze Wucht der bestehenden Wirtschaftskrise lastet auf den maßgebenden Industrien: Metall=, Textil=, chemische Industrie. Eine Lösung der Krise kann nicht durch Palliativmittel, auch nicht durch die produktive Erwerbslosenfürsorge erfolgen, dies kann nür geschehen durch die vollkommene Beseitigung der bestehenden Wirtschaftsordnung. Sicher kann durch eine gut organisierte produktive Erwerbslosenfürsorge manches Elend gemildert werden, beseitigt wird damit aber der bestehende, seit Jahren andauernde Zustand vollkommener Stagnativn nicht. Aus dem Reiche wird eine Zunahme der Arbeitslosigkeit gemeldet, eine Folge teils der Ententemaßnahmen, teils des bestehenden allgemeinen wirtschaftlichen Zustandes. Die demnächst erfolgenden Erhöhungen der Kohlenpreise werden den Zustand noch verschlimmern. So sind die Perspektiven für die Zukunft außerordentlich unaunstia. Und jedem Einsichtigen muß es klar sein, daß unsere Gesamtwirtschaft unhaltbar der Katastrophe entgegeneilt. Für das Proletariat entsteht die Frage, ob es in dieser Katastrophe untergehen, zu ewiger Barbarei und Sklaverei verdammt sein will, oder ob es als Klasse die Zukunft der Menschheit retten will. Rettung kann nur die sozialistische Wirtschaft bringen. Diese aber kann nur erreicht werden durch Einheitund geschlossenen Kampf. Von diesen Gesichtspunkten aus muß auch die Gewerkschaftsarbeit und=tätigkeit aufgefaßt werden. So bedauerlich an sich der Rückgang der Mitglieder ist, der Stand der Gewerkschaften, ihr verhältnismaßig geringer Verlust beweist, daß die Bedeutung des Gewerkschaftsgedankens erkannt ist und die Gewerkschaften in der Lage sinog die gewaltigen Stürme unserer Zeit sieghaft zu bestehen. Die Gefahr einer Spaltung dürfte— wenigstens für das Wuppertal— überwunden sein. Auch in unsern Gewerkschaften hat es erbitterte Kämpfe um Weg und Ziel der Arbeiterbewegung gegeben. Die der Arbeiterschaft im Falle einer Spaltung drohende Gefahr hat immer der Erkenntnis von der notwendigen Einheit und Geschlossenheit der Gewerkschaftsbewegung zum Siege verholfen. Damit soll nicht gesagt sein, daß sich nunmehr die Gewerkschaften den kommenden Dingen verschließen und die Verhältnisse einfach treiben lassen sollen. Nein, je energischer die Gewerkschaften die Probleme der Zeit in den Bereich ihrer Einflußsphäre ziehen und bearbeiten, um so kräftiger wird sich der Einheitsgedanke praktisch durchsetzen und schließlich auch die politische Gestaltung beeinflussen. Den Gewerkschaften sind beute ganz andere, weit größere Aufgaben zugewiesen, als vor dem Krieg. Und diese Arbeiten können nur in zäher Arbeit, im ständigen Kampf gelöst werden. Die Waffen nieder. Der Verein Wuppertaler Presse teilt mit: Kapellmeister Kleiber hat am 21. d. M. die von ihm am 3. d. M. gegen Mitglieder der Wuppertaler Presse ausgesprochene Beleidigung, die übrigens nicht auf eine Kritik über Kleibers künstlerische Tätigkeit zurückzuführen ist, unter dem Ausdruck des Bedauerns zuruagenommen. Der Vorstand des Vereins Wuppertaler Presse hält damit die Angelegenheit für erledigt und gibt seinen Mitgliedern anheim, die Berichterstattung über das Wirken Kleibers wieder aufzunehmen. * Die Intendanz der vereinigten Stadttheater teilt mit, daß im Stadttbeater Barmen am Dienstag, den 24. Mai, an Stelle der angezeigten Vorstellung von„Troubadour“„Der Freischütz“ gegeben wird. Diese Vorstellung beginnt bereits um 6.30 Uhr und wird von Herrn Kapellmeister Fritz Zweig geleitet. Am Donnerstag, den 26., wird im Stadttheater Elberfeld nicht „Toska", sondern„Tannhäuser“ gegeben. Diese Vorstellung beginnt auch um 6.30 Uhr. Als Tannhäuser gastiert Derr Kammersänger Joseph Schöffel vom Landestheater Karlsruhe.— Da das Ergebnis des von den Mitgliedern der vereinigten Stadttheater veranstalteten Frühlingsfestes zugunsten ihrer Ferienkasse infolge des frühzeitigen polizeilichen Schlusses ein ungünstiges ist, hat der Theaterausschuß ihnen das Elberfelder und Barmer Theater zu je einer Vorstellung zur Verfügung gestellt. Diese Vorstellung findet in Elberfeld am 27. Mai und in Barmen am 30. Mai, abends 7.30 Uhr, statt. Die Vorstellungen tragen einen besonders festlichen Charakter; während der Pausen Konzerte in der Vorhalle. Da angenommen werden darf, daß diese Vorstellungen sich eines großen Zuspruches erfreuen werden, ist es ratsam, sich rechtzeitig wegen Karten an die Theaterkassen zu wenden. Der Vorverkauf beginnt am Montag, den 23. Mai, 11 Uhr. * Revision landwirtschaftlicher Betriebe. In nächster Zeit werden die technischen Aufsichtsbeamten der rheinischen landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft Revisionen landwirtschaftlicher Betriebe vornehmen. Elberfeld, 23. Mai. Steuererklärung und Steuerhinterziehung. Das Finanzamt schreibt uns: Die Abgabe der Einkommensteuer=Erklärungen läßt es zweckmäßig erscheinen, allen Steuerpflichtigen dringend ans Herz zu legen, ihre Einkommensteuererklärung daraufhin nochmals nachzuprüfen, ob die nach dem Reichseinkommensteuergesetz steuerpflichtigen Erträge auch in voller Höhe angegeben worden sind. Es kann nicht dringend genug davor ewarnt werden, unrichtige Erklärungen abzugeben, da nicht nur ie vorsätzliche, sondern auch die leichtfertige Falschdeklaration als Steuerhinterziehung unter schwere Strafe gestellt ist. Selbst der Versuch der Steuerhinterziehung wird so bestraft, wie die vollendete Hinterziehung. Es sei darauf hingewiesen, daß Geldstrafen bis zum 20fachen Betrage der hinterzogenen Steuern, gegebenenfalls Gefängnisstrafen, Schließung des Betriebes usw., die gesetzlichen Folgen aller Steuerverfehlungen sind. Darum sollte jeder, der bereits eine falsche Erklärung abgegeben hat, diese schleunigst berichtigen, denn wenn auch bereits ein Steuerstrafverfahren gegen ihn schweben sollte, so wird doch die durch die freiwillige Berichtigung an den Tag gelegte Reue unter allen Umständen strafmildernd in Betracht gezogen, und so weit ein Strafverfahren öberhaupt noch nicht eingeleitet sein sollte, ist dem reuigen Steuersünder durch Gesetz sogar vollständige Straffreiheit zugesichert. Dies gilt auch für die schon langst abgegebenen Kriegs= und Besitzsteuer=, Vermögenszuwachssteuer= und Notopfererklärungen. Anderseits muß die Steuerbehörde, wenn der Steuerpflichtige tros der Möglichkeit straffreier Berichtigung bei seinen unwahren Angaben bleibt, unnachsichtlich vorgehen. Wie in steuerlicher Beziehung die Verhältnisse in Elberfeld aussehen, möge jeder Leser aus folgendem entnehmen: Es wurden in jüngster Zeit, nur die rechtskräftig gewordenen und von den Beteiligten selbst zugestandenen Fälle gerechnet, 3,5 Millionen Mark an Nachsteuern, Strafen und Vermögenseinziehungen gegen Steuerhinterzieher festgesetzt. Hierbei sind die kommunalen Nachsteuern, Umsatz= und Gewerbesteuern noch nicht mitgerechnet, ebensowenig die noch schwebenden oder von den Beteiligten angefochtenen Straffälle. Diese Zahlen zeigen aber auch gleichzeitig, wie stark die Steuermoral gesunken sein muß, wenn in kurzer Zeit allein in Elberfeld ein derartiges Ergebnis ergielt wurde. Die Veröffentlichung möge jedem, der kein reines Steuergewissen hat, eine wohlwollende Warnung und zugleich ein Ansporn sein, den drohenden Schaden noch rechtzeitig abzuwenden, allen ehrlichen Steuerzahlern aber eine stille Genugtuung und eine Garantie dafür, daß die Finanzbehörde bestrebt bleibt, alles zu tun, um der steuerlichen Gerechtigkeit Geltung zu verschaffen. Der Kampf der Friseurgehilsen. Arbeitnehmerverband teilt uns mit: Seit 14 Tagen stehen die Friseure in Elberfeld im Kampf. Die Arbeitgeber lehnen nach wie vor ab, eine Erhöhung der Löhne eintreten zu lassen. Es wird versucht, durch Aushungerung die Arbeitnehmer zur bedingungslosen Wiederaufnahme der Arbeit zu zwingen, um dann nach Herzenslust maßregeln und schikanieren zu können. Daß der geforderte Lohn gezahlt werden kann, geht aus der Tatsache hervor, daß folgende Firmen die volle Erhöhung von 60 Mark glatt unterschrieben haben: Friedrich und Gustav Steins, Friedrichstraße, Ernst Afflerbach, Tiergartenstraße, Otto Köster, Tiergartenstraße, Herm. Klingeberger, Kaiserhof. Die Arbeitnehmer des Friseurgewerbes ersuchen die Bürgerschaft, ihre Notfrisier- und Rasierstuven, sowie die bewilligenden Geschäfte zu unterstützen und in Anspruch zu nehmen. Der von der Gewerkschaftskommission Elberfeld=Barmen ausgesprochene Boykott über alle Friseure (ohne und mit Gehilfen) muß streng beachtet werden. Folgende Notrasierstuben sind eingerichtet worden: Kreiskötter, Karlstr. 30, Volkshaus, Hombiichel, Maubach, Friedrichstraße 46, Vestweber, Berlinerstraße, Sauerzopf, Bachstraße, Fromm, Carnaperstr. 52, Henn, Breite= und Auerstr.=Ecke, Berghaus, Aner= und Alsenstr.=Ecke, Petsch, Marienstraße, Kannegießer, Steinbeckerstraße, Kirchhoff, Deweerthstraße, Eberhardt, Sonnborn, Hauptstraße. Tagung der Kommunalbeamten. Gestern fand im gelben Saale der Elberfelder Stadthallé eine Vertreterversammlung des Verbandes der Kommunalbeamten und Angestellten Preußens(Bezirksgruppe Rheinisch=Westfälisches Industriegebiet) statt. Die sehr stark beschickte Versammlung wurde vormittags 11.80 Uhr von dem Verbandsvorsitzenden Stadtverordneten Garbe=Elberfeld mit einer Begrüßungsansprache eröffnet. Der Redner hieß die Vertreter der Nachbargruppen, besonders die von Köln, Essen, Bielefeld usw. herzlich willkommen und betonte dabei, daß bisher vorwiegend wirtschaftliche Fragen im Vordergrunde der Tätigkeit des Verbandes gestanden hätten, daß aber bald soziale Arbeit an die Spitze der Tätigkeit treten werde. Ueber die Verwaltungsreform sei zwar sehr viel gesprochen, es sei aber nicht viel Praktisches geleistet worden.(Lebh. Zustimmung.) Auch in dieser Hinsicht müsse der Verband positive Schritte tun. Ferner gedachte der Redner des Kampfes um Oberschlesien. Um die im Kampfe stebenden Oberschlesier zu ehren, erhoben sich die Versammelten von den Plätzen.— Sodann folgten Begrüßungsansprachen der Vertreter der Ortsgruppen Elberfeld und Köln. — Die Versammlung hörte dann einen Vortrag des Stadtbaurats Dierenbach aus Bochum über„Die Not im Wohnungswesen und Vorschläge zur Förderung des Wohnungsbaues“ an. Herr Diefenbach zeigte in seinem dreiviertelstündigen Vortrage in klarer Weise die bekannten Ursachen der Wohnungsnot. Das Bauen sei heute 15mal teurer als vor dem Kriege. Den einzigen Ausweg aus denr Wohnungselend erblickt Herr Diefenbach darin, die große Kluft zwischen jetzigen Baukosten und Mietpreisen für Altwohnungen zu überbrücken“. Es scheint uns jedoch, daß die von Herrn Diefenkach projektierte Brücke ihre Belastungsprobe nicht besteben wird. Der größte Teil der Mieter wird unter den heutigen Verhältnissen trotz des besten Willens zur„Ueberbrückung nicht in der Lage sein, die nach dem Vorschlage Diefenbachs trotz alledem erforderliche ungeheure Mietpreissteigerung zu ertragen, wenn nicht Lohne und Gehälter in gleichem Maße steigen. Auch Herr Diefenbach hält es für notwendig, daß Löhne und Gehälter mitsteigen. Eine Störung des Wirtschaftslebens befürchtet er nicht; er glaubt, daß die Belastung durch die Belebung des Baumarktes ausgeglichen wird. Vom Reichsmiete= und Wohnungsabgabegesetz im jetzt vorliegenden Entwurf hält Herr Diefenbach nicht viel. Die Mieterrate tragen seiner Ansicht nach lediglich dazu bei, den Streit zu verschärfen und zu komplizieren. Man müsse zum Abbau der Zwangswirtschaft übergehen, dürfe keine neue Beamtenschaft und auch keine neue Baumaschine schaffen. Die Unterhallung der alten Wohnungen müsse durch die Wohnungsämter erzwungen und die Einigungsämter müßten ebenfalls dem Abbau zugeführt werden.— Der Vortcag fand lebhaften Beifall. Eine Aussprache folgte nicht. Der Vorsitzende verlas sodann folgende Entschließungen, die einstimmig angenommen wurden: 1.„Die Bezirksgruppe R. W. J. richtet an Verbandsleitung und Deutschen Beamtenbund die Aufforderung, mit allem Nachdruck dahin zu wirken, daß das verfassungsmäßige Versprechen einer gesetzlichen Beamtenvertretung endlich eingelöst wird. Die Beamtenschaft ist nicht willens, sich fortgesetzt gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen in bezug auf die Schaffung einer gesetzlichen Vertretung zurücksetzen zu lassen.“ 2.„Die Kommunalbeamtenschaft des rheinisch=westfälischen Industriegebiets fordert nach wie vor, daß die Besoldung aller Beamten derselben Besoldungsgruppen an allen Orten dieselbe Kaufkraft baben muß. Weder Ortsklasseneinteilung noch Notzuschläge tragen den ungewöhnlichen Teuerungsverhältnissen im rheinischwestfälischen Industriegebiet ausreichend Rechnung. Sie erhebt deshalb erneut den Anspruch auf Gewährung einer Industriezulage. Die Ortsgruppen werden aufgefordert, diesen Standpunkt in den Ortskartellen des Deutschen Beamtenbundes gemeinsam mit allen übrigen Beamtengruppen zur Geltung zu bringen.“ 3.„Die Vertreterversammlung fordert die Ortsguppen auf, alle geeigneten Kräfte der Kommunalbeämtenschaft, die für die eigene Organisationsarbeit nicht unbedingt erforderlich sind, den Ortskartellen des Deutschen Beamtenbundes zur Mitarbeit zur Verfügung zu stellen. In den Ortskartellen ist für straffe Organisation einzutreten und dahin zu wirken, daß die Ortskartelle sich für die Abgrenzung des Industriekartells nach dem Vorbild der Bezirksgruppe R. W. J. des Kommunalbeamtenverbandes erklären." 4.„Die heutige Vertreterversammlung der Bezirksgruppe R. W. J. des Verbandes der Kommunalbeamten und=Angestellten Preußens sendet den oberschlesischen Kollegen treudeutschen Gruß und spricht ihnen herzliches Mitgefühl aus Anlaß der oberschlesischen Wirren aus. Sie ist überzeugi, daß die Kollegenschaft Oberschlesiens im Kampfe für Deutschlands Recht und deutsches Land an erster Stelle steht.“ e. Eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung findek am Dienstag, den 24. Mai, nachmittags 5 Uhr, statt. Aus der Tages ordnung heben wir bervor: Einführung des Stadtverordneten Paul Adams; Einführung des Beigeordneten Dr. Roth; Festsetzung der Reihenfolge, in der die Beigeordneten den Oberbürgermeiste: zu vertreten haben; nachträgliche Zustimmung zur Verausgabung von 4955,88 Mark für das chemische Untersuchungsamt; Bewilligung von Mitteln zur Verbilligung von Kartoffeln für Minderbemittelte; Baugesuch zur Errichtung von Wohngebäuden an der Varresbeckerstraße.(Erben Friedrich Raben. Vergebungen; Ruhegeldordnung und Bestimmungen über die Hinterbliebenenversorgung für städtische Arbeiter; Gewährung von widerruflichen Unterstützungen an städtische Arbeiter oder deren Witwen; Lohnerhöhung für die städtischen Arbeier; Anrag betr. Abschaffung der Sondergerichte; Erneute Beschlußfassung betr. Zusammensetzung der Scmldeputation; Wahl des Beirats für das Lebensmittelamt; Wahl eines Wirtschaftsausschusses. c. Nähabend. Am Mittwoch, den 25. d. M., findet in der Schule an der Zimmerstraße wieder ein Nähabend für unsere Genossinnen statt. Beginn abends 7 Uhr. c. Die Steuerpflichtigen werden darauf aufmerksam gemacht, daß Zahlungen auf Steuern und Reichsabgaben an die hiesige Finanzkasse aln zweckmäßigsten und einfachsten unter Nr. 98251 Postscheck=Konto Köln erfolgen. Hierbei wird ein längeres Warten auf Abfertigung bei der während der Kassenstunden stark beanspruchten Finanzkasse vermieden. e. Das ausierordentliche Gericht hält am Mittwoch wieder eine Sitzung ab. Die meisten Sachen werden der Strafkammer, andere dem Reichsgericht überwiesen. Die Nettmanner Bankräuber sehen auch noch ihrer Verurteilung entgeaen. c. Wegen schwerer Urkundenfälschung und Betrugsversuchs rerurteilte die Strafkammer Elbecfeld den Postassistent Gustav G. aus Köln=Kalk zu 5 Monaten Gefängnis. Barmen, 23. Mai. Zu der Hetze gegen den Schulrat Meis nahm der Ortsverein Barmen der SPD. folgende Entschließung einstimmig an: „Die stark besuchte Mitgliederversammlung des Ortsvereins Barmen der SPD. vom 21. Mai 1921 protestiert namens der Gesamtmitgliedschaft entschieden gegen die maßlose Hetze gewisser interessierter Kreise gegen die Ernennung des Schulmannes Meis zum Schulrat in Barmen. Sie weiß, daß nur ganz kleine Kreise, deren Kinder zum größten Teile die Volksschule nicht besuchen, die treibenden Kräfte dieser Hetze und. Die Mitgliederversammlung begrüßt die Ernennung eines Volksschullehrers zum Schulrat und erwartet von der Regierung, daß sie sich nicht durch diese künstlich erzeugte Hetze, sondern von rein sachlichen Motiven, ohne Ansehung der rolitischen Anschauungen des Schulrates, bei Erledigung der Frage leiten läßt.“ Sozialdemokratilche Partei. (Ortsverein Barmen). In einer gut besuchten Mitaliederversammlung am Samstagabeno in der„Gloce“ nahm der Ortsverein Barmen zunächst zu der am 5. Juni stattfindenden Unterbezirkskonferenz und zu dem auf den 12. Juni festgesetzten Bezirksvarteitag in Essen Stellung. Zur Unterleezirkskonferenz wurden die Genossinnen Kohnen und Nolzen, sowie die Genossen Schulze, Wawrowsky, Tackenberg und Steinyaus, zum Bezirksparteitag in Essen Genossen Hoff und Nieve gewahlt.— Unschließend daran hielt Reichstagsabgeordneter Genosse Karl Schreck-Bielefeld seinen beifällig aufgenommmen Vortrag über die Gestaltung der sozialistischen Kultur. An der anregend verlaufenen Debatte beteiligten sich die Genossen Riene, Fricke und Schmidt.— Ueber die Notwendigkeit der Beitraaserhöhung sprach Genosse En. Es wurde beschlossen, mit Wirkung vom 1. Juli ab die Beiträge für die männlichen Mitglieder von wöchentlich 50 auf 75 A, für die meiblichen Mitglieder von 30 auf 50* zu erböben, bei den weiblichen Mitgliedern mit der Maßgabe, daß der Beitrag sich auf 66 3 wöchentlich erhöht, falls der Bezirksparteitag die obligatorische Wiedereinführung der Gleichheit für die Parteigenossinnen beschließt. h. Ueberfahren. Am Sonntagvormittag wurde in der Heckingkauserstraße ein 14jähriges Mädchen von einem Fuhrwerk überfahren und hierbei leicht verletzt. Das Mädchen wurde zu einem Arzt gebracht, und konnte, nachdem es sich vom ersten Schrecken erholt hatte, seinen Weg nach der elterlichen Wohnung in der Spiekerstraße fortsetzen. h. Ein Schornsteinbrand entstand am Samstagabend 9.30 Uhr im Hotel Vogcler. Der Brand ist auf ungemigende Reinigung des Schornsteins zurückzuführen. Die alarmierte Feuerwehr löschte den Brand in kurzer Zeit. Schaden ut nicht cntstænden. Partei-Nachrichten für den Unterbezirk Elberfeld Stadtverordnetenfraktion, Elberfeld. Heute, Montag, abends 7½ Uhr, findet im Rathause, Bergischer Saal, eine Fraktionssitzung statt. Alle Stadtverordneten mussen unbedingt erscheinen. Verein Arbeiterwohlfahrt Elberfeld. Die Genossinnen, die sich für Vorträge des Herrn Pastor Erfurth bereits eingezeichnet haven, werden gebeten, die Karten beim Sekretariat der Volkshochschule, Schlössersgasse 5, abzuholen. Der erste Vortrag findet bereits am Dienstag, den 24. Mai, abends 7½ Uhr, statt. Verein Arbeiterwohlfahrt Barmen. Wir machen unsere Mitglieder auf die Arbeitsgemeinschar! der Volksbochschule unter Leitung des Herrn Pastor Erfurth aufmerksam, die am Mittwoch, den 25. d. M., 6½ Uhr abends, beginnt. Wir bitten um pünktliches Erscheinen. Ingendveranstaltungen. Jugendvorstände Barmen, Elberfeld und Vohwinkel. Morgen, Dienstag, abend“ Uhr, in der Freien Presse, Elberseld: Wichtige gemeinschaftliche Sitzung. Elberfeld. Tie Zeitungsausgabe findet erst am Freitagabend im Iugendheim statt. Mitteilungen der freien Schulgesellschaften. Elberfeld. Abteilung Sonnborn. Mittwoch, den 25. Mai, abends Punkt 8 Uhr: Wichtiger Elternabend im Lokale Eberhardt, Hauptstraße. Sport. Reichs=Arbeiter-Sporttag. Die Vereine Elberfelds, die zum Arbeiter=Sporttag am Sonntag für die Eschenbeeker Sportplätze einige Mitglieder zur Kassenbesetzung bestimmt haben, müssen dafür sorgen, daß diese am Donnerstag, den 26. Mai, abends 7 Uhr, bei Körner, Hombuchel, zur Besprechung erscheinen. 6. Emde, Festkassierer. Verantwortlich für Politik: Friedrich Oli, Elberfeld; für Lokales Elberfeld=Barmen Emil Quitzau, Elberfeld: für den übrigen Teil: Rudolf Knüppel, Barmen; für den Inseratenteil Friedrich Hend=Elberfeld.— Rotationsdruck und Verlag: Verlagsanstalt Freie Presse, Molkenbuhr u. Ko., Erberfeld Freier Steinarbeiter-Verband Elberfeld-Barmen. Todes-Anzeige. Nach kurzem, schwerem Leiden starb unser Kollege Bernhard Schlöller im Alter von 36 Jahren. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Elberfeld, den 23. Mai 1921. Der Vorstand. Das Begrähnis findet Dienstag, den 24. Mai. nachmittags 3½ Uhr. von der Kapelle des alten kath. Friedhofes an der Hochstiaße aus statt. Lebensmittelausgabe in Barmen. Amerik. Weizenmehl. Einheit 200 Gr. zu 1.55 Mark auf Abschnitt K der Lebensmittelkarte ab 26.5. an die eingetragenen Kunden in den Bäckereien und Brotverkaufsstellen. Die Abschnitte K sind dem Lebensmittelamt in gewohnter Weise von den Bäckern einzureichen. Barmen, den 21. Mai 1921. Der Oberbürgermeister. J. V.: Eberle. luminium und Alpaka-Essbestecke geschliffen und pollert Aluminium-Vorleger, Schöpl- und Schaumlößel, MokkalöRel, geschliffen und gerollt. ferner auch Alumintum-Kochgeschirre liefert prompt in grossen Mengen Fritz Susewind, Besteck-Fabrik Mettmann(Rhld.) Die Produktion an Zigaretten betrug: 1897: 1 100 000 000 Stück 1907: 6 149 503 000„ 1923: 13 650 560 000„ Diese vielfache Vermehrung des Bedarfs ist zum größten Teil durch die intensive Reklame zu erklären, die für die Zigaretten seit der Jahrhundertwende einsetzte. Dieser Erfolg.-Reklame sollte alle Geschäftsinhaber zum Nachdenken veranlassen, ob nicht auch sie ihren Amsatz durch Reklame vergrößern konnen. Vernünftige Rcklame sichert einen Erfolg. Die beste Reklame sind Anzeigen in Zeitungen, wobei die Freie Presse als Insertionsorgan nie vergessen werden darf; denn es ist eine Tatsache, daß kein Leser die Inserate seines Blattes in dem Maße beachiet, wie der Leser der Freien presse. 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Hiredale Terrier gelb u. schwarz gezeichnet, mit schwarzem Sattel, ohne Halsband, ca. 60 cm hoch. auf den Namen Prinz hörend, entlaufen. Wiederbringer erhält hohe Belohnung. Elberfeld, Rüllerstraße 52. Montag, den 23. Mai 1821. Freie Presse. Beilage zu Nr. 117. Sozialdemokratische Anträge und Anfragen im preußischen Landtage. Von der sozialdemokratischen Fraktion des preußischen Landtages wurde folgende große Anfrage gestellt: „In der Regierungserklärung heißt es über die Rechtspflege, daß sie vom Vertrauen der Volksgemeinschaft getragen sein muß, und daß die Regierung ihre Verbesserung als eine ihr obliegende beilige Pflicht ansche. Was gedenkt die Staatsregierung zu tun, um diese Auffassung auch praktisch zur Wirklichkeit werden zu lassen?“ Bezüglich der Vorbildung für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst ist folgende große Anfrage: „Namhafte Vertreter der Rechtswissenschaft in Preußen haben seit Jahrzehnten vergeblich eine tiefgreifende Reform der akademischen Vorbildung für die Anwärter des böheren Justiz= und Verwaltungsdienstes gefordert. Eine vor Jahresfrist von der rechtsund staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Halle=Wittenberg einberufene Konferenz von Delegierten aller deutschen rechtsund staatswissenschaftlichen Fakultäten hat sich erneut energisch in diesem Sinne ausgesprochen. Ueber eine Erweiterung und Umgestaltung des Siudienplanes ist vor allem eine gründliche Revision der veralteten Prüfungsordnung verlangt worden. Sie ist um so dringender, als sich auch die höberen Beamten der inneren Verwaltung und des auswärtigen Dienstes überwiegend aus solchen lückenhaft und einseitig vorgebildeten Juristen rekrutieren. Was gedenkt die Staatsregierung zu tun, um die fachliche Durchbildung der Anwärter des höheren Justiz= und Verwaltungsdienstes in einer den neuzeitigen Bedürfnissen entsprechenden Weise sicherzustellen?“ Eine große Anfrage bezüglich der Demokratisierung der Verwaltung lautet: „Die Presse der rechtsstehenden Parteien, die der gegenwärtigen Regierung das Vertrauen ausgesprochen hat, fordert nachdrücklich eine gründliche Säuberung der preußischen Verwaltung von den seit der Revolution neu angestellten politischen Beamten. So haben die Deutschnationale Volkspartei und Deutsche Volkspartei Pommerns die Absetzung des Oberpräsidenten Lippmann gefordert. Auf der anderen Seite hat der Bund republikanischer Landräte energische Fortführung der Demokratisierung der Verwaltung gefordert. Welche Personalpolitik gedenkt das Ministerium des Innern zu treiben?“ Ein Antrag auf Einführung der kollegialen Schulleitung besagt: „Der Landtag wolle beschließen, das Staatsministerium zu ersuchen, baldigst die notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die kollegiale Schulleitung an Volks=, Mittel= und höheren Schulen sowie an den Präparandenanstalten und Seminaren nach den Beschlüssen des 10. Ausschusses der Reichsschulkonferenz durchzuführen." Für die Lehresbildung wird gefordert: „Der Landtag wolle beschließen, das Staatsministerium zu ersuchen, im Reich dahin zu wirken, daß die Grundsätze für die Reform der Lehrerbildung(Art. 113 Abs. 2 der Reichsverfassung nach den Beschlüssen der verfassunggebenden preußischen Landesversammlung baldigst aufgestellt werden.“ Auf Beschleunigung der Trennung von Staat und Kirche zielt dieser Antrag hin: „Der Landtag wolle beschließen, die Staatsregierung zu ersuchen, sofort im Reich dahin zu wirken, daß gemäß Artikel 138 der Reichsverfassung die Grundsätze für die Ablösung der Staatsleistungen an die Religionsgemeinschaften baldigst aufgestellt werden." Reichsunterstützung der Landesversicherungsanstalten fordert folgender Antrag: „Der Landtag wolle beschließen, die Staatsregierung zu ersuchen, bei der Reichsregierung dahin zu wirken, daß unverzüglich ein Notgesetz erlassen wird, welches den Landesversicherungsanstalten gestattet, geeignete Maßnahmen zur Behebung ihrer finanziellen Schwierigkeiten zu treffen, damit die bisherigen Einrichtungen dieser Anstalten, insbesondere Heilverfahren, Zahnfürsorge usw., fortgeführt werden können.“ Zu Henrik Ibsens 15jährigem Todestag. Geboren 20. 3. 1828, gestorben 28. 5. 1906. Ibsen wurde in einem norwegischen Städtchen als Sohn eines reichen Kaufmanns geboren. In seiner Kindbeit erlebte er den Bankerott seines Vaiers. Die menschliche Gesellschaft verfährt schonungslos gegen die Armen, sie kennt nur Hohn und Härte gegen diejenigen, die ron einer Hobe herabsanken. Keine Demütigung des„Deklassierten“ blieb der Familie erspart und der aufgeweckte Knabe nahm den stärksten Eindruck von der Hohlbeit und Verlogenheit der kapitalistischen Gesellschaft im chriftlichen Mantel mit. Von Anfang an fühlte er sich als Kämpfer für Wahrheit und gegen den Egoismus, der sich einen Mantel der Nächstenliebe umzubängen weiß. Schonungslos stellt er die kleinen, erbärmlichen Menschen bloß, die sich selbst Helden, Ideasgestalten dünken und doch nur danach trachten, ihrem eigenen Ich alles zuzuführen, was die Erde an Freuden zu bielen vermag. Im Jahre 1866 schrieb Ibsen an den König:„Nicht um ein sorgenfreies Auskommen kämpfe ich bier, sondern um das Lebenswerk, das, wie ich unerschütterlich glaube und weiß, Gott mir auferlegt hat: das Lebenswerk, das mir als das wichtigste und notwendigste erscheint für Norwegen: das Volk zu wecken und es zu lehren, grot zu denken.“ Henrik Ibsen ist ein Künstler, d. b. eine Persönlichkeit, ein Mensch mit ganz ausgeprägtem Eigenwesen. Sein Triebleben ist auf das höchste gesteigert, und das tragische Schicksal eines Gleichwertigen vermag ihn zu ergreifen. Der Mensch mit dem stark ausgeprägten Eigenwesen ist aber naturgemäß Egoist. So spielt sich in ihm selbst ein Kampf ab zwischen Individualismus, d. h. Höchstschätzung des stolzen, starken Einzelmenschen, und Sozialismus, d. h. das Gefühl des Eingebeitetseins in die Menge der gleichwertigen Mitmenschen. Seine gewaltigste Entladung findet dieser Seelenkonflikt in dem Drama„Kaiser und Galiläer“. Der Kaiser Julian Apostata lebte zu einer Zeit, als eben das Christentum seine staatliche Anerkennung gefunden hatte. Er selbst erfaßte die Schönheit des griechischen Kultus und wurde abtrünnig. Durch die Unduldsamkeit der Christen wurde er aus einem Abtrünnigen zu einem Verfolger des Christentums. Er muß untergehen, weil er die Kluft zwischen dem griechischen Leben in Schönheit und dem christlichen in Sittlichkeit nicht zu lösen vermag. Aber er selbst wurde zum Wecker der Sittlichkeit. Ein Christ sagte an seinem Totenbette: „Kaiser Julian war uns eine Zuchtrute— nicht zum Tode, sondern zur Erhebung.“ „Kaiser und Galiläer“ ist sein letztes bistorisches Drama. Alle späteren spielen in der Gegenwart. Sie bedienen sich nicht mehr des Eymbols. Sie führen dem gegenwärtigen Menschengeschlecht seine ganze Erbärmlichkeit vor, so wie sie ist. Ibsen wendet sich jetzt mehr Einzelproblemen zu. Jedes Drama greift eine andere Seite der menschlichen Gesellschaft beraus, um sie erbarmungslos zu geißeln. Alle Ideen, die jene Zeit beherrschien, und heute noch wirken. spiegeln sich in seinen Dramen. 1888 schuf er das Werk: „Die Frau vom Meer“. Die Heldin Ellida ist am offenen Meer groß geworden. Sie ist mit dem Meere aufs engste verwachsen Das weite offene Meer ist ihr ein Symbol ihrer Freiheit. Sie verlobt sich mit einem Manne, der in seiner dämonischen Naturhaftigkeit gleichsam das Meer verkörpert. Aber wie er auf Reisen eeht, ist mit seiner Gegenwart auch sein Zauber auf sie verschwunden. Ellida verheiratet sich mit einem Arzt und ist froh, so versorgt zu sein. Aber bald fühlt sie, daß ihrer Ehe die Freiwilligkeit fehlt Acußere Gründe zwingen sie in die Ehe. Das Meer und der unheimliche Verlobte gewinnen wieder Macht über sie. Sie fordert von ihrem Gatten die Freiheit. Nach qualvollem inneren Ringen gibt dieser sie ihr, und nun, wo sie wieder frei ist, verschwindet die Gewalt des Dämons und die Selbstlosigkeit des Mannes führt ihm seine Gattin wieder zu. Dieses Drama gibt die Antwort auf die Probieme der Frauenfrage, die in dem Drama Nora guerst aufgerollt wurden. Wir haben hier eines der historischen Dramen und eines der medernen Gesellschaftsdramen etwas genauer kennen gelernt. In noch viele moderne Probleme führen uns die verschiedenen Dramen. In seinem Drama:„Wenn wir Toten erwachen“ prüft Ibsen sein Künstlerleben selbst, ob es seinen großen Aufgaben gerecht geworden ist.„Par voviscum“,„Friede sei mit euch“, das ist das letzte Wort dieses letzten Werkes. Ist auch der Mensch schwach und gilt es den Kampf gegen diese Menschbeit, so fühlt sich der Dichter doch auch als ein Glied dieser Menschheit und will in Frieden von seinen Leidensgefährten scheiden. Karl Wagner Kongreß. In Köln tagt in diesen Tagen ein großer bevölkerungspolitischer Kongreß, der von Vertretern aller interessierten Organisationen und Berufszweigen besucht ist. Ein besonders wichtiger Beratungsgegenstand war das Thema: Der Schutz des keimenden Lebens. Diese Frage sollte unser Genosse Professor Radbruch=Kiel vom juristischen Standpunkt aus beleuchten. enosse Radbruch war indessen verhindert, so daß ein Herr Dr. Buhe für ihn den Vortrag hielt. Man muß das als Sozialdemokrat bedauern, weil die Ausführungen dieses Referenten sehr stark nach rechts orientiert klangen und gar keine objektive Würdigung der Anträge unserer Genossen zu den§§ 218 und 219 des Reichsstrafgesetzbuches enthielten. Der Referent, ein Landgerichtsdirektor, meinte, daß schrankenlose Freigabe der Abtreibung stärkste Unmoral zur Folge haben würde. Die ethischen Momente dürften bei der Frage nicht ausgeschaltet werden, im Gegenteil, sie müßten ausschlaggebend sein. Der sogenannten sozialen Indikation will der Referent nur in gewissem Maße Rechnung getragen wissen und nur in den dringendsten Fällen.— Anschließend daran behandelt Professor Dr. Benthin=Königsberg dieselbe Frage vom medizinischen Standpunkt aus. Er ging davon aus, daß man in Deutschiand alljährlich mit 3000 Fehlgeburten zu rechnen habe, die zum größten Teil absichtlich herbeigeführt würden. Dadurch würde die Gesundheit der Frauen sehr bäufig und schwer geschädigt Im Interesse der Volkswohlfahrt sei der Schutz der Leibesfrucht eine unabweisbare Forderung. Zur Herbeiführung einer bedeutenden Verminderung der Frucht abtreibungen forderle der Redner: Linderung der Wohnungsnot, Ausbau des Steuetvrivilegs, Erhöhung der Kinderbeihilfen, stärke rer Mutterschutz, besondere Unterbringung Schwangerer und Gebärender. Das Wichtigste für den Kampf gegen die Zunahme der Fehlgeburten sei die aktive Mithilfe der schwangeren Frauen, deren Wille zum Kinde gestärkt werden müsse. An diese Vorträge schloß sich eine lebhafte Aussprache, in der besonders Frau Henriette Fürth=Frankfurt, die selbst Mutter von 8 Kindern ist, von einer hohen Warte aus die Frage beleuchtete.— Eine besonders„geschmackvolle“ Redewendung des Professors Benthin über„die emanzipierie Frau" führte Genossin Marie Juchacz=Eerlin in vornehmer Weise auf den unsachlichen Urheber zurück. Auch Genosse Prosessor Grotjahn und die Genossinnen Henni Lehmann=Göttingen und Dr. Wegscheider-Ziegler führten treffliche Argumente gegen die Referenten ins Feld. Gewiß ist die Mehrheit der Kongreßbesucher geneigt, an alten Bestimmungen der Strafrechtspflege festzuhalten. Aber der Gedanke. daß nicht Vermehrung, sondern Erhaltung und Kräftigung unseres Bestandes die Parole sein muß, der Gedanke wird sich durchsetzen.— Der erste Referent hat sich sehr viel auf seine Ethik zugute gelan. Aber auch wir Sozialdemokraten ziehen für unsere Auffassung ethische Gesichtspunkte in Betracht. Allerdings ist das eine andere Form und Art der Ethik Und wer will beweisen, daß unser„Nützlichkeitsskandpunkt", wie Herr Dr. Buhe etwas geringschätzig bemerkte, eine geringeroder gar keine ethische Grundlage hat? Sind die Zustände, die beute und vor dem Kriege die Sexualethiker, Juristen, Aerzte und Volkswirtschaftler auf den Plan rufen, nicht da, trotz der sogenannten„guten und folgerichtigen Etbik", die man als ewig richtig und gültig heraussiellen möchte? Kommt keinem der Herren Juristen und Aerzte einmal der Gedanke, daß wir ja scharfe Strafrechtsbestimmungen hatten und haben, daß sich trotzdem „die Bande lockerten“, daß die Abireibungen sich vermehren mit ihren vielseitigen Folgen? 1 Der dritte Beratungstag begann mit einem Lichtbildervortrag über„Aufklärung und Belehrungen der Bevölkerung über die Geschlechtskrankheiten". Referent war Herr Dr. Röschmann-Köln, dessen Ausführungen hinsichtlich der serualen Erziehung teilweise sehr beachtenswert waren. Die Diskussion darüber bewegte sich in ziemlich breiten und zum Teil recht ausgetrete nen Bahnen. Es ist zweifetlos Geschmackssache, wenn ein Diskussionsredner, wie der Pfarrer Muckermann(ein schöner Name), der selbst in einem ausführlichen Referat hinreichend zu Worte kam, die Geduld derZuhörerschaft auf eine starke Belastungs probe stellte. Als allerdings unsere Genossin Hanna vor fast leerem Saal= sprach, da war Herr Muckermann im Saale nicht zu sehen. Auch Professor Grothjan machte beachtenswerte Aus führungen, während Frau Fürth=Frankfurt und Frau QuarckHammerschlag und andere Frauen Jas Problem vom Standpunkt der Frau als Mutter und Erzieberin behandelten.— Ueber„Alkoholismus unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechtskrankheiten" sprach Prosessor Gonser=Berlin, der den Standpunkt vertrat, daß man für die 15 Milliarden Mark, die im letzten Jahre Deutschland für alkoholische Getränke ausgegeben worden seien, den notleidenden Kindern Gerste und andere Nährmittel zuführen solle. Die Vorschläge, der Jugend durch Jugendheime und ähnliche Einrichtungen zu helfen, ihr beizustehen in ihrem Recht auf Freude Untergang. Ein Lebensfragment. Von A. M. de Jong. Berechtigte Uebertragung aus dem Holländischen von Gg. Gärtner. 24. Fortsetzung.(Nachdruck verboten.) Samstag, 14. November. Nachmittags. Die Frau ist früher als gewöhnlich heimgekommen, totenbleich und gebrochen vor Mattigkeit... Sie hustete beständig, scharf und schmerzhaft, und plötzlich spuckte sie einen Mund voll Blut in ihr Taschentuch... Ich bin dabei sehr erschrocken, aber sie hatte für alle meine Worte nur ein müdes, hoffnungsloses Lächeln. Von einem Arzt wollte sie nichts hören:„Es kommt öfters vor, und es ist ja doch nichts dran zu machen... Es wird nicht mehr so lange dauern.. Ich hätte gerne etwas für sie getan. Aber was? Es gibt Dinge, die ich nicht verstehen kann... Seit neunzehn Jahrhunderten„herrscht das Christentum“ in unserer Gesellschaft... Seit neunzehn Jahrhunderten lehrt man:„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“... Und das Ergebnis?... Ich sehe keines, ganz und gax keines... Mit niederschmetternder Gewißheit muß ich feststellen, daß man für die Menschen nicht mehr Liebe hegt als vor neunzehn Jahrhunderten... Liebe aufgefaßt als eine Tat, nicht als Theorie... Ich lasse vereinzelte edle Charaktere außer Betracht: die gab es ebenso gut in den„wilden, finsteren Zeiten des Heidentums“... Ich stelle fest, daß die Christen, die „Kacsstenliebe“ predigen seit mehr als neunzehnhundert Jahren, in dieser ganzen Zeit ihren Nebenmenschen nicht geliebt, sondern ausgebeutet haben, ihn seine Kräfte haben vergeuden lassen zu ihrem Nutzen, ihn an Leib und Seele vernichtet und gemordet haben....ch stelle fest, daß es kein Christentum gibt, außer in der Theorie... Man spricht davon in sehr erhabenen, sehr tiefsinnigen Ausdrücken, aber man tutnichts... man liebt nicht... man beutet aus! Das Christentum ist auf einen Mißerfolg hinausgegangen... Es ist bankerott... Wer anderes behaupten will, muß mit Kenntnissen und Fähigkeiten, mit hellem Auge und einem empfänglichen Gemüt, auch mit dem festen Willen, die Wahrheit zu sehen und zu sagen— in London umherstreifen, sich bemühen, in der Liebe der Christen eine Kraft zu finden, die ihm nach oben hilft, die ihn erhebt aus dem Schlamm des Tierischen zur Lebenssphäre der Mensasen... Dann will ich noch einmal mit ihm reden. Bis dahin ist jede Debatte nutzlos... Aber Was soll werden, nun das Christentum bankerott ist?... Denn etwas muß vorhanden sein. Ohne das waren die Menschen nichts weiter als einander verschlingende Tiere... Und etwas sagt mir, daß der Mensch etwas anderes sein soll und schließlich auch ist... Nur... ist es eine schreckliche Entartung!.. Sonntag, 15. November. Abends. Da bin ich nun plötzlich erhoben zur Würde eines Bänkelsängers— mit einem schönen Worte: Chansonnier!... Morgen abend werde ich auftreten als Franzose in einer Art Tanzhaus=Tingeltangel... Ich werde französische Lieder singen unter Begleitung einer alten Gitarre, die der Eigentümer des„Festlokals“ mir geliehen hat... Ich bin eifrig beim Ueben. So kommen einem alte Kunstfertigkeiten zugute! Kitty hat mir dazu verholfen. Heute morgen brachte sie einen Burschen mit, einen langen, mageren Typus, von außerordentlich verfallenem Aeußeren, den Halter eines Etablissements, wo getanzt und gesungen wird von„ausländischen Artisten“... Ich mache schon Fortschritte! Vom Zutreiber an einem kleinen schmierigen Varietee=Theater bin ich befördert zum Künstler in einem Café=Konzert! Der Aufstieg ist unleugbar! Ich werde vielleicht fünf Schillinge pro Abend verdienen„plus Anteil an dem mir präsentierten Konsum“. Aber dafür muß ich französisch sprechen und singen und meinen Schnurrbart, der hübsch gewachsen ist, frisieren, wie auch mein Haar, das nebenbei bemerkt in den letzten Wochen beunruhigend auszufallen beginnt... Ich komme also aus Paris, um vor den„Brüdern“ der Franzosen zu singen... Ehrlich gesprochen, widerstrebt es mir, aber ich tue es doch mit großer Freude: ich werde nicht mehr auf Kosten von Kittys Sparbüchse zu leben brauchen. Vielleicht kann ich ihr sogar wiedergeben, was ich gekostet habe, vielleicht noch mehr... Ich übe also alte Liedchen von Montmartre, deren ich mich erinnere, und ich bemühe mich, sie zu singen mit dem eleganten Air des echten Parisers, mit dem besonderen Akzent von Montmartre, auf meiner Gitarre klimpernd in der nonchalanten Haltung eines wirklichen Chansonniers... Das Publikum wird nichts davon verstehen, aber es ist französisch: das wird ihnen gesagt. und alles, was französisch ist, wird hier augenblicklich vergöttert... Eben bringt man mir einen roten Frack, den ich anziehen werde, prächtig passend, mit schwarzem Samtkragen!... Das Ding ist ein wenig alt, ein wenig fettig an den Taschen, ein wenig fleckig von Wein oder Whisky, aber es leuchtet stark und wird mir noch mehr das richtige Aussehen geben... Ich fange wahrhaftig an, Vergnügen daran zu finden!. Kitty ist in den Wolken, nicht weil ich ihr nicht mehr zur Last fallen werde, sondern um meiner selbst willen: ich hatte so oft geklagt, daß ich nichts verdienen könne, und ihr angekündigt, daß ich bald ausziehen werde, weil ich mich in meine abhängige Lage nicht finden könne... Jetzt hat sie dies für mich gefunden, und wenn ich singe, sitzt sie dort und starrt mich voller Bewunderung an: daß ich dieses kann, Lieder singen auf Französisch, ich, der ich ein Holländer bin und auch so gut englisch spreche... Ja, ich bin wirklich sehr gescheit... So gescheit, daß ich fähig bin, in einer Londoner Schenke von wenig ehrbarem Gehalt aufzutreten, als französischer Chansonnier!... Aber ich will auf jeden Fall mein Brot verdienen! Es wird Licht!... Und ich habe keine Zeit, allerlei wenig ermutigende Gedanken und Vermutungen weiterzuspinnen... Ich will fleißig üben! Morgenz mein erstes Auftreten als Künstler! Montagnacht, halb zwei. 16. November. Schnell muß ich, bevor ich schlafen gehe meine Eindrücke dieses ersten Abends festhalten. Sie sind zahlreich und mannigfach und wenig angenehm! Welch ein Gesindel!... Ich würde mich entsetzlich schämen, wenn ich nur in besseren Verhältnissen ware... Jetzt schäme ich mich vor mir selbst... Vielleicht vor der Menschheit?... Um acht Uhr abends hat der Spaß angefangen... Es war ziemlich Publikum da. Und Mädchen, die tanzen sollten. Und ein bergelaufenes Subjekt mit einem violetten, aufgedunsenen Gesicht, der auf einem elenden Rumpelkasten Walzer und Tangos und Two=steps spielte... Und ich, der französische Chansonnier!„ (Forisetzung følgt.) im schönsten Sinne, unterschrelben auch wir, denn es ist eine alte sozialdemokratische Forderung.— Anschließend daran sprach Genossin Hanna=Berlin in der ihr eigenen sachlichen und gründlichen Art über den„Kampf gegen die Animierkneipe“. Es kam ihr darauf an, zunächst gesetzliche Maßnahmen großzügiger Art zu schaffen; der Anfang wurde in der Preußischen Landesversammlung gemacht, nachdem die Deutsche Nationalversammlung in einemsehr allgemeinen Gesetz die eigentliche Losung den Staaten zuschob. Die zweite Maßnahme ist die anständige Behandlung der Lohn- und Arbeitsbedingungen unter Voraussetzung der Trinkgeldabschaffung. Es ist also neben der gesetlichen Regelung und Kontrollierung der besonderen Verhältnisse eine Gewerkschafts= und Erziehungsfrage. Ganz mit Recht heb die Rednerin wiederholt hervor, daß es ja noch nicht gelungen ist, den Begriff der Animierkneipe bestimmt zu umreißen. Am Nachmittag folgten die Referate über„Gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“, Redner Prof. Dr. Faßbender=Berlin und als letztes Berichtsreferate der Herren Dr. Gottsteir=Berlin und Dr. Knepper=Tüsseldorf. Das Neue. das Bessere mollen wir. Keine reaktionären Reden wie die der Herren Dr. Faßbender und anderer. Wir fragen immer wieder und wir fragen hartnäckig: Wie kommt es, daß trotz jahrelanger Paragraphen- und Bestrafungsarbeiten der Erfolg der ist, daß die Zustände im Geschlechtsleben so schlimm sind? Herr Dr. Faßbender meint, daß komme von der Revolution her! Herr Dr. Faßbender: Wollen Sie ernst genommen werden? Lennep=Remscheid=Mettmann. Remscheid, 23. Mai. Einrichtung der weltlichen Schule. Die Schuldeputation hat in ihrer Sitzung am Donnerstag beschlossen, die Einrichtung der bekenntnisfreien Schulen nach Möglichkeit zu beschleunigen. Durch die von der evang. Schulgesellschaft lezw. dem„unpolitischen“ Elternbeiräten einerseits und der Kommunistischen Partei anderseits betriebenen widerwärtigen Hetze ist von der weltlichen Schule ein solches Zerrbild geschaffen worden, daß nur vier Lehrer und eine Schulamtsbewerberin sich zum Unterricht on einer solchen Schule bereit erklärt haben. Die Nemscheider Lehrerschaft, die überwiegend hinter dem Allgemeinen Deutschen Lehrerverein und damit auch uinter den auf Pfingsten in Stuttgart hinsichtlich der weltlichen Schule gefaßten Beschlüssen steht, will weder an einer deutschnationalen, noch an einer kommunistischen Schule unterrichten.— Nachdem die Schuldeputation sich erneut und mit überwiegender Mehrheit für die Errichtung einer vollkommen bekenntnisfreien Schule ausgesprochen, darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß sich auf eine nochmals zu erlassende Anfrage, die ergehen soll, nunmehr genügend Lehrer und Lehrerinnen bereit erklären, an der bekenntnisfreien Schule zu unterrichten. § Remscheid, 21. Mai. Zu gahlreichen Plünderungen kam es bekanntlich gelegentlich der Märzunruhen im vergangenen Jahre in Remscheid und Umgebung. Willkommene Beute fanden die Plünderer im Remscheider Schlachthause in den Speck= und Fleischkammern. Von dem dort geraubten Speck fand man zwei Seiten im Besitz des Hilfsarbciters Rudolf K. Er wollte sie von ihm unbekannten Rotgardisten erhalten haben, die nach seiner Angabe größere Mengen dem Freikorps Lützow abgenommen hatten. In Wirklichkeit hatte er von diesen nur ein minziges Stück bekommen, die bei ihm gefundenen beiden Speckseiten waren aber nachweislich aus dem Schlachthause gestohlen worden. Das Schöffengericht hatte ihn später wegen Diebstahls unter weitgebender Zubilligung mildernder Umstände nur zu 5 Tagen Gefängnis verurteilt, und hiergegen hatte er Berufung eingelegt. Die Strafkammer hielt den Nachweis, daß er den Diebstahl begangen habe, nicht für erbracht, hielt ihn aber der Hehlerei schuldig und auch für diese die erkannte Strafe für angemessen. § Remscheid, 21. Mai. An fremder Unterwäsche und einigen wettfedern vergriff sich die Ehefrau des Schneiders Hermann M. von hier, um ein Bettchen für ihr kleines Kind heritellen zu können. Sie befand sich damals in einer Notlage.„Liebe“ Verwandte zeigten den Diebstahl sräter an. Die Frau erhielt dafür 2 Wochen Gefängnis, ihr Mann wegen Begünstigung 200 M Geldstrafe. Nemscheid, 21. Mai. Aufhebung der Verordnung uver arztliche Atteste für Lebensmittel aller Art. Auf Beschluß des Lebensmittelausschusses sind die Sonderzuweisungen von Lebensmitteln, wie Milch, Butter, Krankenbrol und anderer Nährmittel für Kranke jetzt eingestellt worden. Infolgedessen ist es zwecklos, sich fernerhin noch ärztliche Atteste für solche Lebensmittel ausstellen zu lassen. Vom 1. Juni ab werden nur noch die Kinder bis zu 6 Jahren, die boffenden Frauen und die Wöchnerinnen in der Milchversorgung bevorzugt, ohne daß es hierzu arztlicher Atteste bedarf. Die jetzt noch ausgestellten Milchkarten verlieren mit dem 31. Mai ihre Gültigkeit.— Vom 1. Juli ab kommen auch die Kundenlisten bei den Bäckern in Fortfall, da dann jedermann Backwaren und Mehl entnehmen kann, wo es ihm beliebt. Die Vrotkarten werden entsprechend eingerichtet. Remscheid, 21. Mai. Quäkerspeisung. Die durch die Schulferien unterbrechene Speisung der Kinder, Jugendlichen, hoffenden Frauen und Wöchnerinnen wird am Dienstagnachmittag zu der gewohnten Zeit wieder einsetzen. Die Teilnehmner, wie auch die Helferinnen, werden gebeten, pünktlich zu erscheinen. Belbert, 23. Mai. v. Anleitung von Lehrlingen. Das Landesberufsamt teilt mit: Zur Anleitung von Lehrlingen in Hand= werksbetrieben ist nur der berechtigt, der a) ein Diplom über die gemäß§ 133 der Gewerbeordnung abgelegte und bestandene Meisterprüfung oder b) eine vom Magistrat oder Landrat ausgestellte Bescheinigung, daß ihm die weitere Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen verliehen ist, besitzt. Dem Mißstande, daß Handwerker, die diesen Bestimmungen nicht entsprechen. Lehrlinge halten und anleiten, muß ernste Beachtung zugewandt werden. w. Heiligenhaus, 23. Mai. Einrabiater Hausbesitzer scheint der Landwirt Wilhelm Müller, Isenbügel, zu sein. Früher Eisenbahnbeamter, hat er sich ein Eigentum erworden, beltehend aus einem schönen Wohnhaus und Nebengebäuden. Durch den Wohnungsfürsorgeausschuß in Heiligenhaus war er nun verpflichtet worden, dem Ausschuß eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Hierron wollte Müller nichts wissen, sondern wollte sein aus 13 Zimmern bestehendes Haus für seine 4köpfige Familie allein bewohnen. Die Folge war, daß zwangsweise eine Witwe mit 4 Kindern in dem Hause untergebracht wurde, die 3 Zimmer erhielt. Jetzt war aber der Teufel los. Die Frau wurde auf alle Art und Weise schikaniert und bekam weder Wasser, noch konnte die Familie ihre Bedürfnisse auf dem Abort verrichten. Durch diese unerträglichen Zustände war die Witwe genötigt, wieder auszuziehen. Es sollte dann ein Landjäger der„glückliche“ Mieter sein.: Aber weit gefehlt. Der Wohnungsfürsorgeausschuß, der erneut zur Beschlagnahme von jetzt 7 Zimmern schritt, mußte unter Drohungen und Beleidigungen die Besitzung verlassen. Frau Müller erhielt dieserhalb vom Schöffengericht in Velbert 500 A Geldstrafe. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der Ehemann, daß der Ausschuß eine „Bande“ sei, die man zum Teufel jagen müsse, was abermalige Bestrafung zur Folge hatte. Das Schöffengericht in Velbert wird sich erneut mit der Sache zu befassen haben und hoffentlich der Familie Müller den Standpunkt klar machen daß auch andere Mitbürger ein Recht zum Wohnen haben. Eine Radikalkur wäre cs, wenn Müller zwangsweise eine Wohnung gestellt und sein Eigentum anderweitig vermietet würde. Ueber den Ausgang der Gerichtsverbandlung werden wir noch berichten. Bebwinkel, 21. Mai. Betriebskäte! Am Dienstag, den 24. Mai, abends 6.30 Uhr, beginnt in Vohwinkel, im Berufsschulgebäude, Karlsstr. 6, Zimmer 1 ein neuer Betriebsrate-Kursus. Dieser Kursus, ist für organisierte Arbeiter kostenlos und jedem Arbeiter und Angestellten aufs wärmste zu empfehlen. Derselbe wird von Herrn Tipiom=Handelslehrer Türk geleitet und sind als Lehrplan folgende Themen aufgestellt: 1. Die Organisation des modernen Fabrikbetriebes; 2. Wie lesen Arbeiter und Angestellte eine Bilanz?; 3. Die Grundlage der sozialistischen Produktion; 4. Ter Aufbau der sozialistischen Wirtschaft: 5, Das Betriebsrätegesetz; 6 Anleitung zur Abhaltung von wirtschaftlichen Lehrvorträgen; 7. Dißposition zu wirtschaftlichen Lehrvortragen.— Es ist nun Sache der Betriebsrate, dafur zu sorgen, daß dieser Kursus, seines wichtigen Lehrplans halber, aber auch, um recht brauchbare, allen Situationen gewachsenen Betriebsräte zu bilden, sich einer recht zohlreichen Beteiligung erfreut. Ganz besonders an die jüngere Arbeiterschaft richten wir die Aufforderung, sich zu beteiligen. Gewerkschaftskartell, Ortsgruppe Vohwinkel. Aus aller Welt. 35 verurteilte Eisenbahndiebe. WTB. Erfurt, 22. Mai.(Drahtbericht.) Im Strafprozeß gegen 62 Eisenbahn=Zugführer, Schaffner, Rangierer und Eisenbohnarbeiter aus dem Eisenbahndirektionsbezirk Erfurt und gegen einige Frauen wegen zahlreicher Eisenbahndiebstähle bezw. Hehlerei wurden 35 Angeklagte zu Gefängnisstrafen von 6 Wochen bis zu 2 Jahren 6 Monate verurteilt. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Konzertreise des Berliner Lehrergesangvereins. WTB. Essen. 22. Mai.(Drahtbericht.) Der Berliner Lehrergesangverein konzertierte auf seiner Reise ins besetzte Gebiet in Essen und Bochum, von der Sängerschaft dieser Städte herzlichst begrützt, mit großem Erfolg. Tie Säle waren voll besetzt. Die Oberbürgermeister der beiden Städte rühmten in schmeichelhaften Worten die deutsche Tat und die vollendeten Darbietungen. Wirtschaftspolitische Notizen. Die Notwendigkeit der Aufhebung der„Sanktionen“. TAK. Nachdem Deutschland das Ultimatum vorbehaltlos angenommen und damit zum Ausdruck gebracht hat, daß es die von den Feinden aufgestellten Forderungen und Zahlungsbedingungen ehrlich und nach besten Kräften erfüllen will, kann man von uns nicht auf der einen Seite ungebeuere Leistungen verlangen und auf der anderen Seite uns Zwangsmaßnahmen auferlegen, die unserer Wirtschaft keinerlei Entwicklung lassen. Wir können unsere Schuld fast nur durch die Ausfuhr bezahlen und brauchen daher Bedingungen, die uns das ermöglichen.„Die Interalliierten müssen die Ausdehnung des deutschen Handels fördern und überall vermeiden, ihm Hindernisse in den Weg zu legen.“ Diese Worte des Daila Erpreß treffen den Kernpunkt der Sache. Zur Aufhebung der Rheinzollinie und zur Räumung von Tuisburg. Düsseldorf und Ruhrort scheint man in England unter gewissen Verpflichtungen, die den englischen Geschaftsleuten im besetzten Gebiet zugute kommen sollen, bereit zu sein. Wenigstens lassen die Reise des englischen Vertreters der Interalliierten Aheinlandkommission nach England, die Reutermeldungen über einen Meinungsaustausch zwische.: den Alliierten über diese Frage und die Aeußerungen, die dem Abgeordneten Stresemann von seiten der Ententevertreter vor Unterschreibung des Ultimatums gemacht worden sein sollen, darauf schließen. Italien scheint sich der englischen Auffossung anzuschiießen, wie aus einem Interview des Grafen Ssorza hervorgeht. Die franzosische Regierung indessen bat sich beeilt, durch die Havasagentur sofort zu erklären, daß sic für die Beibehaltung der Zwangsmaßnahmen sei und diese ihre Auffassung in Lendon zum Ausdruck gebracht habe. Das entspricht der französischen Politik. Frankreich will absichtlich Deutschland an der Möglichkeit der Erfüllung seiner Vervilichtungen hindern, um früher oder spater doch das Ruhrrevier besetzen zu können. Es will das wirtschaftliche Gesicht der Rheinlande mit aller Gewalt nach Westen drehen und seiner eigenen Industrie den rheinischen Absatzmarkt erschließen. Wie rücksichtslos Frankreich vorgeht. beweist die Tatsache, daß seit dem 20. April, dem Tage der Aufrichtung des neuen Zollregimes, geradezu ungeheure Mengen französischer Luruswaren in das besetzte Gebiet hereingelassen worden sind. Die Aufrichtung der Rheinzollinie war eine Verletzung des Friedensvertrages. Sie muß nunmehr wieder rückgängig gemacht und die Wirtschaftseinheit des besetzten und unbesetzten Gebietes wiederhergestellt werden. Was soll jetzt nach der Annahme des Ultimatums noch der 25prozentige Coldzoll, der im Verkehr vom unbesetzten nach dem besetzten Deutschlund am Rhein erhoben wird, nachdem wir uns verpflichtet haben, 26 Pryzent des Wertes unserer Ausfuhr als Reparationsleistung zu entrichten? Was soll der Papierzoll, der in umgekehrter Richtung am Rhein erboben wird, was die Beschlagnahme und doppelte Erhebung der Ausfahrabgabe, was die Schikane, die die ganze Zollerhebung und die Sonderregelung der Ein= und Ausfuhr im besetzten Gebiet bedeutet und die eine Unsicherheit im Geschäftsverkehr hervorgebracht hat, die auf die Dauer unerträglich ist? Was sollen die Verkehrsstockungen, die das ganze Rbeingebiet erfüllen und bis nach Hannover hin sich geltend machen? Was soll der Gewissenszwang der Beamten, die unter dem Druck der Feinde in eine Zollverwaltungsorganisation hineingepreßt wurden, die ihre Spitze gegen das eigene Vaterland dieser Männer richtet? Llond George hat von fair play gegenüber Deutschland gesprechen. Wir haben ein Recht darauf, daß damit lald begonnen wird. Auch die Gesetze über die Einbehaltung von 50 Prozent des Wertes der eingeführten deutschen Waren müssen verschwinden, wenn Deutschland endlich zur Rube kommen soll. Auf der einen Seite sollen wir unsere Ausfuhr in den Dienst der Revarationen stellen, auf der anderen Seite legen die Feinde und ihre politischen Mitläufer um uns einen Zollring von 50 Prozent des Wertes, der unseren Außenhandel erdrosselt, uns durch die Verpflichtung, die Erporteure mit dem Gegenwert in Mark zu entschädigen, erneut mit Papiergeld überflutet, unsere Valuta weiter entwertet und Arbeitslosigkeit und Verelendung im Gefolge bat. Mit Reparationsleistungen haben die Gesetze über eine 50prozentige Einfuhrabgabe jetzt nichts mehr zu tun. Gelder bringen sie auch nicht ein. In England find seit dem 2. April, dem Tage des Inkrafttretens des Gesetzes, nach der Erklärung eines Regierungsvertreters 100 Pfund eingenommen worden. In anderen Ländern wird es ähnlich sein. Im Reparationsprotokoll ist unter Abschnitt IX die 50prozentige Abgabe zwar besonders erwähnt, aber die dort von uns übernommenen Verpflichtungen sollen nach dem Wortlaut dieses Abschnittes nur solange gelten, wie eine solche Gesetzgebung in Kraft bleibt“. Einer Aufhebung der 50prezentigen Abgabegesetze stebt also auch nach dem Wortlaut des Ultimatums nichts entgegen. England scheint gewillt zu sein. die 50prozentige Abgabe fallen zu lassen, und hat zum Ausdruck gebracht, daß es entsprechend dem Ultimatum nur 26 Prozent erheben wolle. Hierbei ist aber zu bedenken, daß England durch die am 12. Mai erfolgte Annahme das Antidumpinagesetzes zum Schutze seiner Schlüsselindustrien die deutsche Ausfuhr neben der 26prozentigen Abgabe mit einem Zollaufschlag von 33½ Prozent des Wertes belegt hat, so daß die deutsche Ausfuhr nach England tatsächlich mit fast 60 Prozent belastet ist. Das englische Entgegenkommen ist also erklärlich. Frankreich mochte die„Sanktionen" am liebsten verewigen. Preissenkung in russischen Großstädten. Wie nicht anders zu erwarten, hat der freie Handel in den russischen Großstädten preisermäßigend gewirkt. Bisber wurde die Schleichhandelsware, auf die die Devolkerung angewiesen war, durch die verbotenen und darum sehr teuren Transporte kleiner Warenmengen stark belastet. Jetzt fällt diese Belastung mit einer Gefahren= und Strafprämie fort. So sind in Moskau die Lebensmittelpreise bedeutend gesunken Der Preis für ein Pfund Brot(400 Gramm) ist von.3000 auf 1600 Rubel gesunken, für Mehl von 135 600 Rubel auf 80000 Ruhel fur das Pud(16 Kilogramm). Das Volkskommissariat für Verpflegungswesen hat an die Kreis=Veroflegungskomitees die Weisung ergehen lassen, am 10. und 20. jeden Monats Daten über die Preise auf den örtlichen freien Märkten an das Verpflegungskommissariat zu übermitteln. Erft wenn dies längere Zeit in gang Rußland geschehen ist, wird sich die Rückwirkung des freien Handels auf die Preisbildung allgemein veurteilen lassen. Vermischtes. Eine unheimliche Mordgeschichte. Paris hat demnachst seinen Sensationsprozeß. Es soll ein Mann abgeurteilt werden, der beschuldigt wird, 10 Frauen exmordet zu kaben. Die Sache hat indessen einen Haken. Nach den bisberigen Begriffen mußte einem Mörder auch stets sein Verbrechen nachgewicsen werden können, d. h. es mußte die Leiche des oder der Erwordeten vorhanden sein. Das ist hier nicht der Fall. Kein Härchen und keine Haarnadel ist von den ermordeten Frauen übrig geblieben.— Es handelt sich um die Sache Landru, die nicht erst seit gestern, sondern schon seit zwei Jahren die Gerichte beschäftigt. Wie Landru seine Opfer ins Jenseits beförderte, darüber eine kurze Schilderung, die auch den deutschen Leser interessieren dürfte. Tabei muß man allerdings voraussetzen, daß diese Schilderungen auf Mutmaßungen beruben, denn der einzige, der dabei war, ist Landru selbst, der bisher noch kein Geständnis abgelegt hat und auch gar nicht daran denkt. Die Leichen der Ermordeten sind ebenfalls nicht zu ermitteln Landru ist 40 bis 50 Jahre alt, ein kleiner, schwächlich aussehender Mann mit Glaße und großem schwarzen Vollbart. So ungefähr der Typus des kescheidenen französischen Rentiers oder Kaufmanns. Er ist verheiratet, hat Kinder, lebt aber von den Seinen getrennt und ernahrt sich von kleinen Geschäften, Kommissionen oder so etwas. Hin und wieder hat er auch schon gesessen. In den letzten Jahren hatte er sich auf den Heiratsschwindel verlegt. und der ist dann regelmäßig so verlaufen: Er machte sich durch Zeitungsannoncen oder andere Gelegenheiten an eine etwas ältliche Dame heran, die über ein kleines Vermögen verfügte, sei es ein Sparkassenbuch oder ein paar Zimmer mit Möbeln. Mit der Erkorenen leltc ek nach französischem Brauch einige Wochen zusammen, wie Gatte und Gattin. Wenn er sie sicher gemacht hatte nahm er ihr das Sparkassenbuch weg oder verkaufte die Möbel sehr günstig und lud dann seinen Schatz ein, mit ihm auf einen Tag in scin kleines Landhaus vor der Stadt zu kommen. Er hatte nämlich in Gamblais cin Häuschen, hübsch einsam und lauschig. Und in Gamblais wiederholte sich nun jedesmal folgendes: Die Nachbarn sahen, wie der schwarzbärtige Mann mit seiner Tame ankam, und wic die beiden am nachmittag sich im Garten zärtlich miteinander zu schaffen machten. Abends schlossen sie sich in dem Häuschen ein, und die ganze Nacht über war es still. Aber am nächsten Morgen bemerkten die Nachbarn, daß aus dem Schornstein des Landruschen Hauses stundenlang ein schwarzer, widerlich riechender Rauch herauskam. Dort wurde etwas verbrannt, und ctwas sehr Umsangreiches und Fettiges mußte es sein. Das ging so ungefähr acht= bis zehnmal. Die Damen, die Landru so behandelte, hatten nie Verwandte er war darin sehr vorsichtig. Nur einmal hatte er diese Vorsicht außer acht gelassen, und in diesem Fall stellten die Verwandten der Verschwundenen Nachserschungen an. Die Spuren führten nach Gamblais, bis an den Ofen der kleinen Villa, und daraufhin wurde Landru rerhaftet der gerade damals zu einer neuen Sparkassendame in Beziekung getreten war. Die ist also mit einem blauen Auge davongekommen, aber dafut wurde nun ein Fall nach dem anderen aufgedeckt, eine ganze Ketre von Fällen, die sich durch zwei Jahre hindurchzog. Die Nachbarn machten ihre Aussagen, es meldeten sich auch einige Frauen, an die sich Landru herangemacht hatte, die aber dem furchtbaren Bartmenschen nicht en die Falle gegangen waren. Und Landzu wurddes zehnfachen Mordcs angeklagt. Man nimmt an, daß er alle diese verschwundenen Franen in das Landhaus gelockt, dort vermutlich erwürgt und ihre Körper verbrannt hat. Schön. Das alles mußte nun aber erst bewiesen werden, und eine wahrhaft ungebeuere Untersuchung begann. Die ganze Gegend von Gamklais wurde umgegraben, alle Teiche und Seen abgelassen und ihr Grund durchwühlt; Polizeihunde auf Kilometer ausgesandt. Und es fand sich nichts: Landru muß eie Vrriuose der Verbrennungskunst gewesen sein. Das heißt, hin und wieder entdeckte man doch etwas: ein paar verkohlte Knochen fanden sich schon. aber die Sachverständigen sind sich noch nicht einmal klar darüber. ob es Menschenknochen sind. Auch einige Fetzen weiblicher Kleidung wurden ausgegraben, aber niemand kann beschwören, ob diese Stücke zu irgendeiner Vermißten gehören. Und dann ist in Landrus Besitz ein kleines Notizbuch gefunden worden, das in chiffrierter, aber wieder entzifferter Schrift über alle seine weiblichen Beziehungen Buch rühete. In diesem Buch sind die Namen aller Verschwundenen aufgeführt, ebenso die Daten der reizenden Ausflüge nach Gamblais. Und dies ist das einzig greifbare Indizium, das gegen ihn aufgebracht worden ist. Der Angeschuldigte leugnet durchaus nicht, mit den Verschwundenen in iraendwelchen Beziehungen gestanden zu haben. Daß er sie ermerdet hat, bestreitet er mit aller Entschiedenheit und verlangt, daß man ihn an die Leichen der Ermordeten führe. Die Damen hätten sich nach dem Aufenthalt in seinem Landhaus aus dem Staube gemacht, weil sie sich geschämt hatten, öffentlich ihre Blamäge einzugestehen. Dieser Einwand klingt ja gewiß etwas zynisch angesichts der großen Zahl der Verschwundenen. Indessen muß man in Betracht zieben, daß während des Krieges und in der Waffenstillstandszeit ungefähr 20000 Zivilpersonen in Frankreich spurlos verschwunden sind. Viele Frauen und Mädchen haben sich in den Kneipen und Verdellen Nordfrankreichs verloren und sind dann ihren Herzallecliebsten über das Meer gefolgt. Lancru war ein sehr sparsamer Mann Wenn 22 von Paris mit seinen, Schönen“ nach Gambiars fuhr, dann kaufte er für sich ein Retourbillett und für seine Dame ein einfaches Billett. Auch ließ er sich von seinen Opfern nicht selten Heizmaterial, wie Holfkohle und Holz, besorgen, mit denen dann die Unglücklichen recht bald unangenehme Bekannischaft machten. Nicht alle, an die Landru sich beranmachte, sind ihm ins Garn gegangen. Aber die Ueberlebenden bekunden übereinstimmend, daß Landru ein entzückender Mann gewesen sci. Er sei unterhaltend, rücksichtsvoll und von größter Ritterlichkeit. Sie alle rühmen seine vortreffliche Stimme. Nach alter Traditien ging er auch mit seinen Damen in die Kirche. dann besuchte man irgend ein kleines Restaurant, und abends wurde musizieri, bis— dann das Stündlein geschlagen hatte.