Nr. 293. 20. Jahra Mittwoch, den 16. Dezember 1903 Anzeigen: Die 6 gespaltene Petitzeile 15 Pfg. Anzeigen im Reklameteil die 2gespaltene Petitzeile 50 Pfg. Größere Annoncen=Austräge erbitten wir einen Tag vor Erscheinen der betr. Ausgabe, kleinere bis 10 Uhr Vorm. Fernsprecher 1411*. Organ des werktätigen Volkes von Rheinland und Westfalen. Haupt=Exped. u. Redaktion: Elberfeld, Friedrichstr. 37.— Filial=Expeditionen: Barmen, Oberdörnerste. 104.— Remscheid, Kirchhofftr. 1a.- Hagen. Riegeste. 21.— Jierlohn. Mühlengang15 Deutscher Reichstag. bg. Berlin, 15 Dezember 1903. Erscheint jeden Nachmittag außer Sonntags. Abonnementspreis 60 Pfg. pro Monat in Elberfeld=Barmen auswärts 70 Pfg. Bei der Post unter Nr. 2799 2 Mark pro Quartal. Einzel=Exemplar 10 Pfg. Telegramm=Adresse: Freie Presse Elberfeld. hierzu zwei Beilagen. Die Arbeitsbienen und kapitalistischen Bären. Wer die wirtschaftlichen Vorgänge in der gegenwärtigen Gesellschaft verstehen, wer als Lohnarbeiter seine Stellung im wirtschaftlichen Leben richtig auffassen will, der kann das nur von dem einfachen Grundsatze aus: Daß das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter ein steter Kampf ist; ein Kampf, der sich täglich erneuert, von Tag zu Tag heftiger wird und bei dem es sich auf Seiten des Unternehmers um den Prosit, um wirtschaftliche und politische Macht, auf Seiten des Arbeiters um die täglichen Bedürfnisse des Lebens, um Befreiung aus leiblicher und geistiger Unterdrückung handelt. Auf der einen Seite in diesem Kampfe steht der Kapitalist, der Unternehmer, der Besitzer all der Reichtümer, Fabriken und Maschinen, vermittelst deren er ein Arbeiterheer anwerben und nach Belieben kommandieren kann. Seinem Walten sind fast keine gesetzlichen Schranken gezogen, und wo solche ihm hinderlich im Wege stehen, setzt er sich oft mit einer staunenswerten Leichtigkeit darüber hinweg. Er, der Mann der „Ordnung", bricht dann das Gesetz absichtlich und laßt es eventuell auf ein paar Mark Strafe ankommen. Er kann nach Belieben den Lohn drücken, mit geringer Ausnahme nach seinem Willen die Arbeitszeit verlängern, fast ohne Einspruch die entwürdigendste Fabrik= und Werkstattordnung erlassen, und wenn es ihm gefällt, die Arbeiter, die sich in seinem Dienst aufgerieben, ihre und ihrer Familie Gesundheit geopfert haben, auf das Pflaster werfen. Denn was ist dem Unternehmer der Arbeiter? Eine Ware, die er haufenweise vorfindet, ganz wie er sie haben will, die heute abgenutzt, sich morgen in vielfacher Zahl sich wieder anbietet, und deren Verlust ihm nichts kostet. Auf der andern Seite der besitzlose Arbeiter, der um das Notwendigste, oft um einen Hungerbissen, für sich und die Seinen zu erwerben, sich auf Gnade oder Ungnade dem Arbeitgeber in die Hände geben muß. Und nicht nur sich, sondern auch seine Frau und seine Kinder, die vom Unternehmer in die Fabrik gezogen, gezwungen sind mit zu arbeiten und so— o grausames Schicksal— auf den Lohn des Mannes und Vaters drücken. Auf der Seite der Kapitalisten das Bestreben, mit immer weniger Menschenarbeit auszukommen, durch Einführung neuer und verbesserter Maschinen die Widerstandsfähigkeit des Arbeiters zu verringern, auf der Seite der Arbeiter immer größeres Anschwellen der Beschäftigungslosen, der Weiberund Kinder=Arbeit, immer tieferes und schnelleres Sinken auf der schieferen Ebene des Hungerdaseins— das sind die Merkmale der wirtschaftlichen Entwicklung. Heuchler sind es oder Unwissende, die da noch fabeln wollen von Gemeinschaft von Kapital und Arbeil, von einer Harmonie der Interessen zwischen Unternehmern und Arbeitern. Diese Harmonie besteht einzig darin, daß die Kapitalisten sehr einmütig darin sind, wie sie ihre Stellung immer mehr befestigen, ihre Macht immer mehr vergrößern, um gegebenen Falls den Arbeitern vollends das Fell über die Ohren ziehen zu können. Die Vertreter der Harmonie=Apostel sagen freilich, so schlimm sei das nicht. Die Christlichen wollen mit der allgemeinen Menschenliebe und die Freisinnigen durch die friedlichen Unterhandlungen zwischen den Arbeitervereinen und Unternehmern helfen. Aber wenn ihr Profit in Frage kommt, dann pfeifen die allerchristlichen Fabrikanten auf die allgemeine Menschenliebe und die freisinnigen Unternehmer werfen diejenigen ihrer Arbeiter, welche auf dem Boden der Selbsthülfe„friedlich" mit ihnen unterhandeln wollen, selbstherrlich auf's flaster. Das alles haben uns die großen wirtschaftlichen Kämpfe der letzten Zeit— man denke nur an Crimmitschau— deutlich genug vor Augen geführt.— Arbeiter, welche angesichts solcher Erscheinungen sich noch feindlich gegenüber der Sozialdemokratie verhalten, verdienen in der Tat mit kapitalistischen Skorpionen gezüchtigt zu werden, denn hier giebt es von zwei Dingen nur eins. Entweder sieht der Arbeiter denn ruhig zu und trägt selbst dazu bei, wie er und die Seinigen in immer größere Lohnsklaverei, in immer größere Bedürfttgkeit gerät— oder er ermannt sich, das entwürdigende Joc. abzuschütteln, er besinnt sich seiner Pflicht als Mensch und Familienvater und verlangt für sich und die Seinigen so viel, daß sie als Menschen leben und sich ihres Daseins freuen können. Oder ist es die Bestimmung der Menschen, daß diejenigen deren Arbeit alles schafft, die an der Hervorbringung aller leiblichen und geistigen Güter, deren sich die Menschheit erfreut, den hervorrugendsten Anteil haben, daß die Arbeiter angesichts aller Güter und Genüsse langsam verhungern und geistig verkommen? Wir denken: Nein! Und derjenige Arbeiter macht sich eines Verbrechens an sich, an den Seinen und an der Gesellschaft schuldig, der nicht Alles tut, um diesem Schicksal zu entrinnen. Dazu fehlt es ihm nicht an Mitteln, wenn er sich auf eins besinnt: das Verhältnis vom Arbeitgeber zum Arbeiter ist ein Kampf zweier Gegner. Und im wirtschaftlichen Kampfe kommt es auf Machtfragen an. Der Einzelarbeiter ist keine Macht, er ist vollständig ohnmachtig gegenüber dem Besitz. Nur wenn er sich mit seinen Arbeitsgenossen zusammen findet in Organisationen, dann bildet er auch dem einflußreichsten Kapital gegenüber eine Macht, die zu einer Anerkennung zwingt dem machtvollen Gegner Kapital einen noch machtvolleren Gegner in der vieltausendköpfigen organisierten Arbeiterschaft entgegenzusetzen, dariu beruht die Bürgschaft des Sieges. 8. Sitzung. Nachmittags 1 Uhr. Das Haus ist gut besetzt. Auf der Tagesordnung steht zu nächst die dritte Beratung der Vorlage betr. Verlängerung des pandelsprovisoriums mit England Abg. Liebermann v. Sonnenberg(wirtsch. Vgg.) erklärt: Im Einklang mit dem Grafen Reventlow meine er, weshalb sollen wir denn Herrn Chamberlain so mi: Glacéhandschuhe anfassen? Fälsche doch Chamberlain selber sogar die Tatsachen! Seine Freunde lehnten das Provisorium ab. Nach einigen Bemerkungen des Grafen Kanitz(kons.) über die englische und deutsche Statistik betreffend den Warenaustausch zwischen uns und England wird die Vorlage in der Fassung der zweiten Lesung mit großer Mehrheit definitiv angenommen. Alsdain wird die erste Lesung vom Etat und der Lex Stengel fortgesetzt. Abg Graf Limburg=Styrum(kons.) legt dagegen Verwahrung ein, daß aus den Vorgängen in Forbach verallgemeinernde Schlüsse gezogen werden. Weiter bemerkt der Redner: Jede Hintansetzung unserer landwirtschaftlichen Interessen bei den Handelsvertragen würde jedenfalls große Unzufriedenheit unserer Landwirte hervorrufen Das Verlangen der Arbeiter nach rechtsfähigen Bernisvereinen sei an sich ein berechtigtes Aber es bestehe die Gesahr, daß solche Arbeiter=Organisationen von den Sozialdemokraten für ihre Ziele ausgenutzt werden würden Er könne die Regierung nur auffordern, den Kampf gegen die Sozialdemokraten mit aller Energie aufzunehmen. Abg. v. Tiedemann(Reichsp.) äußert sich ähnlich. Daß das Sozialistengesetz doch nicht unwirksam gewesen sei, geye u. A hervor aus Aeußerungen Aner's auf dem Mainzer Sozialistentage von 1900. Reichskanzler Graf Bülow Graf Limburg verlange gesetzliche Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie, er frage ihn aber, ob er glaube, daß im gegenwärtigen Moment für derartige Maßnahmen im Reichstage eine Mehrheit vorhanden sein würde. Wenn in dieser Beziehung nicht eine absolute Gewißheit vorliege, so würde er es für einen Fehler halten, ohne zwingende Not Zwiespalt unter die bürgerlichen Parteien zu tragen Soweit der sozialdemokratische Terrorismus Strafbares enthalte, unterliege es den Gesetzen Das Programm der Regierung besteht darin, daß sie alles tun will, um gegenüber der Sozialdemokratie die Einigkeit unter den bürgerlichen Parteien aufrecht zu erhalten, und, soweit dies nicht der Fall ist, sie herbeizuführen und alles zu vermeiden, was diese Einigkeit stören konnte. Mit Entschiedenheit aber muß ich dagegen Verwahrung einlegen, daß die Regierung es in der Bekämpsung verfassungswidriger Ziele der Sozialdemokratie an der nötigen Festigkeit und der notwendigen Enschlossenheit fehlen lasse. Ich glaube, daß in diesem Kampfe Ruhe und Besonnnenheit bessere Führer sind als Haß oder unüberlegte Hitze. Ich glaube weiter, daß es ein Fehler ist die Bereitwilligkeit und Fähigkeit einer Regierung, die staatsfeindlichen sozialdemottatischen Ziele zu bekämpfen, einzuschätzen lediglich nach dem Eifer, den sie für eine Gesetzgebung in dieser Richtung an den Tag legt Ich glaube, daß es mi gesetzgeberischen Taten allein nicht getan ist, ich halte im allgemeinen nicht viel von rigoroser Gesetzmacherei. Worauf es ankommt, ist, daß die bestehende Ordnung gegen Angriffe mit großtem Nach druck verteidigt wird, daß jeder, der es wagi, der Majestät des Gesetzes sich entgegenzustellen, rücksichtslos zu Boden geworfen wird, daß die bestehenden Gesetze ohne Schlappheit mit Entschlossenhen zur Anwendung gebracht werden. Im übrigen liegt es im Interesse aller bestehenden Instiutionen, alles aus dem Wege zu räumen, was berechtigte Unzufriedenheit schaffen könnte. Wir müssen unser Haus wohnlich einrichten in gemeinsamer Arbeit zwischen Regierung und Reichstag, sodaß sich alle darin wohl fühlen, soweit es bei unserem zur Kritik geneigten Charakter möglich ist. Der Abg. Graf Limburg hat eine Parallele gezogen zwischen den gegenwärtigen Zuständen und den franzosischen Zuständen vor der Revolution, er hat von der Sorglosigleit gesprochen, in der damals die regierenden Kreise lebten. Gewiß, damals glaubten diese Kreise nicht, daß die Revolution so bard kommen würde, und doch kam sie rasch und blutig. Wir fühlen uns frei von dem Vorwurf der Kopflosigkeit. Aber wo sind jetzt die ungerechten Vorurieile von Adel und Klerus, wo die schweigenden Höfe, wo die Zustände, unter denen damals in Frankreich die Bürger und Bauern litten? Wir haben jetzt, dank unserm Kaiser und Bundeskanzler, ein soziales Königstum, eine soziale Gesetzgebung an allen Ecken und Enden. Wir haben höchstens Tivergenzen über das Tempo dieser Gesetzgebung, aber wir haben keine Tivergenzen über die Notwendigkeit der sozialen Reformen als solcher Deshalb glaube ich, daß die verbündeten Regierungen gegenüber dem Arbeiterstande ein ebenso gutes Gewissen haben wie irgend eine andere Regierung in Europa. Wir werden fort fahren in dem Bestreben, die Entwickelung unserer innern Verhältnisse soweil in friedlichen und gesetzlichen Bahnen zu halten, als es der Hochmut, der Dünkel der sozialdemokratischen Führer, als es die zum Terrorismus gesteigerte Hetze zum Klassenkampf zuläßt; und wenn die Debatten dieser Tage ein Resuliat haben, so möchte ich wünschen, daß es dasjenige wäre, daß nicht nur das Vertrauen der bürgerlichen Kreise zur Regierung inbezug auf die Abwehr des sozia demokratischen Terrorismus, sondern auch das Vertrauen der bürgerlichen Kreise zur bürgerlichen Gesellschaft gefestigt wird, die sehr viel stärker ist, als sie glaubt. (Beifall) Abg. Stolle(Soz.) bespricht den Crimmitschauer Streik. Der Kampf sei den Crimmitschauer Arbeitern aufgedrängt worden; nur im Interesse ihrer Gesundheit und des Famlienlebens hätten die Arbeiter den zehnstündigen Arbeitstag gefordert, und jetzt spräche man von dem„Uebermut“ dieser Leute. Wie ungesund die Verhältnisse in den Fabriken dort sind, geht daraus hervor, daß die Aerzte sogar den Krankenkassen den Streik angedroht haben, weil sie zuviel zu tun hätten.(Hört! hört! bei den Soz.) Geradezu himmelschreiend ist es, daß zu diesem protzigen Unternehmertum auch noch der starke Arm der Regierung kommt.(Sehr richtig! bei den Soz.) In England hat man den zehnstündigen Arbeitstag schon längst in allen Betrieben eingeführt, ohne daß die englischen Industriellen einen Schaden davon gehabt hätten, ja manche Fabriken, die man schon für bankerott erk ärt hatte, sind nach Einführung des Zehnstundentages wieder von neuem aufgelebt. Die Crimmitschauer Arbeiter haben sich während der ganzen Zeit des Streiks durchaus korrekt und gesetzmäßig verhalten. Wohl aber kann man den Behörden Parteilichkeit vorwerfen. Minister v. Metzsch hat z. B. einen Geheimrat nach Crimmitschau geschickt, aber dieser hat nur mit den Unternehmern verhandelt und die Arbeiter gar nicht gehört Der starke Arm der Regierung deckt die Fabrikanten in Crimmitschau! Die Fabrikanten versprechen den Arbeitswilligen hohe Löhne, aber wenn sie zur Arbeit kommen, werden die Versprechungen nicht gehalten. Das ist ein offenbarer Betrug, gegen den die Staatsanwaltschaft einschreiten müßte. Redner wendet sich sodann zu Fragen der auswärtigen Politik und beschwert sich darüber, daß russische Spitzel in Deutschland ihr Wesen treiben Früher habe der Staatssekretär Graf Bülow betont, Deutschland brauche in China einen Stützvunkt, denn es handle sich dort um ein großes Absatzgebiet für Deutsch and. Nachdem nun Millionen über Millionen geopfert seien, schnappe uns Rußland den größten Teil der wirtschaftlichen Vorteile in China weg. Die Sozialdemokraten werden dem jetzigen System keinen Groschen und keinen Mann bewilligen. (Beifall b. d. Soz) Sächs. Geh=Rat Dr. Fischer legt dem Vorredner gegenüber die Notwendigkeit dar, in Crimmitschau zum Schutze der Arbeitswilligen gegen Bedrohungen einzuschreiten. Da es sich notorisch für die Sozialdemokratie um eine Kraftprobe handle, würde auch die beste Vermittelung nichts helfen. Eine ihm erst heute zugegangene Darstellung schilderte die Verhältnisse noch viel drastischer als er dies neulich getan habe. Abg. Liebermaun v. Sonnenberg(wirtsch. Vereing.) verbreitet sich über Budgetfragen und empfiehlt dabei namentlich die Wehrsteuer. Auch empfehle sich eine Besteuerung der Inserate von Reichswegen. Redner spricht alsdann über Forbach und die Soldatenmißhandlungen. Schließlich polemisiert Redner noch gegen die Sozialdemokratie und streift die Handelsverträge, bei denen die Landwirtschaft unbedingt geschützt werden müsse. Abg. Blumenthal(els.=lothr. Volksp.) führt aus, daß in Forbach ganz solide Zustände geherrscht haben, bis eine leichtsinnige Gesellschaft dort einzog(Heiterkeit) Die Elsaß=Lothringer wünschen eine Verfassung, welche sie gleich berechtigt mit den übrigen Reichsbürgern macht. Die Diktatur ist gefallen, aber es ist doch unerhört gewesen, was paisiert ist bezüglich der Wasser=Versorgungsverhältnisse in der Stadt Metz. Man war damit beschäftigt, diese Verhältnisse zu ordnen, auf einmal schlägt die Regierung drein und entscheidet im Sinne der militärischen Sachverständigen, indem sie von uns verlangte, alsbald Wandel zu schaffen. Glücklicherweise kam eine Verständigung zustande. Ich fürchte, einen Mißton in das Konzert der bürgerlichen Redner zu bringen, wenn ich sage, da: ich mich auf grund unserer Erfahrungen in Elsaß=Lothringen nicht für den Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien aussprechen kann, denn das würde immer nur eine Partei zum Siege führen. Wir sollen die„Wacht am Roten Meere“ sein, aber wenn wir das Rote Meer zu lange betrachten, so fürchie ich, daß wir von dem„Schwarzen Meer“ überschwemmt werden.(Große Peiterkeit.) Der Unterschied zwischen der üiberalen und klerikalen Weltanschauung ist viel größer als der zwiichen der liberalen und der sozialdemokratischen.(Sehr richtig! b. d Soziald.) Unsere Partei hat eine kleine demokratische Organisation, wir würden keine Erfolge erzielen, wenn wir nicht Unterstützung bei den Liberalen und den Sozialdemokraten fänden.(Ahal=Rufe rechts.) Ein Fortschritt in Elsaß=Lothringen ist nur möglich durch einen Zusammenschluß aller linksstehenden Elemente, von den Nationallib ralen bis zu den Sozialdemokraten.(Großer Lärm rechts und im Zentrum) Wenn Herr Stöcker auf die christlichen Arbeiter hinwies, so meine ich, daß diese Arbeiter dereinst die Reihen der Sozialdemokratie verstärken werden.(Lärm rechts und im Zentrum.) Mit keinem Worte wird in der Politik so viel Mißbrauch getrieben, wie mit dem Worte Religion.(Lebh. Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Als die christliche Religion gegründet wurde, stellte sie keine Macht dar; als sie aber zur Macht gelangte, da war die Religion verloren gegangen.(PfuiRufe rechts. Leh. Beifall b d Soz)(Präs. Graf Ballestrem bittet, solche unparlamentarischen Rufe zu unterlassen) Es wird immer darüber geklagt, daß die Redner nichts Neues vorbringen. Ich habe auch alles, was ich hier gehört habe, schon in Volksversammlungen gehört und oft besser(Anhaltende schallende Peiterkeit.) Es ist in der Presse behauptet worden, ich sei der von der Regierung in Elsaß=Lothringen bevorzugte Reichstagskandidat. (Gr. Heiterk.) Ich glaube, daß meine Worte Sie davon überzeugt haben, daß unser kleines Land auch in der Aufstellung von gouvernementalen Kandidaten eine Sonderstellung innehat.(Gr. Peiterkeit.) Unterstaatssekretär v. Koller: Ich glaube, es wird mir niemand nachsagen können, daß ich den Vorredner zum Reichstagskandidaten proktamiert hätte. Es ist überhaupt der Regierungsapparat in Elsaß=Lothringen nicht für die eine oder die andere Partei in Bewegung gesetzt worden. Von dem, was der Vorredner von den angeblichen Uebelständen bei uns gesagt hat, ist nicht der zehnte Teil wahr. Redner wendet sich gegen die Ausführungen des Vorredners, daß jener nicht den Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie empfehlen könne. Wenn ich die Wahl habe, so will ich mich lieber vom Schwarzen Meer als vom Roten Meer überschwemmen lasseu.(Heiterkeit) Sozialdemokratische Vereine werde ich nicht dulden. Wir haben das Recht, das Vereinsrecht zu handhaben, wie wir wollen Ich wäre ja der größte Esel, wenn ich den Sozialdemokraten durch Begünstigung solcher Vereine Vorschub leisten würde.(Heilerkeit.) Ich werde dafür sorgen, daß Religion, Sitte und Ordnung nicht unter die Füße getreten wird.(Beifall rechts) Abg. Graf Limburg=Stirum(kons.) weist darauf hin, daß der Staatssekretär des Innern einmal die Sozialdemokraten als berechtigte Vertreter der Arbeiter bezeichnet habe. Ferner nutzen die Sozialdemokraten es aus, daß der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten sogar erklärt haben soll, er habe nichts dagegen, wenn die Eisenbahnarbeiter sozialdemokratisch wählen Wie eine starke Regierung sich der Sozialdemokratie gegenüber zu verhalten hat, das haben wir zu den Zeiten des Fürsten Bismarck gesehen.(Beifall rechts.) Staatssekretär Graf Posadowsky: Noch alle Erklärungen der Regierung hier und anderwärts hätten ihm nie einen Zweifel gelassen, daß ein Abgrund besteht zwischen uns und der revublikanischen Sozialdemokratie. Es gebe leider Kreise, die sozialistisch und sozialpolitisch in einen Topf werfen, die alles soziale Tun verwerfen, weil es ihnen unbequem ist, oder vielleicht auch ihre Interessen schädigt. Unsere Verhältnisse seien doch ganz andere, nicht so zerrüttet, daß an Revolution zu denken wäre. Im übrigen ist die Revolution im Jahre 1848 nicht von Arbeitern gemacht, sondern von ganz anderen Leuten. Minister Budde erklärt noch, von dem Grafen Limburg provoziert, er habe niemals daran gedacht, seinen Eisenbahnarbeitern zu empfehlen, sozialdemokratisch zu wählen. Es sei eine Gemeinheit, ihm so etwas nachzusagen. Abg. Molhenbuhr(Soz.): Hätte auf den Flugblättern gestanden: Arbeiter, wählt sozialdemokratisch, Budde will es nicht!— wir hätten gerade ebenso viel Stimmen aus den Kreisen der Arbeiter bekommen.(Sehr gut! b. d. Sozialdem.) Der Eisenbahnminister darf sich doch nicht wundern über die Erregung der Arbeiter. Der Eisenbahnminister nutzt es für seine Verwaltung aus, daß die Privatindustrie niedrige Löhne zahlt. Die Eisenbahndirektionen haben durch Rundschreiben angeordnet, die Zeit der Arbeitslosigkeit auszunutzen und die Arbeitslöhne herabzusetzen.(Hört, hört! bei den Sozialdem) Sie untersagen den Arbeitern die Koalition. (Widerspruch des Ministers.) Ja wohl, das haben Sie getan. Dem Befehl des Bureauchefs des Scharfmacherverbandes sind die königlichen Behörden gefolgt, haben Leuten gekündigt, die ihnen als Sozialdemokraten bezeichnet wurden. Musterwerkstätten sind die Betriebe der Eisenbahnverwaltung im Sinne der rücksichtslosesten Ausbeutung. Die Herren von der freikonservativen Partei müssen ja aus dem Stummschen Nachlaß von Zeit zu Zeit das Sozialistengesetz fordern, ein Ausnahmegesetz für eine Partei, die zehnmal so stark ist, wie sie selbst(Hört, hört! bei den Sozialdem.), und der Reichskanzler würde, wie mir scheint, ihnen den Willen tun, wenn er nur die Mehrheit hätte. Positive Tätigteit fordert der Reichskanzler von uns. Wenn man unsere Anträge ablehnt, ist das unsere Schuld? Würde man unsere Anträge annehmen, wie sehr viel positiver würde dann die Gesetzgebung aussehen.(Sehr gut! b. d. Sozialdem.) Bei dem Gesetz zur Unterstützung der Reservisten 1892 wird in der Begründung Bezug genommen auf den Beschluß des Reichstags Und auf wessen Initiative ist dieser Erfolg? Auf einen Antrag der Sozialdemokraten hin. Oder ein Beispiel aus der Zeit der Reichskanzlerschaft des Grafen Bülow. In den Motiven zu der von ihm eingebrachten Seemannsordnung wird ausdrücklich Bezug genommen auf die Anregungen des sozialdemokratischen Antrags Schwartz. Wenn da noch Graf Bülow positive Tätigkeit von uns verlangt, dann ist seine Kenninis der deutschen Gesetzgebung recht schwach.(Beifall der Sozialdem) Minister Budde erklärt, auf die Angriffe des Vorredners wegen seiner Tätigkeit als Minister nicht hier, sondern im preußischen Abgeordnetenhause antworten zu wollen. Damit schließt die Debatte, die erste Lesung des Etats und der Lex Stengel ist beendet, die übrigen Teile des Etats gehen an die Budgetkommission. Das Haus wählt sodann noch 6 Mitglieder in die Reichsschuldenkommission, sowie 7 Mitglieder in den Beirat für Arbeiterstatistik. Nächste Sitzung 12. Januar. Schluß 7.30 Uhr. Politische Uebersicht. Der Reichstag ist am Dienstag in die Weihnachtsferien gegangen. Nachdem das Handelsprovisorium mit England in dritter Lesung angenommen war, wurde die Etatsdebatte zu Ende geführt. Die Sitzung, die sich weit über die gewohnte Zeit ausdehnte, war reich an interessanten und für die gegenwärtige Reichspolitik charakteristischen Vorgängen. Die Erben der Stummschen Nachlaßmasse, Freiherr von Tiedemann und Graf Limburg=Stirum setzten mit Kräften den Schleifstein in Bewegung, um die Regierung zu neuen Ausnahmegesetzen und Zuchthausvorlagen gegen die Sozialdemokratie scharf zu machen. Die Antwort des Grafen Bülow lautete:„Sorgt für eine Mehrheit im Reichstage, für ein neues Ausnahmegesetz, dann soll es an der Regierung nicht fehlen. Vorläufig scheint er allerdings noch nicht recht an die Möglichkeit einer solchen Mehrheilsbildung zu glauben, aber er betrachte es als seine Aufgabe, den Frieden unter den bürgerlichen nicht zu stören, sie zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie zusammenzufassen und so den von Herrn von Kardorff so heiß erflehten Gottesfrieden zwischen Junter, Pfaff und Bürger herzustellen. Die Nationalliberalen und das Zentrum schwiegen. Die Debatte wurde ausschließlich zwischen den Junkern und der Regierung geführt. Graf Limburg=Stirum gab sich nämlich nicht mit der Erklärung des Reichskanzlers zufrieden, daß die bestehende Gesetze mit größter Scharfe gegen die Sozialdemokratie angewandt werden sollten. Er denunzierte ein Mitglied der Regierung, den Grafen Vosadowsky, wegen seiner Aeußerung, die Sozialdemokratie sei eine Arbeiterpartei und den unglücklichen preußischen Eisenbahnminister Budde, dem im Abgeordnetenhause das Wort entfahren ist:„Meine Arbeiter können wählen, wen sie wollen, auch einen Sozialdemokraten." Beide Herren waren doch gezwungen, Kotau zu machen. Sehr schlecht schnitt Herr Budde ab. Er hat sich fürchterlich über den Scherz geärgert, daß seine Worte in Flugblättern mit der Ueberschrift:„Wahlt sozialdemokratisch! Budde will es“ verbreitet worden sind. Da warf er mit Ausdrücken wie„Gemeinheit" und„Lüge" herum. Krampfhaft nahm er seine Aeußerung im preußischen Abgeordneten, hause zurück, unter stürmischer Heiterkeit des Hauses erklärte er drei Mal, es sei nin ein falscher Zungenschlag gewesen. Kurz, es erwies sich, daß Herr Budde ein auf die Spitze getriebener Podbielski ist. Genosse Molkenbuhr erwiderte dem aufgeregten Herrn mit gutem Humor, daß nicht weniger Eisenbahnerstimmen auf uns gefallen wären, wenn die Flugblätter an sie überschrieben gewesen wären:„Wählt sozialdemokratisch, Budde will es nicht!" Dann wies er nach, wie sehr die Eisenbahnbehörde sich in den Dienst des Unternehmertums stelle und wie sie dafür sorge, daß ihre Werkstätten Musterwerkstätten im Sinne Stumms seien. Der Streik in Crimmitschau war vom Genossen Stolle nochmals einer sachkundigen, ausführlichen Erörterung unterzogen worden. Fatal ist der Crimmitschauer Streik der sächsischen Regierung immerhin, das klang aus den versöhnlichen Worten hervor, mit denen Herr Fischer seine Rede schloß. Wenn er aber wünscht, daß die Weihnachtszeit Frieden zwischen den streitenden Parteien schafft, dann müssen sofort alle Eingriffe zu Gunsten der Unternehmer unterbleiben. Die nächste Sitzung des Reichstaas findet am 12. Januar statt. Die ostasiatischen Wirren. Während der japanische Gesandte in Paris der Ueberzeugung ist, es werde eine Verständigung zwischen Japan und Rußland geschaffen werden, fährt die englische Presse fort, die Lage der Dinge in Ostasien als überaus kritisch hinzustellen. So läßt sich der Londoner„Standard" aus Tokio vom 14. d. Mts. melden, in dortigen sonst gut unterrichteten Kreisen herrsche die Ansicht vor, daß ein großer Zwiespalt zwischen der Antwort Rußlands auf die japanischen Vorschläge und den in Petersburg abgegebenen friedlichen Versicherungen bestehe. Es mache sich daher in Tokio eine starke Gegenströmung des Mißbehagens bemerkbar. Die Londoner„Morning Post" glaubt aus sehr zuverlässiger Quelle versichern zu können, daß die Ansicht, Rußlands Antwort sei zufriedenstellend, auf keiner tatsächlichen Grundlage beruhe, obgleich man keinen Grund habe, ein anderes als ein angenehmes Ergebnis der Verhandlungen zu erwarten. Den„Times" war von einem Engländer, der an einer viele Japaner beschäftigenden Firma beteiligt ist, mitgeteilt worden, daß alle zur Zeit in London sich aufhaltenden wehrpflichtigen Japaner zur Rückkehr nach Japan aufgefordert seien. Die japanische Gesandtschaft in London erklärt dagegen, daß ihr von einer solchen Maßregel nichts bekannt sei. Ueber den Inhalt der russischen Note, die der japanischen Regierung überreicht worden ist, erklärte einem Telegramm aus Paris zufolge, ein dortiger Diplomat einem Mitarbeiter des„Eclair“, er glaube zu wissen, daß die Note sich lediglich auf Korea beziehe. Rußland verlange für seine Truppen das Recht des freien Durchzugs im Norden Koreas und an der koreanischen Küste eine oder zwei Kohlenstationen. Dagegen würde Rußland den Japanern im Süden des Landes vollständig freie Hand lassen. Man glaube, daß die japanische Regierung die Vorschläge Rußlands annehmen werde. Die schon erwähnte Aeußerung des japanischen Gesandten in Paris geht dahin: Das sapanische Volk ist sich seiner Kraft bewußt, auch weiß es, daß wir weder zu Wasser noch zu Lande schwächer als Rußland sind. Rußland hat bis jetzt in jener Gegend nicht mehr als 75 000 Mann und wird mit Verstärkungen 150 000 bis 200000 Mann aufbringen, während Japan 500000 wohlbewaffnete und disziplinierte Soldaten ins Feld stellen kann. Die japanische Regierung, die aufrichtig eine Verständigung mit Rußland wünscht, wird sich von der öffentlichen Meinung nicht leiten lassen, es sei denn, daß die japanische Regierung durch äußere Verhältnisse dazu gezwungen werden sollte; aber auch für den Augenblick ist nichts geschehen, was den Bruch zwischen den beiden Ländern voraussehen ließe, und ist auf eine Verständigung sicher zu rechnen. Wir glauben, daß der japanische Gesandte inbezug auf die ruhige Entwicklung der Dinge ein allzu großer Optimist und bei dem Vergleich der Streitkräfte beider Mächte ein Flunkerer ist. Ventschland. Berlin. 19. Dezember. *Wieder einmal Oberverwaltungsgericht gegen Kammergericht. Der Pole Szymansk hatte von der Polizeibehörde eine Verfügung erhalten, als Vorsitzender eines aus katholischen Polen bestehenden Vereins ein Mitgliederverzeichnis gemäß § 2 des Vereinsgesetzes einzureichen. Der Schriftführer des Vereins hatte bereits ein Jahr vorher ein Mitgliederverzeichnis unter Protest eingereicht. Szymanski erhob Klage im Verwaltungsstreitverfahren. Er betonte, es handle sich vorliegend nicht um einen Verein, der eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecke; die polizeiliche Forderung sei demnach unberechtigt. Der Bezirksausschuß wies indessen, wie die Volkszeitung meldet, die Klage als unbegründet zurück, nachdem festgestellt worden war, daß in den Vereinsversammlungen mehrfach öffentliche Angelegenheiten erörtert worden waren; auch hatte der Verein 50 Mark für die in Wreschen verurteilten Personen bewilligt. Das Oberverwaltungsgericht wies das Rechtsmittel in der Hauptsache zurück, da schon nach dem Vereinsstatut angenommen werden müsse, daß es sich um einen Verein handle, der eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecke. Der Verein mache es sich zum Zweck, den Geist der Zusammenschließung zu pflegen; durch die Zusammenschließung werden die Vercinsmitglieder in einen Gegensatz zur deutschen Bevölkerung gebracht.(!) Dadurch werde aber das öffentliche Leben berührt.(!) Das Mitglieder=Verzeichnis, das bereits 1900 eingereicht war, sei nochmals einzureichen. Das Kammergericht hat wiederholt, und zwar noch kürzlich, entschieden, daß die Polizei, auch wenn ihr Auskunft zu erteilen ist, nicht das Recht habe, ein neues Mitgliederverzeichnis zu verlangen, wenn das alte unübersichtlich geworden ist; der Vereinsvorsteher brauche für die Polizeibehörde keine Schreibarbeit zu verrichten. *Alles nur halb tun ist die liberale Parole. Die freisinnige Volkspartei hat im Reichstag wieder ihren alten Initiativantrag„eingebracht, die Verfolgung von Majestätsbeleidigungen von der Zustimmung des Justizministers abhängig zu machen, das Strafminimum herabzusetzen und die Wahrung berechtigter Interessen auch hier anzuerkennen.— Was ist damit getan? Warum tritt der tapfere Volkstribun nicht für die gänzliche Aufhebung des verhängnisvollen Paragraphen ein? Hält er den Paragraphen für berechtigt, dann stimme er ihm doch voll und ganz zu und lege unentwegt den Namen„freisinnig“ beiseite; hält er aber den Paragraphen für verwerflich, dann verwerfe er ihn auch voll und ganz. In seiner Halbheit indessen gleicht der freisinnige Antrag einem Gärtner, der einem Unkraut nur die Blätter abrupft, statt es mit der Wurzel zu entfernen. Unentwegt ist das nicht gehandelt. * Die Stromzölle scheinen wirklich zu kommen. Dem „Berl. Tagebl.“ wird ein Bescheid mitgeteilt, den der sächsische Minister v. Metzsch dem sächsischen Mühlenverbande am 16. Juni 1900 auf eine Eingabe zugehen ließ: Den Bestrebungen, die auf Abänderung des Artikels 54 Abs. 4 der Reichsverfassung und der einschlagenden Staatsverträge mit Oesterreich gerichtet sind und auf Einführung von mäßigen, mindestens teilweise Deckung der Selbstkosten der Elbuferstaaten gewährenden Schiffahrtsabgaben abzielen, steht die Staatsregierung sympathisch gegenüber und hat an ihrem Teile bei den Vorarbeiten für den Abschluß eines neuen deutschen Elbschiffahrtsvertrages mit Oesterreich in diesem Sinne mitgewirkt. Das Datum dieses Schreibens, wonach Sachsen im Gegenteil zu Baden auf preußischer Seite steht, beweist, daß die Pläne auf Einführung von Stromzöllen seit langem schon vorbereitet werden. Erfreulicherweise wächst der Widerstand gegen die reaktionären Absichten. Fast kein Tag vergeht, an dem nicht eine Kundgebung dagegen zu verzeichnen wäre. Aber was fragt die Regierung schließlich danach, wenn die kleine aber im Landtag mächtige Partei auf den Stromzöllen besteht. *Ein interessantes Intermezzo mit einem Breslauer Richter spielte sich dieser Tage vor dem Schöffengericht ab. Der Vorsitzende war mit dem Angeklagten in einen Disput gekommen, in dessen Verlauf er ihn einen frechen Lümmel titulirte. Der Angeklagte war aber nicht faul und erwiderte: „Wenn sie ein Richter wärer, würde ich ihnen eine hineinhauen." Der Staatsanwalt beantragte drei Tage Haft wegen Ungebühr vor Gericht, was der Vorsitzende als Urteil verkündigte. Da aber keine Beratung erfolgt war, widersprach der Angeklagte diesem„Gerichtsbeschluß." Das Gericht zog sich auf lange Zeit zurück, bei der Rückkehr verkündigte der Vorsitzende nach der„Breslauer Morgenztg." die Ablehnung des staatsanwaltlichen Antrages.— *Im sächsischen Landtage begründete Minister v. Metzsch die Nachforderung von 10000 Mark für die Entsendung von 40 Gendarmen nach Crimmitschau und gab einen Ueberblick über die Entstehung und den Verlauf des dortigen Ausstandes. Die Arbeiter befleißigten sich besonders zu Beginn eines ruhigen, gemessenen Verhaltens. Die gegenwärtige üble Lage sei unberufenen Organen zu verdanken, die darauf ausgingen, Unfrieden zu säen. Der Minister wies sodann die Angriffe Bebels im Reichstage gegen die sächsische Regierung zurück. Die Regierung sei doch verpflichtet, die Arbeitswilligen mit aller Energie zu schützen, die von den Führern der Ausständigen auf das brutalste terrorisiert würden. Herr v. Metzsch hatte im Landtage gut reden. Es ist dort kein einziger Sozialdemokrat, der ihm hätte antworten können. Dann kam ein echt nationalliberaler Antrag. Der Abg. Schiel wünscht, er möchte ausgedrückt haben, daß die Regierungsforderungen nicht zur Unterstützung der Arbeitswilligen, sondern zur Abwehr des Unrechts gegen sie erhoben würden, welchem Wunsche die Vertreter des Kreises Crimmitschau sich anschlossen. Unrecht im Sinne des Antragsstellers ist natürlich jede Aufklärung der Arbeitswilligen über die wahre Natur des Kampfes. Mit der Bewilligung der derung ist auch zugleich die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Crimmitschau gut geheißen worden. *Die Mythenbildung um die preußische Landtagswahlreform will nicht zur Ruhe kommen. Im Zentrum soll, wie der„Reichsbote" erfährt, die Absicht bestehen, eine Reform des preußischen Landtagswahlrechts zu beantragen, wodurch an Stelle der öffentlichen Stimmabgaben die geheime, wie bei der Reichstagswahl eingeführt werden soll.— Vorläufig glauben wir noch nicht an diesen ultramontanen Reformeifer, denn wenn das Zentrum so etwas beabsichtigte, so hätte es dazu schon lange Zeit gehabt. Die„Rhein.=Westf. Zeitung" verkündet übrigens schon triumphierend, daß für eine derartige Verbesserung des Wahlrechts glücklicherweise eine Mehrheit im Landtage nicht zu finden sei und auch die Regierung wohl kaum darauf eingehen werde. * Bei den Stadtverordneten=Stichwahlen siegten zwei Liberale gegen einen Antisemiten und einen Sozialisten. *Im Ostpreußischen Hochverratsprozeß ist über eine weitere Anzahl Personen die Briefsperre verhängt worden, ohne daß man die Betreffeuden davon benachrichtigt hat. Italien. ac. Die Einsetzung einer parlamentarischen Marinekommission zum Zwecke der Untersuchung der in der Marine bestehenden Mißstände scheint gesichert, nachdem sich der neue Marineminister Mirabello im Ministerrat dafür ausgesprochen hat. Ein Hunne. ac. In der Kammer interpellierte der Deputierte Bossi den Minister des Aeußern über die militärische Auszeichnung, welche die deutsche Regierung dem Leutnant Modugno erwiesen habe. Modugno ist jener italienische Kriegsheld, der in China in der scheußlichsten Weise gehaust und mit Schätzen reich beladen nach Italien zurückkehrte. Der Unterstaatssekretär des Aeußern Tusinato beantwortete die Interpellation. Er wies auf die Abmachungen hin, die zwischen den verschiedenen Regierungen, bezüglich der Verleihung von Orden und Ehrenzeichen bestehen. Die italienische Regierung habe am 2. Oktober 190., zu einer Zeit, wo noch nichts Belastendes über Modugno bekannt war, die Bestätigung, daß der Leutnant den von der deutschen Regierung zugedachten Orden tragen dürfe, erteilt. Am 15. Januar 1903 jedoch, nachdem Modugno wegen seiner Verbrechen in China verhaftet worden war, sei das Ehrenzeichen wieder an die deutsche Regierung zurückgegeben worden. Frankreich. Klerikale Charitee. ac. Der Genosse Pressense hat an den Ministerpräsidenten Combes ein Schreiben gerichtet, in welchem er unter Hinweis auf die verschiedenen Prozesse, die gegen die„Guten Hirten" und andere Kongregationen in letzter Zeit geführt wurden und durch welche eine erschreckende Ausbeutung und Mißhandlung von Kindern, die ihrer Obhut anvertraut waren, konstatiert wurde, die Vorlegung eines Gesetzentwurfes fordert, wonach die klerikalen Zufluchtsstätten, Erziehungsanstalten usw. der Fabrikinspektion und auch sonstiger behördlicher Aufsicht zu unterstellen sind. Belgien. Der Klerikalismus in Belgien. ac. In der Kammer steht gegenwärtig das Budget des Unterrichts zur Verhandlung. Aus den Debatten ist ersichtlich, daß der Fortschritt der Klerikalisierung in Belgien seit dem Jahre 188-, in welchem die katholische Partei aus Ruder kam, ein ganz gewaltiger ist. Nach dem Gesetz von 1884 und 1895 schiebt der Staat die Sorge um das Schulwesen auf die Gemeinde ab; er beschränkt sich darauf die Gemeinde nach der Zahl der Schulkinder zu unterstützen. Die Gemeinde hat vollständig freie Hand bezüglich der Errichtung von Schulen; sie kann selbst soweit gehen, ihre offizielle Schule aufzuheben und den Unterricht vollkommen den Kongreganisten zu überlassen. Von diesem Rechte aber machen natürlich die klerikal=verwaltenden Gemeinden in reichstem Maße Gebrauch Außer in den großen Städten und einigen Industriecentren, wo die Liberalen oder die Sozialisten herrschen, hat sich überall die Kirche dem Staate dienstbar gemacht und das ganze Unterrichtswesen an sich gezogen. Hier einige Zahlen, welche der Führer der Linksliberalen Paul Hymans in seiner Rede in der Kammer vorführte: Von 1884—1901 wurden in Belgien 253 öffentliche Kommunalschulen unterdrückt, dafür aver 2435 neue Kongregationsschulen gegründet. Besonders warfen sich die Kongreganisten auf den Unterricht der Mädchen; es ist den Klerikalen darum zu tun, die zukünftigen Frauen und Mütter für sich zu gewinnen. Gegenwärtig giebt es 6000 offizielle Schulen für Mädchen neven 30000 Kongregationsschulen. In einem Bezirk von Flandern, zu dem 200 Gemeinden gehören, giebt es nur noch 2 offizielle Schulen. Selbst auf den Unterricht der Lehrer hat die Kirche ihre Hand gelegt. In den staatlichen Lehrerseminaren sind 969 Schüler, in den vom Staate subventionirten Seminaren des Klerus sind deren 5619 vorhanden. Im Jahre 1899 gab es in Belgien 4202 Mönche und Nonnen, welche Unterricht erteilten. Die Folgen dieser Pfaffenwirtschaft zeigen sich in der offiziellen Statistik, nach welcher mehr als ½ der ganzen Belgischen Bevölkerung aus vollkommenen Analphabeten besteht. 100(00 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren besuchen überhaupt keine Schule. Gewerkschaftliche Arbeiterbewegung. Inland. Eine Generalaussperrung der deutschen Tertilarbeiter. Der Kampf der Weber in Crimmitschau droht weitere Kreise zu ziehen und sich auf das nichtsächsische Nachbargebiet, den Lausitzer Tuchfabrikenbezirk, ausdehnen zu wollen dortigen Ausstandes. s zu Beginn eines gegenwärtige üble en, die darauf auser wies sodann die sächsische Regierung t, die Arbeitswilligen 1 Führern der Ausürden. gut reden. Es ist hm hätte antworten raler Antrag. 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L. meldet: Eine zahlreich besuchte Versammlung des Lorster Arbeitgeberverbandes beschloß einstimmig, den Crimmitschauer Faorikanten von jetzt ab bis auf weiteres zwei Prozent der ganzen wöchentlichen Lohnsumme zur Unterstützung in dem gegenwärtigen Tertilarbeiterausstande zur Verfügung zu stellen. In einer demnächst in Kottbus stattfindenden Zusammenkunft von Fabrikanten aus sämtlichen in Betracht kommenden deutschen Textilindustrieplätzen wird ein eventuelles gemeinsames Vorgehen ins Auge gefaßt werden. In der Versammlung in Forst kam vielfach die Ansicht zum Ausdruck, daß, falls der Crimmitschauer Ausstand nicht bald zu Ende gehen werde, für die Arbeitgeber der deutschen Tertilindustrie als ultimo ratio nur eine Arveitseinstellung an samtlichen deutschen Textilindustrieplatzen übrig bleibe. Es ist nicht nötig, diese Drohung allzu tragisch zu nehmen. Im Januar beginnt eine Saison für die Tertilindustrie. Die Arbeitgeber insgesamt werden sich hüten, sich den Gewinn daraus entgehen und die auswärtige Konkurrenz an den deutschen Markt heranzulassen. Aber daß sie eine solche Drohung aussprechen, zeigt, wessen die Herren fähig sind. Lokales. Elberfeld— Barmen. Elberseld, 16. Dezember 1903. Die rote Bande. Die Kartellparteien sind außer sich über den Erfolg unserer Partei bei der Stadtverordnetenstichwahl. Wie wir schon gestern berichteten, schütten sie die Schale ihres Zorns auch zugleich über den Allgemeinen Bürgerverein aus. Und da die Kartelliten zur Ohnmacht verdammt sind, wenn sie bei der Wahrheit bleiben, so greifen sie zu notorischen Fälschungen und Verdrehungen.„General=Anzeiger",„Wuppert. Volksblatt" und„Tägl. Anzeiger“ enthielten gestern die verschiedensten Wahlaufrufe; unterzeichnet waren dieselben von „Mehrere Arbeiter",„Mehrere Wähler,"„Mehrere Kaufleute", „Mehrere Handwerker“ u. s. w. Diese Unterschriften sind Fälschungen. Die Aufrufe kommen von den Machern des Kartells, die, wohl wissend, daß sie schwindeln, nicht den „traurigen Mut“ haben, ihre Sudeleien mit ihrer Firma zu versehen. Am ärgsten hat sich die Unverfrorenheit der Kartelliten an den deutschnationalen HandlungsGehülfenverband gewagt. Seitens des Vorstandes der hiesigen Ortsgruppe des deutschnationalen Handlungs=Gehilfenverbandes werden wir um Aufnahme folgender Erklärung gebeten. „Wir erklären hiermit öffentlich, daß unser Verband mit den gestern in hiesigen Tageszeitungen erschienenen, mit „Deutschnationaler Handlungs=Gehilfenverband, Achtung!“ überschriebenen, und mit„Mehrere Kaufleute“ unterzeichneten Veröffentlichungen in keiner Verbindung steht und können es nur als eine unlautere Machenschaft bezeichnen, auf diese Weise unter Mißbrauch unseres Namens für irgend eine Partei Stimmung zu machen. Wir werden die Angelegenheit weiter verfolgen." Da haben wir es. Und Leute, die zu solchen Mitteln greifen, wagen es, sich als„Ordnungsparteien" aufzuspielen und gegen die umstürzlerische Sozialdemokratie zu hetzen. Bis jetzt ist es noch immer die Sozialdemokratie gewesen, welche die Ordnungshelden in die Schranken des Gesetzes verweisen mußte. Eine andere Anzeige ist unterzeichnet:„Viele Beamte und Privatangestellte". Auch hier ist nicht nur die Unterschrift, sondern auch der Inhalt eine Falschung. Es wird da gesagt, in einer Versammlung des Allgemeinen Bürgervereins seien die Beamten als „Stimmieh" bezeichnet worden. In einer Gegenerklärung stellt der A. V.=V. fest, daß dies eine plumpe Unwahrheit ist. Und Herr Rechtsanwalt Rheindorff erklärt, daß er vor sechs Jahren ganz privatim dem ihm wohlbekannten Stadtverordneten Schmerfeld gegenüber eine ähnliche Aeußerung getan habe, aber dieser Herr habe es für richtig gehalten, seine N.'sPrivatäußerung als die Ansicht des A. B.=V. hinzustellen.— Der A. B.=V. weist ferner in einer Erklärung mit Recht nochmals darauf hin, daß in Mainz Nationalliberale und Freisinnige sich mit den bösen„Umstürzlern" verbündet haben. So tobt der Kampf hin und her. Eine Lust war es wieder, gestern abend mit anzusehen, wie die Arbeiter in Sharen antraten und geschlossen unsere Liste wählten. Ein ziemliches Aufgebot hatten auch die Ultramontanen gestern zuwege gebracht. Selbst haben die Ultramontanen bekanntlich keinen Kandidaten auf der Kartellliste, und man sah es den Kaplänen ordentlich an, daß sie nur mit süßsaurer Miene für die„Ketzer“ stimmten, die bei den evangelischen Streitern gegen Rom an der Spitze marschieren. Auf einen vielfachen Aufruf des Kartells an die Bezirksvertrauensmänner der vier Parteien hatten sich gestern abend in„Deutschen Kaiser" etwa 40 Personen, meist Konservative, eingefunden, die sich in sehr trübseliger Stimmung befanden. Der Vorsitzende(hielt eine kurze Ansprache, er forderte die Anwesenden auf, fleißig tätig zu sein, damit die„rote Bande“ besiegt werde, und dann ging man auseinander oder machte privatim seiner Mißstimmung über die Roten Luft. Wir können es den Herren nachfühlen. Bis gestern abend hatten Stimmen erhalten: Gewehr 1623, Grimpe 1607, Harm 1600, Ullenbaum 1605 und Ziegler 1977 Stimmen. Von dem Kartell: Abendroth 1795, Schmidt 1919, Schmitz 1926, Schön 1697 und Zachariae 1871. Bis heute abend 8 Uhr wird gewählt. Jetzt ist es noch eben Zeit. Wer noch nicht gewählt hat, möge schleunigst antreten, um auf die Frechheiten und Fälschungen des Kartells die erforderliche Antwort zu geben. Bis heute Mittag 1 Uhr haben erhalten Die Kartellgegner: Wilh. Gewehr(soz.,.... 1927 Stimmen Herm. Grimpe(soz.). 1897„ Friedr. Harm(so 1880„ Carl Ziegler(Allg. B.=V.). 2443„ als Ersatz: Wilh. Ullenbaum jr.(soz.) 1898„ Die Kandidaten der Kartellparteien: Carl Abendroth... 2306 Stimmen Reinh. Schmidt... 2456„ Anton Schmitz. 2465„ Konrad Schön 2148„ als Ersatz: Carl Zachariae.. 2398„ Die Heranziehung der Arbeiter zur Einkommenstener. Die Neuesten Nachrichten meldeten gestern, daß durch die in Versammlungen und in der Presse mehrfach erhobenen Beschwerden veranlaßt, die Regierung zu Düsseldorf einen Vertreter nach hier entsandt habe, um zu prüfen, wie hier die Einschätzung der Arbeiter gehandhabt werde. In den Konferenzen, die zwischen dem Regierungsverteter mit dem Vorsitzenden der Einkonnnensteuer=Veranlagungskommission, Herrn Regierungstat Haenatsch, und Vertreter der Stadtverwaltung stattgefunden haben, seien die erhobenen Be schwerden als berechtigt anerkannt worden. Die Durchsicht eines Bezirks ergaben das überraschende Resultat, daß 70 Arbeiter, die bisher zu niedrig eingeschätzt waren, durch die Erhöhung ihres Steuersatzes das Wahlrecht zu den Stadtverordnetenwahlen erlangen. Für alle Bezirke der Stadt schätze man die Zunahme der Wähler zu den Stadtverordnetenwahlen in der 3. Abteilung auf 2000 bis auf 2500. Diese Meldung der„N. N." wird heute durch den amtlichen„Tagl. Anz.“ als in allen ihren Teilen für unrichtig erklärt. Die Neueinschätzung geschehe hier lediglich nach dem Gesetz und den dazu erlassenen Vorschriften, ohne irgendwelche andere Rücksichtnahmen. Wir werden auf diese Angelegenheit zurückkommen. In der Strafsache gegen 1. den Redakteur Carl Eberte zu Barmen, geboren am 4. September 1869 zu Bliescastel, Kreis Zweibrücken, confessionslos, 2. den Stukkateur Carl Müller zu Elberfeld, geboren zu Gemünden am 27. Mai 1849, evangelisch, wegen Beleidigung durch die Presse, hat die 2. Strafkammer des Königlichen Landgerichts in Elberfeld am 21. Oktober 1903 für Recht erkannt: Die Angeklagten werden wegen öffentlicher Beleidigung der Fabrikanten August Caesar und Wilhelm Nettelbeck in Krebsoege verurteilt. Eberle zu einer Geldstrafe von einhundert Mark, an deren Stelle im Unvermögensfalle für je zehn Mark ein Tag Gefängnis tritt, Müller zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. Der verfügende Teil des Urteils ist durch folgende Zeitungen: 1. im Leimeper Kreisblatt, 2. im Generalanzeiger für Elberfeld=Barmen, 3. in der Freien Presse hierselbst und zwar in letzterer Zeitung unter der Rubrik„Lokales" mit derselben Schrift, wie der beleidigende Artikel in Nr. 83 vom 8. April 1903 bekannt zu machen. Alle Exemplare dieser Nr. 83, sowie die zu ihrer Herstellung benutzten Platten und Formen sind unbrauchbar zu machen. Vorstehendes Urteil wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Elberfeld, 11. Dezember 1903. Der Erste Staatsanwalt. * Von der Versicherungsanstalt Rheinprovinz. Im Ständehaus zu Düsseldorf fand dieser Tage eine Versammlung von etwa 50 Aerzten aus der Rheinprovinz statt, welche an der Spitze größerer Hospitäler stehen und auf Einladung des Vorstandes der Landesversicherungsanstalt zu gemeinsamer Beratung zusammengetreten waren. Es handelt sich um die Lösung einzelner, besonders die Ausführung des Heilverfahrens betreffender Fragen. Den Vorsitz in der Versammlung führte Landeshauptmann Dr. Renvers, während Geh. Regierungsrat Klausener und Assessor Schellmann die betreffenden Referate übernommen hatten. Zunächst kam die Einrichtung von Beobachtungs=, sogenannten Vorstationen, die mit den größeren Krankenhäusern verbunden werden sollen, zur Erörterung. Ergeben sich nämlich Zweifel über die Art der Krankheit, über die Frage, ob in absehbarer Zeit Genesung zu erwarten ist, ob Simulation vorliegt, oder nicht, so soll der Patient auf acht bis zehn Tage auf Kosten der Versicherungsanstalt einer solchen Vorstation überwiesen werden, um nach Ablauf dieser Zeit entweder entlassen oder einer besonderen für ihn geeigneten Anstalt zugeteilt zu werden. Die sich hieran anschließenden Fragen betrafen die Dauer und die Art des Beobachtungsverfahrens, die Honorar frage, sowie die Höhe der Kosten der Verpflegung in den Vorstationen. * Elberfelder Stadttheater. Heute wird Beethoven's „Fidelio", der letzten Sonntag so beifällige Aufnahme fand. in der neuen Besetzung wiederholt.— Der Donnerstag bringt abermals Beyerleins zugkräftiges Schauspiel„Zapfenstreich“. — Freitag, den 18. d. Mts. findet die bereits wiederholt angekündigte Uraufführung von Raucheneckers großer Oper „Zlatorog“ statt(Tichtung von O. Hausmann).— Für Sonnabend ist Lortzings„Zar und Zimmermann" angesetzt. *Die Gültigkeitsdauer der Rückfahrkarten von sonst kürzerer Dauer im Verkehr mit der französischen Nordbahn läuft aus Anlaß des Weihnachtsfestes von einschl. dem siebten Tage vor bis zu dem vierzehnten Tage einschl. nach dem ersten Weihnachtsfeiertage. Im Verkehr mit Stationen der belgischen Staatsbahnen sind die Rückfahrkarten mit dreitägiger Gültigkeitsdauer zur Rückfahrt noch gültig am vierten Tage, wenn sie am Tage vor dem ersten Weihnachtstage gelöst werden; sie gelten also noch am Tage nach dem zweiten Feiertage. Auf Strecken der preußisch=hessischen Staatsbahn gelten die oben bezeichneten Rückfahrkarten, wie im übrigen Verkehr allgemein, 45 Tage. Barmen, 16. Dezember. 8„Vor Tische las man's anders!" Das„Wuppertaler Volksblatt", das Zentrumsorgan berichtete gestern also über die am Montag getätigte Stadtrats=Ersatzwahl der 2. Abteilung: „Zur Stadtratswahl. Bei der gestrigen Stadtverordneten=Ersatzwahl der zweiten Abteilung für den verstorbenen Herrn Lüttringhaus erhielt Herr Korte 580, Herr Bölling 439 Stimmen. Herr Korte ist somit gewählt.“ Das sieht gerade so aus, als wenn das Blatt von dem Herrn Bölling so wenig wüßte, als von Herrn Korte und es ihm vollkommen gleichgültig sei, wer von beiden gewählt wurde. Und doch hat das Zentrumsblatt vor der Wahl nicht oft genug betonen können, daß Herr Bölling der Kandidat des Zentrums sei und daß deshalb alle Zentrumswähler für ihn einzutreten hätten, damit„unser" Kandidat gewählt werde. Jetzt nach der Wahl, die den verbündeten Ultramontanen, Konservativen und Nationalliberalen eine schwere Niederlage gebracht hat, stellt sich das Zentrumsblatt, als ob die ganze Geschichte die Zentrumspartei gar nichts anginge. Wer ist Bölling? Das„Wuppertaler Volksblatt" kennt den Mann heute nicht mehr, weil er das Unglück hatte, bei der Wahl durchzurasseln. Wäre das Gegenteil der Fall gewesen, dann hätte das„Wuppertaler Volksblatt“ nicht genug von einem Sieg der„guten Sache" der Welt verkünden können. Doch so hält das Blatt es für geraten, sich so dumm wie möglich zu stellen. Das ist Zentrumslogik und Zentrumstaktik, die aber gar zu sehr ans Komische grenzt. 3 Das Ermittelungsverfahren wurde gegen einen hiesigen Hufschmied eingeleitet, der in einer Wirtschaft von den dort ausgestellten Gegenständen 5 Tafeln Schokolade entwendet haben soll. Z Schwindlerin. In meyreren hiesigen Geschäften stellte sich vor kurzem eine Frau ein, welche für eine in der Allee wohnende Familie je 12 Flaschen Wein bestellte. Eine Flasche nahm die Frau jedesmal zur Probe mit. Hinterher hat sich herausgestellt, daß die Bestellungen auf Schwindel beruhten. und die Geschäftsleute die Betrogenen waren. Die Frau ist etwa 35 Jahre alt, etwa 155—160 Mtr. groß, hat schwarzes Haar und gesunde Gesichtsfarbe. Bekleidet war sie mit dunkelblauem Capes und schwarzen Hut. Achtung! Gewerbegerichtswähler! Im Anzeigenteil unseres Blattes finden unsere Leser heute die Bekanntmachung des Vorsitzenden des Gewerbegerichts betreffs der im Januar stattfindenden Gewerbegerichtswahlen: Demnach wählen die Arbeiter am Donnerstag, den 21., Freitag, den 22. und Samstag, den 23. Januar; die rheitaeber am Montag, den 25. Januar 1904. Wahlberechtigt sind alle Arbeiter, die 25 Jahre alt, hier wohnen oder beschäftigt sind und sich in die Wählerliste haben aufnehmen lassen. Die Aufnahme in die Wählerliste erfolgt vom 29. Dezember ab bis 11. Januar in der Zeit von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags auf Zimmer Nr. 30 des neuen städtischen Verwaltungsgebäudes in der Wegenerstraße. Wer das Eintragen in die Wählerliste versäumt, geht seines Wahlrechts verlustig! Es scheiden aus in der Gruppe„Industrie": Tertilarbeiter Karl Stürmer, Metallarbeiter Carl Wilms, Holzarbeiter Konrad Engel und Buchdrucker Aug. Timmer; in der Gruppe„Manowerk“ die Bauhandwerker Gerhardt Nerlings und Fritz Wienand. Diese Beiden scheiden vor Beendigung ihrer Amtszeit aus und sind deshalb für sie nur Ersatzwahlen bis 1906 vorzunehmen, während für die in der Gruppe„Industrie" Ausscheidenden die Wahlen auf sechs Jahre erfolgen. Und nun Arbeiter, Parteigenossen, ans Werk! Die Vorbereitungen zur Wahl sind recht umfangreich und ist deshalb keine Zeit meyr zu verlieren. Unsere„christlichen"„Freunde" tragen sich bekanntlich mit Gedanken, uns aus dem Gewerbegericht zu verdrängen. Hoffentlich bekommen sie bei den Gewerbegerichtswahlen eine noch kräftigere Abfuhr, wie bei der Krankenkassenwatt Provinzielles. c. Duisburg, 15. Dez. Infolge falscher Weichenstellung ist heute morgen gegen 3 Uhr auf dem hiesigen Stadtbahnhof ein vom Hauptbahnhof kommender Zug auf einen anderen aufgefahren. Personen wurden nicht verletzt. Der Materialschaden ist erheblich. Tages-Chronik. Ein gewohnheitsmäßiger Soldatenschinder. * Metz, 15. Dez. Heute Abend 7 Uhr fällte das Kriegsgericht der 33. Division nach anderhalbstündiger Beratung das Urteil über den Leutnant Paul Schilling vom Metzer Infanterie- Regiment Nr. 98 wegen Mißhandlung Untergebener in 978 Fällen. Als bewiesen anerkannt wurden 618 Fälle von Mißhandlungen, 57 von vorschriftswidriger Behandlung Untergebener und ein Fall, wo S. einen Soldaten durch Anbieten von Geld und Zigarren für sein Schweigen von einer dienstlichen Meldung abgehalten hatte. Für letztern Fall wurden zwei Monate Gefängnis berechnet, für eine andere Mißhandlung, durch welche der betreffende Soldat wahrscheinlich dienstunfähig geworden ist, 6 Monate Gefängnis. Alle anderen Fälle wurden durchschnittlich mit je 6 Wochen Gefängnis bestraft, da keiner als minderwertig angesehen werden konnte. Das Urteil lautete auf ein Jahr und drei Monate Gefängnis und Dienstentlassung. Von der Untersuchungshaft wurde ein Monat in Anrechnung gebracht. Der Vertreter der Anklage hatte ein Jahr und sechs Monate Gefängnis und Dienstentlassung beantragt. Zu Gunsten des Angeklagten sprach die Krankhaftigkeit seiner Nerven und seine Reizbarkeit; als erschwerend wurde angesehen, daß Schilling die Mißhandlungen gewohnheitsmäßig betrieb und daß er wegen Mißhandlung schon vorbestraft war und Neueste Nachrichten. IIb. Chemnitz, 15. Dez. Das„Chemn. Tagebl." berichtet aus Meißen: Der in der hiesigen Jutespinnerei beschäftigte Arbeiter J. Bienert hat gestern seine Frau, seine 6 Kinder, 3 Knaben und 3 Mädchen im Alter von 2 bis 12 Jahren, und sich selbst in seiner am Neuen Markt belegenen Wohnung vergistet. Frau und Kinder waren tot, während der Mann noch Lebenszeichen von sich gab. Er wurde in das Stadtlrankenhaus gebracht. Das Motiv zur Tat scheint in der Krankheit der Frau zu suchen sein. IIb Mom, 15. Dez. Der hiesige japanische Militärattachee wurde von seiner Regierung abberufen; man bringt diese Nachricht mit den japanesischen Kriegsrüstungen in Verbindung. Ilb. Madrid, 15. Dez. Hier drohl eine neue Ministerkrisis auszubrechen, veranlaßt durch die gestrige Kammersitzung. Ilb. St. Etienne, 16. Dez. Ein heftiger Schneesturm wütete gestern im ganzen Departement. Derselbe richtete großen Schaden an. Die Eisenbaynzüge erlitten Verspätungen, von mehreren Seiten werden Unfälle gemeldet. Ilb. Adien, 16. Dez. Eine Räuberbande überfiel gestern unter Führung des Insurgentenchefs Wohivoda in der Nähe von Monastir den Griechen Athanas, der von seinem Sohn und seinem Neffen begleitet wurde und ermordete alle drei. Auf die Brust des Athanas wurde ein Todesurteil des mazedonischen Komitees geheftet, worin erklärt wurde, daß Athanas samt seiner Familie ausgerottet werde, weil er sich weigere, sich der mazedonischen Insurrektion anzuschließen. w. London, 18. Dez. In den Londoner Wahlbezirken Lewisham und Dulwich, welche bisher durch Konservative vertreten waren, fanden Nachwahlen zum Unterhause statt. Der Wahlkampf, bei dem es sich hauptsächlich um die schwebende handelspolitische Streitfrage handelte, endete in den beiden Bezirken zu gunsten der Anhänger Chamberlains. In Lewisham wurde der Konservative Coates mit 7709 Stimmen gewählt, während der freihändlerische Gegenkandidat Cleland (liberal) 5697 Stimmen erhielt. In Dulwich siegte der Konservative Rutherford Harris mit 5819 über den liberalen Gegenkandidaten und Freihändler Mastermann, der 4382 Stimmen erhielt. IIb. London, 15. Dez. Eine Kapstadter Drahtung meldet: Zufolge amtlichen Telegramms vom 12. Dez. nahmen die Deutschen das Hottentottenlager ein, aber später trieben die Hottentotten die Deutschen über den Fluß und beschossen sie während des Rückzuges, wobei Leutnant Beklin und ein Reiter schwer verwundet wurden. Der Verlust der Hottentotten betrug 3 Tote und 2 Verwundete. IIb. Konstantinopel, 15. Dez. Nach einer Meldung aus Astrabad(Persien) kam es nach mehreren aus Zollstreitigkeiten entstandenen blutigen Zusammenstößen zwischen persischen Beamten und Turkmenen im Dezember zu einer großen Schlacht zwischen dem Gouverneur von Astrabad und den Turkmenen. Der Gouverneur wurde zurückgeworfen. Ein Regulieroken zu verkaufen. Barmen, Falkenstr. 54 a. Schöne gr. selbft angez. Puppe b. z. verk. E., Schreinerstr. 301. Bekanntmachung die Wahlen der Beisitzer des Königl. Gewerbegerichts betreffend. Gemäß§ 9 des Regulativs vom 29. September 1902 scheiden nachstehende Beisitzer des Königlichen Gewerbegerichts zu Barmen am 1. April 1904 aus: a) Arbeitgeber von der Gruppe„Industrie": die Herren: Friedr. Mittelsten Scheid, Herm. Jos. Traim, Adolf Mann und Dr. Ewald Herzog; b) Arbeitnehmer von der Gruppe„Industrie": die Herren: Carl Wilms, Conrad Engel und August Timmer. (a und b Ergänzungswahlen für 6 Jahre). Es sind bereits ausgeschieden infolge Amtsniederlegung: 1. aus dem Kreise der Arbeitgeber=Beisitzer von der Gruppe„Handwerk": Herr Wilh. Stiefelhagen,(Ersatzwahl bis 1906); 2. aus dem Kreise der Arbeitnehmer=Beisitzer von der Gruppe„Industrie": Herr Carl Stürmer, dessen Amtsperiode am 1. April 1904 ohnehin abgelaufen wäre; (Ergänzungswahl für 6 Jahre). 3. aus dem Kreise der Arbeitnehmer=Beisitzer von der Gruppe„Handwerk": die Herren Gerhard Uerlings und Fritz Wienand.(Ersatzwahlen bis 1906). Durch Verfügung des Herrn Regierungs=Präsidenten vom 5. November 1903 finden die Wahlen für die ausscheidenden und bereits ausgeschiedenen Beisitzer am Deunerstag, den 21. Jannar 1904 in MittelBarmen, im Saale des Central-Hotels(Eingang Cleferstraße 6.8), am Freitag, den 22. Jannar 1904 in Unter=Barmen, im Hotel=Restaurant Hegelich, Allee 31; am Famstag den 23. Jannar 1904 in Ober=Barmen, im Lokale des Wirtes Schellhoff,(Kaisersaal), Berlinerstraße 128, sowie am Montag den 25. Jannar 1904 in Mittel=Barmen, im Saale des Central-Hotels(Eingang Cleferstraße 6/8 statt und zwar die Wahl der Beisitzer aus dem Kreise der Arbeitnehmer am 21., 22. und 23. Jannar 1904, jedesmal in der Zeit von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags und von 5 Uhr, nachmittags bis 9 Uhr abends und die Wahl der Beisitzer aus dem Kreise der Arbeitgeber am 25. Jannar 1904, in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 12 Uhr mittags und von 5 nachmittags bis 8 Uhr abends. Zur Teilnahme an diesen Wahlen sind diejenigen berechtigt, welche einer der gewerblichen Gruppen angehören, das 25. Lebensjahr vollendet und in dem Bezirke des Gewerbegerichts Wohnung oder Beschäftigung haben. Wählbar als Beistzer des Gerichts sind dagegen nur solche, den bezeichneten Gruppen angehörende Personen, welche das 30. Lebensjahr vollendet, in dem der Wahl vorangegangenen Jahre für sich oder ihre Familieu Armenunterstützung aus össentlichen Mitteln nicht empfangen oder die empfangene Armen=Unterstützung erstattet haben und in dem Bezirke des Gerichts seit mindestens 2 Jahren wohnen oder beschäftigt sind. Als Arbeitgeber gelten diejenigen selbständigen Gewerbetreibenden, welche mindestens einen Arbeiter regelmäßig das Jahr hindurch oder zu gewissen Zeiten des Jahres beschäftigen. Die Wiederwahl der ausscheidenden Belützer ist zulässig. Mitglieder einer Innung, sowie einer ZwangsInnung, für welche ein Schiedsgericht errichtet ist und deren Arbeiter, sowie Personen, welche zum Amt eines Schöffen unfähig sind, sind weder wählbar noch wahlberechtigt. Die beteiligten Arbeitgeber und Arbeiter mache ich auf Vorstehendes mit dem Bemerken aufmerksam, daß diejenigen, die an der Wahl teilzunehmen beabsichtigen, sich vom 29. Dezember 1903 bis 11. Januar 1904 einschließlich in der Zeit von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags im Zimmer No. 30 des hiesigen neuen Verwaltungsgebäudes Wegenerstr. 3 in die Wählerlisten eintragen lassen können. Ich bemerke hierbei, daß nur diejenigen Berechtigten zur Wahl zugelassen werden, die sich zur Eintragung in die Wählerlisten angemeldet haben und durch eine amtliche Bescheinigung über ihre Wahlberechtigung auszuweisen vermögen. Die Wahl erfolgt durch persönliche Abgabe von Stimmzetteln, welche handschriftlich oder im Wege der Vervielfältigung hergestellt und nicht unterzeichnet und so viele Namen enthalten sollen, wie Beisitzer zu wählen sind. Barmen, den 15. Dezember 1903. Der Vorsitzende des Königl. Gewerbegerichts als Vorsitzender des Wahlvorstandes: Remscheid. Gummischuhe werden repariert Barmen, Heubruch 22. Schuhwerk jeder Art u. Güte kauft man stets am allerb. E. Henbruch 2 D Hierdurch wird an die Einzahlung, der mit Ende dieses Monats fällig werdenden Beiträge für das IV. Quartal 1903 ergebenst erinnert Des bevorstehenden Jahres=Abschlusses wegen und um den starken Andrang zu vermeiden, ersuchen wir, mit den Einzahlungen baldigst beginnen zu wollen. Remscheid, den 10. Dezember 1903. Die Verwaltung der Allgem. Ortskrankenkasse. Der Rendant: Roettger. Velbert! Sonntag den 20. Dezember 1900, abends 6 Uhr, im Lokale des Herrn Gust. Sommer,„Waldeslust“: Grosse öffentliche 1. 1. olks=Versammlung. Tages=Ordnung: Ursache, Verlauf und jetziger Stand der RiesenAussperrung in Crimmitschau Referent: Kollege Krug aus Crimmitschau. Die Lohndrückerei der Unternehmer und die Schäden der hiesigen Heimarbeit. Arbeiter und Arbeiterinnen! In der Weise hat das Unternehmertum seine wirtschaftlichMacht mißbraucht und kurz vor Weihnachten 7827 Personen mit Tausenden von Kindern dem Hungertuche preisgegeben. Arbeiter und Arbeiterinnen! Sorgt für massenhaften Besuch dieser Versammlung, beweist, daß Euer Solidaritätsgefühl stärker ist als die Macht der Geldsacks. Zur Teckung der Tageskosten werden 10 Ufg. Entree erhoben. Das Gewerkschaftskartell. Auf Abzahlung!!! Damen-Paletots Damen-Kragen Damen-Jacketts soweit der Vorrat reicht, mit ganz geringer Anzahlung und wöchentlicher Abzahlung von Mk. AeElberfeld, Gr. Klotzbahn 15 Paletots sind schick, modern, dauerhaft, jeder Geschmack, jede Farbe, jeder Stoff ist vorrätig Guie bekannte Kunden erhalten Paletots ohnejede Anzahlung Neue Kunden zablen einen kleinen Teil an. G. Guttmann grösstes Kredithaus Elberfeld, gr. Klotzbahn 15. Sonntag v. morgs. 11 b. abds. 9 Uhr geöffn. Well- 6 Schuhwaren o Fabrik o Elberfold, 19 Herzogstr. 19. Bäumer 8 Co Barmen, Werterstr. 28 aller Art in Kalb-, Chevreaux-, Boxkalf-, Lackleder nur Kons.-Genossenschaft, Haushalf“ e. G. m. b. H. - Velbert. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß unsere Verkaufsstellen Kirchstrasse und Oststrasse am 24. Dezember a. cr.(Weihnachtsabend) um 5 Uhr nachmittags geschlossen werden und ersuchen daher, den gesamten Weihnachtsbedarf frühzeitig einzukaufen. Der Vorstand. Bergmann. Cenva-Hoter Altd. Kleiderschr., Anrichte m. Aufsatz, altd. Tisch, Vertikow und Kindertische billig. Elberfeld Hochstr. 90. Aug. von den Steinen Prima Wäsche, Bielefelder Fabrikat.— Kragen in allen Façons 1 Stück 45 Pfg., ½ Dtzd. 2.50 Mark. Manschetten in allen Facons ½ Dtzd. 3.80 Mark. Serviteus und Oberhemden in grosser Auswahl. Verkaufsstellen: Morianstr. 19 und Kirchstr. 9. I. Etage. 50 Mark pro Paar. Verlangen Sie illustrierte Preisliste gratis u. franko. Arbeiter=Notiz Malender 1904 Geb. 60 Pfa., Porto 10 Pfg. Aus dem reichhaltigen Inhalt heben wir hervor: Das Kinderichutzgesetz. Die Reichstagswahl von 1903 mit vergleichenden Zahlen der für die Sozialdemokrane im Jahre 1898 abgegebenen Stimmen. Porträts und Blographien der sozlaidemekratischen Reichstags=Argeordneten. Mannssseal des Relchs 29s(Tllustrat.) Scialaercrane tu den einzelnen G'eblbetellieue der Partelen.—etng teien an Baupt- und 8nen € Volksichuien m Des Miand.— Schatd er— Ennabme- und Husgabetabellen.— TotizKalender.— Die Mirglieder der freien Gewerkschaften,— Weibliche Mliglieder In den Gewerkschaften.— Finanzielle Ceiltungen der Gewerkichaften.— Adressen der deurteen Gewerbeinspektoren, der Zentralverbände, Arbeiterlekretariate.— Zur Beachtung für Reviloren. Der Kalender ist ein unentbehrliches Nachsch lagebuch für Gewerkschaften und Partei beziehen durch die Buchhandlung der „Freie Presse“ Elberfeld, Friedrin dr. 37. 23 Lüdenscheid. Mehrere Mäochen oder Frauen für danernde und lohnende Beschäftgung gesucht. Lüdenscheider Metallwerke, A. G., vorm. Jul. Fischer& Basse. Ein wenig gebrauchter Konfirmanden-nzng und Ueverzieher billig zu verk G. Weber, Bismarckar. 61 aU-Barmen Weihnachten“ Verantwortlicher Redakteur: Karl Eberle, Barmen.— Verlag: Verlagsanstalt Molkenbuhr& Co., Elberfeld.— Rotationsdruck: Buchdruckerei Grimpe, Elberfeld 1. Beilage zu Nr. 293 der Freien Presse. Mittwoch, den 10. Dezember 1905. Lokales. Elberfeld- Barmen. Elberseld. 16. Dezember 1908. *Schlimme Erfahrungen mit einer Hülfshasse hat ein Arbeiter aus einem Kölner Vorort gemacht. Da auch das Wuppertal mit sogenannten Volkskassen„gesegnet" ist, lassen wir hier folgen, was der Kölner Arbeiter unserm dortigen Parteiorgan mitteilt. Er schreibt:„Vor einiger Zeit wurde mir vom Amtsgericht Berlin ein Urteil durch einen Gerichtsvollzieher zugestellt, der auch gleich zur Pfändung schritt. Dieses Urteil erhielt ich in Sachen der Allgemeinen Volkskrankenkasse(Berlin), worin ich mich im Jahre 1898 durch einen Agenten aufnehmen ließ und gleichzeitig den Aufnahmeschein unterzeichnete, weil nach Aussage des Agenten meine Aufnahme erst dann rechtskraftig wäre, wenn der Vorstand sie genehmigt habe. Auch sollte mir innerhalb 14 Tagen das Statut und das Quittungsbuch zugestellt werden, woraus ich ersehen könne, was für Beiträge und wo ich sie bezahlen sollte. Alles dieses ist von der Krankenkasse unterlassen worden, und ich hatte folglich gar keinen Anhaltspunkt, zu zahlen. Nach zwei Jahren bekam ich von Berlin eine Aufforderung, die Beiträge vom Tage der Aufnahme bis Schluß des Jahres 1900 zu zahlen. Die Kasse war in Liquidation getreten. Meiner Auffassung nach lag ein Verschulden der Kasse vor, wenn ich nicht gezahlt hatte, und ich glaubte im vollsten Rechte zu sein. Da ich aber den Aufnahmeschein unterzeichnet hatte, wurde Klage gegen mich erhoben, infolgedessen ich 30 Mark zahlen mußte. Am 6. d. M. fragte ich bei zwei Rechtsanwälten um Rat in der Sache. Der erste bekam 1 Mark Gebühren, worauf mein Kassenbestand noch 1,25 Mark war. Als der zweite Rechtsanwalt für ein Gespräch von wenigen Minuten 1,50 Mark verlangte, und ich ihm gestand, daß ich nur noch 1,25 Mark habe, ihm aber den Rest schnell besorgen wolle, wurde er fuchstenfelwild, nahm mit meinen Hut ab und drohte ihn einzubehalten. Schließlich gab er sich aber mit 1 25 M. zufrieden." Ueber das Verhalten der beiden Rechtsanwälte verlieren wir kein Wort, ihre Handlungsweise spricht für sich übrig genug. *Ein grober Mißstand im Baugewerbe ist die Art der Auszahlung des Lohnes an die Arbeiter. Während in der Industrie fast allgemein die Löhnung wenn nicht des Freitags so doch frühzeitig des Samstags erfolgt, belieben es noch recht viele Bauunternehmer, ihre Leute recht lange auf den verdienten Lohn warten zu lassen. Zu diesen wenig rücksichtsvollen Unternehmern gehört, wie uns geschrieben wird, auch Herr R. J. Schlösser. Wiewohl die Arbeiter Samstags um 5¾ Uhr Feierabend haben, müssen sie sehr oft bis 7 Uhr, ja manchmal noch langer warten, bis sie ihren Lohn erhalten. Es kommen dabei ca. 50 Mann inbetracht. Barmen, 16. Dezember. Das verärgerte Linzblättchen. Es war vorauszusehen, daß das Ergebnis der Vertreterwahl zur Ortskrankenkasse die Linzianer und die mit ihnen verbündeten Zentrumsbrüder arg verschnupfen wird. Wohl schreibt das Linzblättchen, es glaube, daß das christliche Gewerkschaftskartell mit der erreichten Stimmenzahl zusrieden sein kann. Denn erstens habe die Agitation viel zu spät eingesetzt und zweitens hätten die Gegner mit allem Hochdruck gearbeitet, um sich den Besitz der Kasse nicht entreißen zu lassen. Das lautet an sich ganz ruhig und gefaßt, jedoch ist es nur Schein. Wie sehr sich das Linzblattchen aufgeregt hat, geht schon daraus hervor, daß es folgende Rechnung betreffs des Wahlresultats aufmacht. Es schreibt:„Im ganzen wurden 3686 Stimmen abgegeben, davon allein am vormittag 2065. Die Kandidaten der freien Gewerkschaften erhielten 2992, die der christlichen Gewerlschaften 778 und 6 Stimmen waren ungültig." Nichtig an dieser Rechnung ist nur die Stimmenzahl, die auf die Kandidaten der freien Gewerkschaften ertfiel, wahrend den Christlichen 100 mehr hinzugezählt wurden; aber auch sonst stimmt die Rechnung nicht, was jeder Leser selbst herausfinden kann. Doch ist das noch alles verzeihlich uno zum Teil auch erklärlich. Aber geradezu gelogen ist es, wenn das Linzblättchen weiter schreibt, in den Abendstunden der Wahl hätten die Polizeiorgane die größte Mühe gehabt, die Ordnung aufrecht zu erhalten, und daß die Genossen die christlichen Gewerkschaftler mit den unflätigsten Schimpfnamen berschütteten, bei dem Kulturprogramm der Freiheitspartei selbstverständlich sei. Einmal stellen wir fest, daß der Andrang in den Vormittagsstunden von 11 bis 1 Uhr am stärksten war. Das ergiebt sich schon daraus, daß wie das Linzblottchen selbst schreibt, in diesen 2 Stunden 2065 Stimmen abgegeben wurden. Mithin also pro Stunde rund 1000, wahrend auf die drei Abendstunden rund 1600 Stimmen entfielen, also pro Stunde stark 500. Wie man trotzdem schreiben karn, in den Abendstunden sei das Gedränge aufs Höchste gestiegen, das zu erklaren, muß dem Linzblättchen überlassen bleiben. Weiter stellen wir fest, daß trotz des ungeheuren Andrangs in den Vormittagsstunden sich die Wahl glatt abwickelte, auch sind die Christlichen nicht im geringiten belästigt worden. Wer das Gegenteil behauptet, der tut der Wahrheit bewußt Gewalt an. Ein Polizeibeamter war wahrend der Vormittagsstunden nicht zu sehen, er wäre auch höchst überflüssig gewesen. Abends stand allerdings ein Polizist auf der Marienstraße, aber auch der hatte keine Veranlassung einzuschreiten, nur duldete er nicht, daß die Stimmzettelverteiler so weit in die Marienstraße hinein gingen, wie es morgens der Fall war. Um das zu verhindern, bedurfte es gar keiner Muhe, sondern nur eines Wortes. Wie also das Linzblattchen in diesen Fällen geschwindelt hat, so ist es auch unwahr, daß die Christlichen mit unflätigen Schimpfworten überschüttet wurden. Einmal gerieten die beider eitigen Stimmzettelverteiler allerdings aneinander. Doch dazu nicht einer unterer Genossen den Anlaß gegeben, son ein christlicher Stimmzettelverteiler. Dieser bot nämlich die christlichen Stimmzettel als solche der freien Gewerkschaften an. Daß ihm dieses unehrliche Manöver ganz energisch untersagt wurde, ist selbstverständlich, ebenso, daß dabei das Verhalten dieses Christlichen nicht gerade mit besonderen Kosenamen bezeichnet wurde. Zum Schluß noch eins: Das Linzblättchen schrieb auch, es sei ein interessantes Schauspiel gewesen, zu sehen, wie die „freien" Gewerkschaften und die sozialdemokratischen Turnvereine an die Wahlurne geführt wurden, und bemerkt dazu: „Ja, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe."— Gewiß, mit dem letzten Satz hat das Linzblättchen den Nagel auf den Kopf getroffen. Ganz unsre Meinung. Es ist auch nicht dasselbe, wenn die Meister einer Fabrik, wie z. V. die Meister von Paßhaus, die ihnen unterstellten Arbeiterinnen an die Wahlurne führen, als wenn Gleichgesinnte und Gleichgestellte sich absprechen, gemeinsam zur Wahl zu gehen. Worin der Unterschied hierbei besteht, ist so klar, daß jedes Wort unsererseits dazu überflüssig in. Selbst das Linzblattchen scheint den Unterschied herausgefunden zu haben, und das will schon viel heißen. Die Weihnachtsserien in den höheren und Volksschulen beginnen am 24. Dezember, der Unterricht wird am Tage vorher geschlossen. Der Wiederbeginn des Unterrichts erfolgt in den höheren Schulen am 8. Januar, in den Volksschulen am 4. Jannar. Z Ueberarbeit in Bäckereien und Konditoreien darf im Jahre 1904 an folgenden 16 Tagen stattfinden: 17. Februar, 31. März, 2. und 5. April, 11., 21. und 24. Mai, 22. November, 6., 8., 13., 15., 20., 22., 23. und 30. Dezember. Vier weitere Tage, an denen auf besonderen Antrag allgemeine Ueberarbeit von der Polizeiverwaltung bewilligt werden kann, bleiben für unvorhergesehene Ereignisse vorbehalten. Hagen- Schwelm * Langerseld, 15. Dez. In der Eingeweindungsfrage ist nunmehr die Entscheidung des Ministerimms gefallen. Dieselbe verhält sich grundsatzlich ablehnend gegenüber dem Gesuche einer Eingemeindung Langerselds nach Barmen. Hiermit dürfte wohl die Eingemeindungsbewegung vorläufig erledigt sein. h. Schwelm, 14. Dez. Der Sozialdemokratische Verein befaßte sich in der am Samstag stattgefundenen Versammlung mit dem niedertheinischen Parteitag in Remscheid. Die Delegierten hoben hervor, daß die Ausrüihrungen des Gen. Breil zur Verteidigung des Kreises Hagen=Schwelm wohl wenig stichhaltig gewesen seien. Wir alle hätten bei der Landtagswahl auf bessere Erfolge gerechnet, und wären die Ausführungen des Gen. Gewehr nur zu berechtigt gewesen. Dies beweise auch der Umstand, daß unser Kreis der einzige war, der die Abrechnung von der Reichstagswahl nicht rechtzeitig fertiggestellt hatte. Durch die neu einzuführende verbesserte Art ider Organisation, wie sie das auf dem niederrheinischen Parteitag angenommene Organisationsstatut vorschreibt, werde man auch diese Sachen überwinden können. In der Diskussion wurde hervorgehoben, daß wohl einerseits die Abrechnung, weil wir eine Stichwahl vorzunehmen hatten, zu früh verlangt und deshalb bei der Weitläufigkeit des Kreises nicht leicht rechtzeitig zu machen war, daß aber andererseits Schwelm seine Abrechnung schon am 23. August dem Kreiskassierer zugestellt habe. Nach weiteren Diskussionen über das neue Organisationsstatut erklärte sich die Versammlung mit demselben einverstanden und entschied sich vorläufig für die im§ 6 offengelassene Organisationsform. Es soll also noch kein Zentralverein gebildet werden. Ferner wurde darüber debattiert, ob zum Zwecke der Regelung dieser Fragen eine Kreiskonferenz stattfinden soll. Die Beschlußfassung darüber wurde aber vorläufig ausgesetzt. Unter Verschiedenes wurden noch einige das Fest am zweiten Weihnachtstage betreffende Angelegenheiten geregelt und dann beschlossen, die nächste Versammlung am 3. Jannar und darnach alle 14 Tage eine Versammlung abzuhalten. Für die streifenden Arbeiter in Crimmitschau wurden aus der Vereinskasse 20 Mark bewilligt. Hierauf wurde beschlossen, am 2. Januar eine Verbreitung der Agitationskalender vorzunehmen, da an dem Tage manche Fabriken wohl stillstehen würden, und somit gute Gelegenheit zur Teilnahme an der Verbreitung gegeben wäre. Für die Teilnehmer wurden 75 Pfg. Zehrkosten bewilligt. Die Verbreitung erfolgt morgens punkt 9 Uhr von Overtheil aus. Wir sprechen schon jetzt die Erwartung aus, daß manche Genossen, die in der letzten Zeit nicht tätig waren, sich nun endlich mal wieder sagen, wir mässen mit dabei sein und helfen, daß wieder ein frischer Zug in die Agitation, sowie in die ganze Bewegung kommt. Die Versammlung fand nach langen Diskussionen zur sehr vorgerückten Stunde ihren Abschluß. n. Haspe, 15. Dez. Es wird uns geschrieben; Einen sehr disharmonischen Ausgang nahm hierselbst eine vom Gesangverein Barmonie veranstaltete Familienfeier. Ein zufällig in der Wirtschaft anwesender Gast, welcher früher Mitglied gewesen und sich jetzt noch großer Sympathie unter den Mitgliedern erfreut, wurde von einigen Mitgliedern aufgefordert, ja man kann sagen, förmlich genötigt, an der Zeier teilzunehmen. Dadurch glaubten verschiedene andere Mitglieder sich in den ihnen in Anssicht stehenden luckullischen Genüssen geschmälert, was sie durch Bemerkungen und Fragen zum Ausdruck brachten. Darin tat sich besonders ein Mitglied hervor, welches sich weniger durch geistige als durch korperliche Größe auszeichnet und vorher für die Einführung des früheren Mitgliedes sich sehr ins Zeug gelegt hatte. Es entstand nun ein Wortwechsel und die Folge davon war eine regelrechte Keilerei, wobei dem eingefährten früheren Mitgliede die„Harmonie“ der Feierlichkeit mit schlagenden Beweisen beigebracht wurde und dasselbe mit verbeultem Kopfe nach Hause gehen mußte, Dabei sind natürlich auch recht hämische Bemerkungen über die organisierten Mitglieder gefallen, da diese für das eingeführte Mitglied standen. Dabei ist nicht zu vergessen, daß der ganze Verein aus Arbeitern besteht, welche sich meistens auch als aufgeklärte Arbeiter aufspielen. Dabei wollen wir aber auch die Bitte an alle stimmbegabten Arbeiter richten, welche Lust am Gesang und frohlicher Geselligkeit haben, die Vereinsmeierei beisette zu werfen und dem Arbeiter=Gesangverein als Mitglied beizutreten. Es bestehen hier ungefahr ein halbes Dutzend Gesangvereine, welche sich fast ausnahmsweise aus Arbeitern zusammensetzen. Diese Vereine leiden mindestens an chronischem Mitgliederschwund und vegetierensblos oder werden mit vieler Mühe von einigen Interessenten mit großer Muye zusammen gehalten. Hatten alle die Arbeiter den Wert der Einigkeit erkannt und schlossen sich dem Arbeiter=Gesangverein on, dann könnten wir am Orte einen Verein aufweisen, der seinesgleichen suchte und der auch den Anforderungen, welche an solchen Vereinen gestellt werden, genügen könnte. Darum nochmals all ihr stimmbegabten A beiter, schließt die Reihen Gefährliche Lente. Ein sozialer Roman von Christian Elster. Aus dem Norwegischen übersetzt von J. C. Poestion. (Nachdruck verboten.) 22(Fortsetzung.) Der„Werder“ war es, die schmutzige Arbeiterkolonie unten am Strande, die an Allem die Schuld trug. Peter hatte ihn veranlaßt, einige Kranke dort zu besuchen. Er war in den Hütten drinnen gewesen und hatte Menschen in allen Stadien der Verfallenheit und des Schmutzes angetroffen; in jedem Hause hatte er dieselbe traurige, einförmige Lebensgeschichte der Not und der Versunkenheit zu hören bekommen, die ihm schon früher in hundert anderen Arbeiterwohnungen erz hlt worden war. Als er einmal aus einer dieser Höhlen heraustrat, hatte er Cornelia getroffen. Sie wartete auf Hanna, die in einem der umliegenden Häuser war, um für den nächsten Tag Fische zu bestellen. Noch ganz überwältigt von dem Eindruck all dessen, was er gesehen und gehört, wie von den erwachenden Erinnerungen an noch schlimmere Zustände an anderen Orten, hatte er von nichts anderem sprechen können, als von der jammervollen Existenz all dieser unwissenden, versoffenen, diebischen und heißhungrigen Menschen.„Hier gibt es keine Hoffnung," hatte er geendigt. „In diesem Leben," hatte sie leise hinzugefügt. Er hatte sie dann gefragt, ob das Mißverhältnis im anderen Leben ausgeglichen werde, wenn die Armen seliger würden als die Reichen. Sie war durch seine Bemerkung etwas beleidigt und hatte ihn an das geoffenbarte Wort über die Reichen erinnert. Die Armut sei eine Erziehung zur Gottessurcht, die den Reichen fehle. Dies hatte ihn wieder zum Widerspruch gereizt. Er hatte sie gefragt, ob es denn gar so forderlich sei für das religiöse Leben, ohne Heim oder doch in einem schlechten, onne Unterricht und Erziehung aufzuwachsen, sich durch Arbeit aufzureiben und doch hungern zu müssen— in engem Raume, in Schmutz und Kälte— das Laster in allen Gestalten vor Augen zu haben und keine andere Zerstreuung zu kennen als immer nur die eine... die Flasche, die Flasche und wieder die Flasche. Sie hatte hierauf gefragt:„Was sollen wir denn sagen zu all diesen Armen, Kranken und Kummervollen?" und er hatte geantwortet:„Fragen Sie lieber: Was sollen wir tun, um ihnen zu helfen? Das ist die große Frage, die von den Lippen aller denkenden und warmherzigen Männer tönt. Manche rufen sie in wilder Verzweiflung hinaus in die Welt, andere flüstern sie still grübelnd vor sich hin; mit ihr auf den Lippen sinkt ein Menschenfreund nach dem anderen todlmüde hin, nachdem er ein ganzes Leben daran gewendet, um die Lösung dieses großen Ratsels zu suchen." Und als sie so weit gekommen waren, ja dann hatte er mit den Gedichten angefangen. An den glühenden Kieselsteinen auf= und abwandelnd hatte er ihr anvertraut, mit welchen jungfräulich reinen Vorstellungen von dem großen Weltkampfe er einmal ausgezogen war. Es gelte ja nur die Begünstigten, die Besitzenden dahin zu bringen, daß sie das Grauenvolle in der Armut und Unwissenheit der Millionen so bitter, so nagend empfinden, daß ihnen das Leben unter solchen Verhältnissen ein Greuel werde, daß ihr Gewissen ihnen niemals Ruhe gebe! Und diese Kinder der Armut... ach, sie brauchten ja nur den warmen Hauch der Menschenliebe zu fühlen, um zu guten, dankbaren Arbeitern verwandelt zu werden!... Und was habe er dann gefunden? Ein unheimliches, unbeugsames, unbarmherziges Etwas, das Kapital heißt, und etwas Anderes, das Proletariat heißt und nicht die entfernteste Aehnlichkeit hatte mit den edlen Armen, die er in Träumen gesehen hatte. Er habe Kampf gefunden, den verzweifelten, schonungslosen Kampf zwischen Gesättigten und Hungrigen. Eine strahlende, leichtfertige Ueppigkeit in der Höhe, und in der Tiefe Rotten raublustiger Hungernder, die nichts ganderes wissen oder wissen wollen, als daß es Menschen gebe, die gesättigt sind, und nach nichts Anderem streben, als sie zu vertilgen, um selbst ihren Hunger zu stillen. Das Elend sei so unheilbar, der Haß so verzehrend! Da sei er gestanden, wo Hunderte gestanden hatten; entblättert seiner schönsten Illusionen, in todesstarrer Verzweislung über die Ohnmacht der menschlichen Bestrebungen. Was hatte das Alles geholfen, was große, helle Geister an vorurteilsvernichtenden Gedanken gedacht, Alles, was begeisterte Dichter an edlen Gefühlen in die Welt hinein gesungen! Was hat all der kühne Heldenmut ausgerichtet, den Apostel der Menschenliebe entwickelt habe, wo ist der Fleck Erde, der fruchtbar geworden ist von all dem Blute, das der Kampf für die Sache der Unterdrückten gekostet hat?... Ach. Alles, was er über diese großen Männer gelesen und gehört hatte, kam ihm vor wie wehmütige Sagen von einigen unheilbaren Trümmern, deren schöne Worte eine kurze Sekunde vernommen werden, um von dem ewigen Kampf zwischen all den menschlichen Raubtieren, mit denen die Welt angefüllt ist, übertost zu werden Ja, so war er auf= und abgegangen und hatte sich in Hitze und Zorn geredet, und sie? Sie hatte ihn dabei angeblickt, wie man einen Menschen anblickt, der eben aus einer Strafanstalt gekommen ist. Es kam ihm vor, als ob zwischen ihr und ihm sich eine Mauer aus Eis befinde. Es ärgerte ihm fürchterlich, wenn er sich nun hinterdrein diese Gespräche ins Gedächtniß zurückrief; aber er dachte auch nicht daran, dem Ganzen durch Abreise ein Ende zu machen. Um halb fünf Uhr stand Brandts Wagen vor der Haustür. bespannt mit den beiden drallen Küstenpferden. Alles war außerordentlich wohl in Stand gesetzt, der Wagen spiegelblank, die Pferde sorgfältig gebürstet, das Lederzeug frisch geschmiert, was denen, die im Wagen saßen, einen andauernden Genuß bereitete. Es war noch sehr warm. Die Wege staubten stark und hüllten die Fahrenden in graue Wolken ein. Das Dampfschiff, das aus Anlaß des Festes salutirte, hatte Gäste aus der Stadt gebracht. Sie werden nun mit Hamres Wagen und Pferden landeinwärts befördert. Die eingeborenen Familien kamen in bescheidenen Gefährten herbei. Einige vereinzelte Herren kamen auch zu Fuß. Hamres Landhaus war im„Schweizerstil" erbaut, mit Veranden und Altanen. Der Garten war neu angelegt worden und schattenlos. Er war ebenso wohlgepflegt wie sein Besitzer. Alle Blumenbeete bildeten Figuren, die so regelmäßig waren, daß Einem davon ganz übel wurde. Die Grasplätze und Hecken waren mit einem Schnitt so gleichmäßig beschnitten, daß man vergebens nach einem Halm oder einem Zweig hätte suchen können, der sich naseweis aus der Menge hervordrängte. Alle Blumen hatten auf den Zoll denselben Abstand vom Wegsaum und von einander. Die Wege waren so reichlich mit Kies bestreut, daß man Scheu fühlte, seinen Fuß auf sie zu setzen. Ein Springbrunnen spielte mit blinkenden Kugeln auf dem großen Platz in der Mitte des Gartens. Es war ein schöner und erschrecklich wohlerzogener Park. Als Brandts Wagen in den Hof einschwenkte, waren die meisten Gäste schon angekommen. Nur einige Fußgänger— zu cinem großen leistungsfähigen ArbeiterGesangverein. h. Haspe, 19. Dez. Die Neuwahlen zum Gewerbegericht finden laut Bekanntmachung des Bürgermeisteramts für die Fabrikbetriebe am Donnerstag den 7. Januar und für die sonstigen Gewerbebetriebe am Freitag den 8. Januar 1904 jedesmal von nachmittags 5—9 Uhr im Hotel Derpsch(früher Bose) statt. Die Anmeldung zur Wählerliste muß im Rathause Zimmer Nr. 4 erfolgen und zwar entweder persönlich oder schriftlich. Versäume darum kein Arbeiter, sich eintragen zu lassen. Wer das unterläßt, der kann auch nicht wählen. Anmeldungen zur Wählerliste werden bis inkl. Dienstag den 29. Dezember entgegengenommen. Wahlberechtigt ist jeder Arbeiter, der 26 Jahre alt ist, hier wohnt oder hier beschäftig ist. Nochmals, Arbeiter, laßt Euch in die Wählerliste eintragen, sichert Euch das Wahlrecht. Gevelsberg. 19. Tez. Die gestern stattgefundene Generalversammlung der Allg. Ortskrankenkasse beschloß nach langer Debatte mit den Aerzten einen Vertrag auf 5 Jahre abzuschließen bei 4 M. Honorar pro Mitglied und Jahr und 6 M. für Operationen. Für das erste Jahr wollen die Aerzte 5 Proz. Rabatt gewähren. Altena-Iserlohn. s. Lüdenscheid, 15. Dezbr. Es wird uns geschrieben: Wohltätigkeit und Arbeiterversicherung. Die Wirkungen dieser beiden humanitären Einrichtungen werden als segensreich von allen Gesättigten himmelhoch gepriesen, die Hungrigen dagegen, die die Notpfennige der Armen= und Versicherungskassen beanspruchen müssen, wissen aus der Erfahrung längst zu genau, daß die Freude über die kleine Beihilfe durch die widerwärtige Knauserei und die Aufregungen über die Prozesserei eklich versalzen wird. Das fiskalische Interesse, die bureaukratische Abwickelung der Geschäfte der Humanität gegenübergestellt ist ein Zerrbild von ganz unangenehmer Wirkung. Einsichtsvolle Politiker haben mit der herben Vorhaltung dieser nackten Tatsachen die hochtönenden Phrasen unserer Geldaristokratie arg gedämpft, sodaß schon mancher die Nase etwas eingezogen hat. Wir wollen nicht verfehlen, an einem neuen Fall die„segensreichen Wirkungen“ der„humanitären" Einrichtungen zu illustrieren: In Lüdenscheid wohnt eine arme Familie, deren Ernährer schon Jahre lang arbeitsunfähig ist, und die Frau für die vierkopfige Familie aufkommen muß. Dem Manne wurde im September durch Urteil des„Schiedsgerichts für Arbeiterversicherung“ die Iuvalidenrente zuerkannt und zwar von Juli 1902 ab, sodaß die armen Leute etwa 204 Mark nachbezahlt bekommen mußten. Die Freude darüber, jetzt die in der Zeit der Not gehauften Schulden abtragen zu können, nunmehr— nach langen Jahren— ein Stückchen Fleisch essen zu können, war groß, aber— unsere städtische Armenverwaltung wußte diese unschuldige Freude des armen Mannes, der armen Familie, zu versalzen. Wie ein kapitalistisches Geldinstitut legt die Lüdenscheider Armenverwaltung Beschlag auf diese Summe für früher gezahlte Armenunterstützung. Die Landesversicherung Westfalen antwortet auf wiederholtes Bitten, das Geld auszuhändigen, ganz prompt, die Verhandlung niit der Armenverwaltung sei noch nicht abgeschlossen. Mit welchem Recht die Iuvalidenversicherung das Geld nicht ausfolgt, sollen unsere Leser später noch erfahren. Während das Geld haufenweise in den Kassen liegt, muß der arme Invalide im Todesfieber ringen! Er hat in voriger Woche die Sterbesakramente erhalten, aber auf das ihm zustehende Geld warteter nochimmer: im hochgradigen Fieber fantasiert der arme, im Sterben liegende Mann von dem vielen Gelde — im Kasten der Landesversicherung Westfalen. Ein schönes Bild im Rahmen der frohlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtszeit. (Die Schuld, daß der Mann noch nicht im Besitz der Rente ist, liegt in diesem Falle doch wohl weniger an der Versicherungsanstalt, als an der Lüdenscheider Armenverwaltung. So weit uns bekannt ist, zahlen die Versicherungsanstalten im Allgemeinen die Renten prompt aus, ohne besondere Scherereien den Rentenempfängern zu machen. Anm. d. R.). Provinzielles. * Grevenbrück, 14. Dez. Wie die„Köln. Volksztg." meldet, fand heute nachmittag 5 Uhr eine große Explosion auf der hiesigen Dynamitfabrik statt. Man nimmt an, daß vier Arbeiter getötet und etwa 15 Beamte und Arbeiter leicht aerletzt wurden. Kunst, Wissenschaft und Leben. Stadttheater Elberfeld. Die Uraufführung von Loebels fünfaktigem Schauspiel „Krieg“ fand gestern vor schwach besetztem Hause statt. Die Handlung spielt zur Zeit der Regierung des„Sonnenkönigs“ Ludwigs XIV. von Frankreich am Ende des 17. Jahrhunderts und der Tätigkeit seines allmächtigen Ministers Louvos, als Frankreich mit halb Europa sich in den Haaren lag. Man lernt in dem Stück das höfische Leben mit seinen Intriguen, seiner Hinterlist und Heuchelei in dem Kampfe der beiden allmächtigen Rivalen am Hofe des Königs, des Geliebten und angeblich geheim angetrauten Gattin des Königs, der Marquise von Maitenon, kennen. In dem Minister Louvois ist der Typus jener Menschen gezeichnet, die ihren herrschsüchtigen Zielen alles unterordnen. Die selbst vor den verwerflichsten Mitteln, wie die leichtsinnige, ja vorbedachte Anzettelung von Kriegen und der rücksichtslosen Vernichtung ihrer Jolitischen Gegner nicht zurückschrecken. Louvois als Kriegsminister hält selbst gegen den ausdrücklichen Wunsch des Königs die Kriegsfakel hoch. Die Vernichtung der Pfalz und der Krieg gegen eine Anzahl andrer Staaten ist der ausschließlichen persönlichen Initiative des Kriegsministers zuzuschreiben Sein Grundsatz ist, Frankreich muß Krieg mit seinen Feinden führen und dieselben erst ganz zu Boden schmettern, sonst wird es keinen Frieden finden und bald zu den Beherrschten gehören. Wenn Loebel zeigen wollte, daß frühere Kriege mit ihren folgenschweren Erscheinungen ihre Ursache oft nur persönlichen Willkürakten verdankten, so zeigte er der Welt nichts neues. Dat doch der deutsch=französische Krieg von 1870 71, wie Liebknecht nachgewiesen, gezeigt, daß der eiserne Kanzler“ hierbei eine kaum weniger erfreuliche Rolle als Louvois im 17. Jahrhundert gespielt.— Der Gegenpol Lonvois ist die Ge liebte des Königs, die Maitenon, welche die von Louvois Verfolgten in Schutz nimmt und ihren Einfluß beim Konig dazu be nutzt, den Sturz des kriegslustigen, grausamen und geriebenen Ministers anzubahnen. Kurz vor seinem Sturze stirbt Louvois. Die Feindschaft der allmächtigen Maitresse wird eine tötliche, als der Minister einen heimlichen Sohn der Maitenon verfolgt und vom Kriegsgericht zum Tode verurteilen läßt— Spannend kann die Handlung kaum genannt werden. Die Aufführung fand auch recht mäßigen Beifall, der zum größten Teil wohl nur einzelnen Tarstellern galt. Was die Darstellung anbelangt, so hat Richard Treu als Minister Louvois eine anerkennenswerte, voll abgerundete Leistung. Dasselbe gilt auch für die Darstellerin der Marquise Maitenon, Fanny Wolf. Edita Klerwin als Anteinette von Saviers sprach viel zu hastig, während Herr Willy Brose als holländischer Edelmann so leise und undentlich redete, daß wir kein Wort verstanden. Mar Ruhbeck als König spielte anfänglich recht matt, wurde aber später besser. Es wäre übrigens zu begreifen, wenn die Tarsteller keinen Gefallen an dieser Arbeit fänden, denn künstlerischen Wert hat das Stück nicht und die Welt würde sehr wenig verloren haben, wenn das Schauspiel das Licht der Rampen nicht erblickt hatte.-r Tages-Chronik. Berlin. 19. Dez. Laut„Tägl. Rundschau“ sprach die seitens der Militärbehörde eingesetzte Medizinal=Kommission sich dahin aus, daß der auf seinen Geisteszustand untersuchte Prinz von Arenberg geistig normal sei. Der Gefangene wurde daher wieder in das Strafgefangnis Tegel gebracht. * Berlin, 19. Dez. Unfälle. Die„Voss. Ztg." meldet aus Innsbruck: Der hiesige Handelsagent Maß wurde auf einer Gemsjagd bei Hall von einer Lawine verschüttet und getötet. Wie demselben Blatt aus Vern berichtet wird, wurden im Kanton Glarus zwei Frauen von einer Lawine verschüttet, die eine wurde tot aufgefunden, die andere gerettet. Einer Meldung der„Voss. Itg.“ aus Mailand zufolge scheiterte während eines heugen Sturmes auf dem GardaSee der Dampfer„Depretis“ mit„ahlreichen deutschen Italien=Reisenden. Nach vieler Mühe wurden alle gerettet. — In Montechina bei Piacenza erplodierte eine Petroleumquelle. Viele Personen sind umgekommen, darunter der französische Ingenieur Caussen, und mehrere schwer verwundet worden. Ilb Hamburg, 14. Dez. Der Dampfer„Kehrwieder“ rannte einen Schleppzug an und brachte zwei Leichter zum Sinken. Ferner kollidierte der englische Dampfer„Virman“ mit dem Hamburger Dampfer„Martha Sauber."— Beide Schiffe wurden stark beschädigt. Burg bei Magdeburg, 14. Dez. Eine seltene Abneigung gegen Grabschmuck hat der hiesige Bärgermeister. Als vor einigen Tagen die Kinder des verstorbenen Nachtwachbeamten Pohlmann das Grab ihres Vaters in sinniger Weise mit Blumen geschmückt hatten(auch rore waren darunter) beschwerten sich darüber(!) einige Freunde des Bürgermeisters, die dem P. und seinen Angehörigen aus irgend einem Grunde feindlich gesinnt waren. Daraufhin ging der Bürgermeister persönlich in die Wohnung eines der Kinder des P.'s und hielt eine Ansprache, worin er darauf aufmerksam machte, daß es doch„nicht gut angängig sei, auf das Grab eines Mannes, der Mitglied des Kriegervereins gewesen und dessen Sarg eine große Anzahl„angesehener Bürger“ gefolgt sei, auch rote Blumen zu pflanzen. Man solle doch dem Verstorbenen eine„solche Schande nicht antun“(!). Vergebens machte die Tochter darauf aufmerksam, daß sie sich, als sie die Farbe der Liebe wählte, nichts Schlimmes dabei gedacht habe.— Trotzdem berahl der Bürgermeister. die roten unter den Blumen sofort zu entfernen. Die Frankf. Ztg. bemerkt dazu: Also geschehen 1900. Und Burg liegt nicht im Königreich Sachsen! Meißen, 14. Dez. Wie die Dresdener Nachrichten melden, hat sich der in der dortigen Jutespinnerei angestellte Fabrikwächter J. Bienert mit seiner Frau und sechs Kindern, drei Knaben und drei Mädchen, in seiner Wohnung vergiftet. Die Frau und die Kinder sind tot. Der Mann, der noch Lebenszeichen von sich gab, wurde in das städtische Krankenhaus übergeführt. Der Beweggrund zur Vergiftung ist anscheinend in der Krankheit der Frau zu suchen. Posen, 12. Dez. Sechs Personen wurden in ihrer Wohnung bewußtlos aufgefunden, von den zwei tot blieben, während vier wieder ins Leben zurückgerufen werden konnten. Einem Gashahn, welcher nicht geschlossen worden war, war Gas entströmt und hatte so das Unglück verursacht. Ofterode. 15. Dez. Auf der Eisensteingrube der Juliuszeche bei Lerbach wurden gestern nachmittag zwei Bergleute durch niedergehendes Gestein verschüttet und getötet. Paris, 19. Dez. Sämtliche Bäckerinnungen des Departements der Seine hielten gestern eine Beratung ab, worin sie den Ausstand der Bäcker vor Ende des Jahres schlossen. Der genaue Termin des Ausbruches ist ebenfalls beschlossen worden, doch wollen die Interessenten hierüber nichts verlauten lassen. Der Ausstand ist, so glaubt man, nur das Vorspiel eines Generalausstandes sämtlicher Nahrungsmittel=Verbände in Frankreich.— Um Mitternacht beschloß das Förderalkomitee ebenfalls den Generalausstand sämtlicher Nahrungsmittelverbände für das Departement.— Alle Sekretäre der Bäcker=, Metzger= und Konditoreninnungen waren zugegen. St. Etienne, 14. Dezember. Die beiden Unteroffiziere, welche jüngst vor versammelter Mannschaft die Internationale angestimmt hatten, sind gestern degradiert und als gemeine Soldaten nach der Garnison von Aurillac versetzt worden. Literarisches. Herders Werke. Mit Herders Leben, Bildnis und Faksimile, Einleitungen und Anmerkungen herausgegeben von Professor Dr. Theodor Matthias. 5 Bände in Leinenband 10. Mark.(Meyers Klassikerausgaben.)— Verlag des Bibliographischen Instiints in Leipzig und Wien. Rechtzeitig vor der im Dezember stattfindenden hundersten Wiederkehr von Herders Todestag erscheint diese schöne und reiche Auswahl aus seinen Werken. Als Wiedererwecker des Volksliedes durch seine„Volkslieder"=Sammlung, als Neudichter des „Cid“, als Priester der Humanität durch seine„Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ ist Herder noch allein gekannt. Und doch sind dies nur einige vereinzelte Betätigungen des vielseitigen Mannes gewesen: unermüdlich war er als Anreger; mit wunderbarer Vorempfindung bestimmte er die Aufgaben fast aller Wissensgebiete voraus: über Lessing hinaus führte er zu nationaler Kunst und Dichtung; er wurde zum deutschen Lied ein Wegweiser und blieb neben Goethe und Schiller als altes deutsches Gewissen vernehmbar. Da war es eine dankbare ja notwendige Aufgabe, den ganzen Menschen und Schriftsteller Herder durch eine von sicherer Hand getroffene Auswahl des Besten und Charakteristischen aus seinen Werken unserem Zeitalter näher zu bringen. Zur Lösung dieser Aufgabe hat das Bibliographische Institut in Prof. Dr. Theodor Matthias einen der gründlichsten Kenner Herders gewonnen. Seine Auswahl, die in der Art der Bearbeitung den bewährten Grundsätzen von „Meyers Klassiker=Bibliothek“ folgt, entwirft im ersten Bande ein treffliches Lebensbild Herders und zeigt diesen als Kritiker und Pädagogen. Im Mittelpunkt des zweiten Bandes stehen die „Volkslieder"; die Aufsätze über Ossian, Chakespeare und die Aehnlichkeit der mittlern englischen und deutschen Dichtkunst führen den Leser auf diese klassische Sammlung von„Stimmen der Völker“ hin. Der dritte Band ist im wesentlichen dem Theologen Herder gewidmet, der vierte gehört ganz den„Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit". Im fünften aber kommt mit dem „Cid“, mit„Paramythien",„Parabeln“ usw. der Dichter Herder zu Worte. Ein wohlgelungenes Porträt Herders in Kupferstich und eine getreue Nachbildung seiner Handschrift leiten das Werk ein; am Schlusse jedes Bandes sind Anmerkungen des Herausgebers über Fragen kritischer und überhaupt mehr wissenschaftlicher Natur für den Kenner beigegeben, während erläuternde Anmerkungen am Fuße jeder Seite auch dem Laien das volle Verständnis des Herderschen Tertes erschließen. Knappe und doch erschöpfende Einleitung=n zu jedem der Herderschen Werke unterrichten über dessen Entstehungsgeschichte, Quellen, Aufnahme beim Pubikum usw. Alles ia allem in die neue Herder=Ausgabe des Bibliographischen Instituts für Freunde und für Kenner der Literatur von gleich grotzem Werte Griefkasten. p. Remscheid. Gewiß, diese Prämien sind schou wiederholt ausgezahlt worden und werden wohl auch weiter ausgezahlt. Hausfrauen kauft für 10 Pig. 450 Gr. Leukoss vollkommenes Bleichmittel. Komtoiristen, Handlungsdiener und ähnliche bescheidene Existenzen— standen noch beim Eingang und klopften eifrig den Staub von ihren Schuhen und Beinkleidern Die Gäste hielten sich im Park auf. Die Großhändlersfrauen in rauschender Seide spazierten hier neben Missionsschwestern, die bis an den Hals in tiefes Schwarz gekleidet waren. Pastorenhüte und bis an die Knie reichende Röcke mit weiten Schößen sah man neben den letzten Offenbarungen des Pariser Journais auf dem Gebiete der Herrentoilette. Hamre zeigte sich in großer Gala, mit dem freundlichsten Gesicht, und begrüßte die Familie Brandt und ihr Gefolge. Es geschah zum erstenmal, daß Knut in Hamres Haus war. Hamres hatte längst gewünscht, ihn einzuladen. Man hörte ja nur Gutes von dem jungen Manne. Nachdem er aufgehört hatte, gefährlich zu sein, war er interessant geworden. Alle gaben ihm das Zeugnis, daß er sehr liebenswürdig und angenehm sei. Ein sehr wählerischer Herr, den noch kein lebender Mensch in ungebürstetem Zustand oder mit einem Tag alter Wäsche gesehen hatte, ein Mann, der niemals ein Wort auf seine Zunge genommen, das nicht in Molbechs Wörterbuch als der Schriftsprache angehörig gutgeheißen worden, oder einer Anschauung gehuldigt hatte, die nicht in den allerfeinsten Kreisen herrschend war, ein unversöhnlicher Gegnei alles Einfachen wie Extravaganten, ein ernster Mann, der immer die orthodoresten Predigten hörte und niemals Geld unter 8 Prozent auslieh, hatte sogar das große Wort über Knut gesprochen, daß er ihn für einen Mann„comme il faut“ halte. Es lag also nicht die geringste Gefahr vor, Knut in die gute Gesellschaft einzuführen, umsoweniger noch, als Björnholt garantirt hatte, daß er„vollständig ausgetrocknet" sei. Man hörte zwar, daß er sich hie und da scharf über die heimischen Verhältnisse ausgesprochen habe; aber dies genirte ja diese Leute nicht, die sich bewußt waren,„daß sie all das Ihrige direkt aus dem Auslande bezogen." Knut war gesucht, und Pamre, der ein Liebhaber von Raritäten war, hatte, wie gesagt, gewünscht, ihn bei sich zu sehen. Er hatte jedoch erst jetzt eine bequeme Gelegenheit dazu gefunden. Er empfing Knul mit stolzer Höflichkeit und stellte ihn seinen Gästen mit einer gewissen Prahlerei vor, ungefähr wie er ein seltenes Tier vorgezeigt haben würde, das einer seiner Schiffskapitäne aus fremden Landen mit sich gebracht hatte. Die Gäste begaben sich nach und nach in das Haus und versammelten sich in dem großen Saale, der an das Speisezimmer angrenzte, dessen Flügeltüren offen standen. Man sah die Wahlstatt vor sich. Die großen gedeckten Tische glänzten in ihrer unberührten Unschuld. Blumen in großen Vasen dufteten; es blinkte von einer Heerschaar von Gläsern — weißen und grünen, breiten und schmalen. In einem Winkel in der Ferne schimmerten silberne Weinkühler. Es wird nie ein verlorenes Gespräch geführt als in den letzten Minuten vor einem großen Diner. Alle haben das Verlangen, zur Sache zu kommen. Alle langweilen sich zu Tode, aber Niemand darf sich verrathen. Alle suchen sich eine Miene zu geben, als ob sie keine Ahnung davon hätten, was bevorstehe, oder als ob ihnen nichts ferner liege als der Gedanke an die Güter dieser Welt. Die trivialsten Bemerkungen werden vorgebracht und beantwortet mit einer Miene und in einem Ton, als ob die tiefste Weisheit der Welt enthüllt würde, und man gerät in Erstaunen oder Entzücken über Mitteilungen, die man gar nicht aufgefaßt hat und die auch gar nicht wert sind, aufgefaßt zu werden. Diejenigen, die sich nicht im Stande sehen, sich selbst etwas so Geistreiches wie eine Bemerkung über das Wetter und dergleichen abzuringen, vertiefen sich in ein Album, eine Zeichnung, eine Malerei, ohne indessen diese Gegenstände wirklich zu betrachten, oder sie mustern die Tapeten, bewundern die Aussicht und dergleichen. Einer der Gäste machte keine Anstrengungen, sich zu verstellen. Dies war Björnholt. Er stand finster und verdrossen in einer Ecke und wart dann und wann einen schnellen Blick in den Speisesaal hinein. Sprach ihn Jemand an, so brummte er blos und wendete sich ab. Er war unruhig wie vor einer Schlacht. Jür ihn war eine Dinergesellschaft ein heftiger Kampf zwischen seinen Begierden und seinen Vorsätzen. Er litt nämlich an Podagra. Er hatte eben entdeckt, daß Champagnergläser auf dem Tische standen... neben einigen anderen höchst verdächtiger Natur. Er grübelte darüber nach, ob es wirklich sein könne...? Wäre es möglich, daß Hamre noch etwas von diesem alten Madeira haben sollte, von dieser echten Traube, diesem gelben, wunderbaren Göttertrank, den er noch auf seiner Zunge fühlte?... „Diese Teufels=Champagnergroßhändler! Alles ist Prahlerei, nichts als Prahlerei bei diesen Leuten! Immer müssen sie etwas Besonderes haben, etwas direkt ins Haus Bezogenes, um damit groß zu tun!“ sagte er zu sich selbst. Aber nein! Heute sollte nichts in der Welt ihn verlocken, weder Champagner noch Madeira— ei wollte enthaltsam sein wie ein Mönch! Die Hausfrau erschien, und man hörte Hamres Stimme: „Versehen Sie sich mit Damen, meine Herren." Er selbst bot einer der Frauen den Arm an und eröffnete den langen Zug. Man nahm Platz. Der Hausherr faltete auf eine in die Auger fallende Art die Hände, und die Gäste beugten sich wie auf Kommando. Darauf folgte eine leise raschelnde Bewegung und ein flüsterndes Gespräch, hinter dem eine gedämpfte Zufriedenheit verspürt wurde. Bediente, die von einem schwachen Stallgeruch nicht ganz frei waren, kamen mit vollen Präsentirtellern herein, und die Schlacht begann. Hummersuppe mit Eispunsch. Björnholt war ruhig. Er liebte Punsch nicht. Das Gesprach versiummte. Man speiste. Der Gastgeber trank ein Glas auf das Wohl seiner Gäste. Fisch— Pasteten— Bordeaux— Chateau d'Yquem — Falerner. (Fortsetzung folgt). umen sofort zu entAlso geschehen 1903. hsen! esdener Nachrichten espinnerei angestellte Frau und sechs hen, in seiner Wohdie Kinder sind von sich gab, wurde t. Der Beweggrund Krankheit der Frau i wurden in ihrer den zwei tot blieben, ufen werden konnten. n worden war, war t verursacht. teingrube der Juliustittag zwei Bergerschüttet und erinnungen des Den eine Beratung ab, Ende des Jahres besbruches ist ebenfalls Iuteressenten hierüber ist, so alaubt man, des sämtlicher Nah— Um Mitternacht den Generalausstand das Departement.— d Konditoreninnungen beiden Unteroffiziere, aft die Internationale tert und als gemeine lac versetzt worden. Bildnis und Faksimile, eben von Professor Dr. no 10. Mark.(Meyers sibliographischen denden hundersten Wieiese schöne und reiche bererwecker des Volksg, als Neudichter des eine„Ideen zur PhiloHerder noch allein gevereinzelte Betätigungen üdlich war er als Anbestimmte er die Aufer Lessing hinaus führte wurde zum deutschen woethe und Schiller als a war es eine dankbare Menschen und Schriftd getroffene Auswahl einen Werken unserem dieser Aufgabe hat das heodor Matthias einen ten. 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Schließlich war dieser aber abgelehnt worden und man wollte die Frage durch die Sektionen entscheiden lassen. Nach dem italienischen Organisationsstatut ist ein Referendum vorzunehmen, wenn 50 Parteisektionen dies beantragen. In der letzten Sitzung berichtete der Parteisekretär Zambia tragten, daß hiervon jedoch 21 sich u... in 1. gliedsrechten befänden, weil sie mit den Beiträgen rückständig sind. Turati beantragte, von dem Referendum auf jeden Fall Abstand zu nehmen, denn es sei unzulässig, mit Hülfe des Referendums eine Aenderung der Parteikonstitution herbei z führen, in dem Sinne, einen Teil vom Kongreß auszuschließen. Der Parteivorstand habe die Pflicht, die Einigkeit der Partei aufrecht zu erhalten. Nach längerer Diskussion gelangte eine Resolution des Genossen Ferri zur Annahme, in welcher es heißt, daß der Parteivorstand das Recht der Sektionen, ein Referendum zu verlangen, anerkenne. Der Zweck des gegenwärtigen Verlangens einer Urabstimmung sei zweifellos der die Einberufung des Nationalkongresses zu beschleunigen, um die Streitfragen innerhalb der Partei einer Losung entgegen zu führen, deshalb sei zu beschließen, daß der Kongreß zu einem früheren(zu dem oben bezeichneten) Zeitpunkt stattzufinden habe. Dieser Resolution Ferris wurde zugestimmt und die Tagesordnung des Kongresses sofort festgesetzt. Ausland. * In Jeumont(Frankreich) sind mehrere tausend Metallarbeiter in den Ausstand getreten, nachdem die Fabrikdirektoren sie zu einer Lohnherabsetzung zwingen wollten. Die Ausständigen verlangen die Einsetzung eines Schiedsgerichts und haben sich deswegen bereits an die Verwaltung ihres Departements gewandt. Gewerkschaftliche Arbeiterbewegung Inland. Die Metallarbeiter der kaiserl. Werft in Danzig protestierten in öffentlicher Versammlung gegen die Phrase des Marine=Oberbaurats Hüllmann in Kiel:„Die Danziger Arbeiter sind mit Kartoffeln und Hering zufrieden."(!) Es wurde hervorgehoben, daß die kaiserl. Muster"werft vielfach den vierten Teil des anderswo üblichen Preises zahle!! Lebhaft mußte Klage geführt werden wegen Beschränkung des Koalitions= und Versammlungsrechtes der Arbeiter! Horrende„Gesinnungsstrafen“ würden verhängt ber die, die den Mut hätten, eyrtich zu sein! Ihnen zu unterstellen, daß sie unter diesen Verhältnissen zufrieden eien, sei eine schwere Beleidigung der Arbeiter. Der Verband macht jetzt dort riesige Fortschritte. Die Töpfer in Berlin beschlossen, daß während der Aussperrung jedes Mitglied außer den Beiträgen 2c. noch „Proz. seines Verdienstes für die Ausgesperrten zu zahlen hat. Wie wird euch, ihr Ofenfabrikanten? Die Schriftgießer in Leipzig traten am Sonnabend in erneute Verhandlungen mit den Prinzipalen ein. Das Resultat soll befriedigend sein, wird jedoch noch geheim gehalten bis zur definitiven Entscheidung. Die Zimmerer der Zemontbau=Aktien=Gesellschaft in Hannover legten die Arbeit nieder, weil sie sich für Akkord„löhne“ von 1.30 Mr. pro Tag nicht erwärmen konnten. Die Straßenbahner in Frantfurt mußten in einer Eingabe an die Direktion gegen das unerhörte Strafensystem protestieren. Die Fleischer in Hamburg müssen schon jetzt bereuen, auf das bekannte„Ehren"wort der Arbeitgeber etwas gegeben zu haben. Die Innung hat nämlich beschlossen, sämtliche Zusagen wieder rückgängig zu machen! Die Arbeiter lernen nie aus! Die Schneider in Mannheim gelangten in den Besitz eines„vertraulichen" Zirkulars, wonach die Arbeitgeber erheb liche Lohnkürzungen beabsichtigen. Der neue Tarif soll arg verbösert werden! Die Gehilfen sind also noch rechtzeitig gewarnt worden. Die Schuhmacher(Zwicker) bei Schade u. Co. in Burg sind gekündigt worden. Gerade am„Heiligabend" läuft ihre Kündigungsfrist ab.„Fröhliche Weihnachten!" In Bromberg führte die Einführung der Zwickmaschine zu Differenzen. 1oicker der Firma Brilles legten die Arbeit nieder. Die Akkordpreise sind dort am niedrigsten. Die Brauereiarbeiter in Berlin haben einen neuen Tarifvertrag mit den Brauereibesitzern abgeschlossen. In Hambura sind die Differenzen betr. des Arbeitsnachweises beigelegt. Die Kürschner in Hambura können von einem schönen Erfolge sprechen: Die über sie verhängte Aussperrung ist aufgehoben worden und sind die Arbeitgeber von selbst in rhandlungen eingetreten. Das Resultat steht noch aus. Bei den Gewerbegerichtswahlen in Karlsruhe, die zum erstenmal nach dem Proportionalsystem vorgenommen wurden, gelang es dem Gewerkschaftskartell aus der Gruppe der Arbeitgeber zwei Sitze zu erobern; dafür mußte es von zwölf Sitzen der Arbeitnehmer, die es bisher ausschließlich eingenommen hatte, zwei an die Christlichen abgeben. Die Beteiligung der Arbeitgeber an der Wahl betrug 30 Prozent, die der Arbeiter 66 Prozent. Für die Crimmitschauer zeigen auch die Buchdrucker überall Solidarität. In Ratzeburg haben sich die Verbandsmitglieder eine Extrasteuer von 20 Pf. auferlegt.— Der Bezirksverein Landau führte einen freiwilligen Extrabeitrag ein, an dem sich fast alle Mitglieder beteiligen.— Die 35 Verbandsmitglieder der Buchdruckerei Otto Drewitz in Berlin entrichten eine Extrasteuer von 20 Pf. pro Woche.— Nachdem vom Orts= und Bezirksvereine Magdebura 150 M. für Crimmitschau schon vor egiger Zeit bewilligt, haben die etwa 400 Mitglieder in Magdeburg auf vorläufig vier Wochen eine Extrasteuer von 30 Pf. pro Kopf und Woche zu erheben beschlossen, außerdem wurden dem Komitee für die Weihnachtsbescheerung aus der Ortskasse 50 M. überwiesen.— Der Ortsverein Lahr erhebt eine Extrasteuer von 10 Pf. wöchentlich.— Der Verein der Leipziger Buchdrucker= und Schriftgießergehilfen beschloß in seiner letzten Versammlung einen obligatorischen Extrabeitrag von 1 M. pro Mitglied, welcher in wöchentlichen Raten zu 25 Pf. zur Erhebung kommt; die Leipziger Mitglieder hatten bis dahin 3000 M. aus ihrer Vereinskasse und 3000 M. durch Sammlungen für die Ausgesperrten in Crimmitschau aufgebracht.— Der Ortsverein Neisse bringt die für die Crimmitschauer ausgeworfene Summe durch eine Extrasteuer auf. Hoziales. * Krankenkassenkongreß. Die geschäftsführende Kasse Dresden des Zentralverbandes deutscher Ortskrankenkassen und die Zentrale für das deutsche Krankenkassenwesen zu Berlin haben, nachdem eine vorherige Umfrage prinzipielle Zustimmung seitens größerer Krankenkassen fand, gemeinschaftlich einen Allgemeinen deutschen Krankenkassen=Kongreß am Montag, den 25. Januar 1904, einzuberufen. Den einzigen Verhandlungsgegenstand bildet das Thema:„Die Stellung der Krankenkassen zu den Forderungen der deutschen Aerzteschaft." Als Ort des Kongresses wird eine passend gelegene Stadt Mitteldeutschlands bestimmt werden. Hierüber und über sonstige Einzelheiten werden in Kürze weitere Mitteilungen gemacht. Die sämtlichen Orts=, Betriebs=, Innungs= und freien Hilfs=Krankenkassen werden im Interesse einheitlicher Stellungnahme ersucht, diesen Kongreß zu beschicken und unverweilt die vorbereitenden Schritte dafür zu tun. Vom Gesinderecht. Eine wichtige Entscheidung kauf dem Gebiete des Gesinderechts hat das preußische Kammergericht gefällt. Das Dienstmädchen Behrens aus der Gegend von Stendal hatte seinen Dienst bei einem Landwirt verlassen, weil die„Dienstherrin" ihr in das Gesicht gespieen hatte. Infolge von Klatschereien mar die Frau zu der Meinung gekommen, das Mädchen verklatsche sie, und hatte sich zu jener unerhörten Behandlung des Mädchens hinreißen lassen. Der Dienstgeber stellte gegen das„entlaufene" Dienstmädchen auf Grund des bekannten reaktionären Ausnahmegesetzes vom 4. April 1854 Strafantrag wegen unrechtmäßigen Verlassens des Dienstes, wogegen sich das Mädchen darauf berief, daß die Behandlung des Gesindes mit„ausschweifender oder ungewöhnlicher Härte“ zum Verlassen des Dienstes berechtige. Eine solche Härte liege aber hier vor. Das Landgericht zu Stendal verurteilte das Mädchen zu einer Geldstrafe und führte aus: Das Speien ins Gesicht sei zwar eine ganz und gar unangemessene, verwerfliche Handlung und das Gericht denke garnicht daran, die Dienstherrin in Schutz zu nehmen. Hier handle es sich aber nur um einen Fall ungewöhnlicher Härte und ein solcher rechtfertige noch nicht das Verlassen des Dienstes nach dem Gesetz, da in der Gesindeordnung von einem„Behandeln" mit ungewöhnlicher und ausschweifender Härte die Rede sei und ein„Behandeln" ein mehrfaches entsprechendes Handeln voraussetze. Somt liege ein unberechtigtes Verlassen des Dienstes vor und die Angeklagte müsse bestraft werden.— Das Kammergericht als Revisionsinstanz hob dieses eigenartige Urteil auf und sprach die Angeklagte mit der Begründung frei, daß es sich hier um ein berechtigtes Verlassen des Dienstes handle. Die Gesindeordnung setze in ihrer angezogenen Bestimmung nicht voraus, daß ein derartiger Fall ungewöhnlicher Härte sich erst wiederholen müsse, bevor ein Gesiche den Dienst verlassen dürfe. Auch sonstwo komme noch in Gesetzen das Wort„behandeln“ vor, wo nur an einmaliges Tun gedacht sei. Jener Fall des Speiens ins Gesicht genüge zur Rechtfertigung des Verlassens des Dienstes. mehr begann die Alimentationsklage. Trotzdem Gerlach auf das eindringlichste verwarnt wurde, bestritt er unter seinem Eide den intimen Verkehr mit der Pelikan. Das war am 3. März 1903. Am 28. Juli d. J. wurde er wegen dringenden Verdachts des Meineids verhaftet. Nach eingehender Zeugenvernehmung sprachen die Geschworenen nach ganz turzer Beratung den Angeklagten des wissentlichen Meineids schuldig, worauf der Gerichtshof, dem Antrage des Staatsanwaltes entsprechend, auf drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust und die üblichen Nebenstrafen erkannte. Die Strafe fiel deshalb so hoch aus, weil der Angeklagte unausgesetzt geleugnet hatte und von einem Beamten Wahrheitsliebe verlangt werden müsse. * Ein Raufbold mit Epauletten. Aus Ulm wird gemeldet: Das hiesige Schöffengericht verhandelte gestern gegen den Leutnannt a. D. Flogertsky aus Beuthen wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Bedrohung und Beleidigung eines Schutzmanns bei Ausübung seines Dienstes. Flogertzy wohnte anfangs Oktober im Hotel Hirsch hier. Am 6. Oktober saß er nach der Vorstellung im Apollotheater mit einem Ober leutenant und einer Soubrette im Speisesaal des Hotels und ließ sich durch einen Militärmusiker Klavier vorspielen. Da es schon nach 11 Uhr war, ließ der vor dem Hotel patrouillierende Schutzmann Huckle durch den Hausweister sagen, das Klavierspielen müsse unterbleiben. Flogertzy kam darauf hinaus und bemerkte, die Sache gehe den Schutzmann nichts an. Der Schutzmann blieb dranßen stehen, da er sich vergewissern wollte, ob weitergespielt werde. Flogertzy kam nach einigen Minuten wieder heraus und fragte den Wirt, der neben dem Schutz mann stand, warum er den Kerl nicht hinauswerse? Wenn er etwas wolle, so solle er hereinkommen! Der Schutzmann ging nun Flogertzy nach, um dessen Namen festzustellen. Flogertzy giebt nun an, er habe geglaubt, der Schutzmann wolle ihn tätlich angreifen; er habe deshalb seinen Revolver aus der Tasche gezogen, ihn entsichert und ihn dem Schutzmann entgegengehalten mit den Worten:„Wenn Sie noch einen Schritt machen, schieße ich Sie nieder." Er hätte tatsächlich auch geschossen, da er sich von niemand anfassen lasse. Selbstverständlich lag es nicht in der Absicht des Schutzmannes, gegen Flogertzy vorzugehen, er wollte nur die Personalien feststellen. Im Saale waren etwa 20 bis 30 Personen, die bei der Drohung Flogertzys aufsprangen und sich nach den Thüren flüchteten. Dem Hotelpersonal gelang es, Flogertzy von rückwärts zu fassen; da Flogertzy sich heftig zur Wehr setzte, stürzten die Ringenden zu Boden. Als später Flogertzy zur Polizeiwache gebracht wurde, versuchte er einen weiteren tätlichen Angriff auf den Schutzmann. Der Amtsanwalt geißelte das Verhalten des Angeklagten in scharfen Worten und beantragte eine Gesamtstrafe von 1 Monat 14 Tagen Gefängnis, sowie sofortige Inhastnahme wegen Fluchtverdachts. Das Urteil lautete wegen Widerstandes und Bedrohung auf einen Monat Gefängnis, wegen Beleidigung zu 40 M. Geldstrafe und wegen der bei der Urteilsverkündigung an den Tag gelegten Ungebühr zu einem Tag Haft und sofortige Verhaftung. Wenn man das Urteil gegen den Lieutnant v. F. mit den wegen Streikvergehen erkannten Urteilen vergleicht, ist der Revolverheld noch sehr glimpflich davongekommen. Gerichtszeitung. )( Elberfeld, 15. Dez. I. Strafkammer. Den Vorsitz führt Herr Landgerichtsdirektor Ascherott. In jugendlichem Leichtsinn beschritt der Dachdeckerlehrling Hermann K. von Lüttringhausen am 31. Oktober d. J. die Bahn des Verbrechens. Eine vorübergehende Abwesenheit seines Meisters benutzte K. am genannten Tage dazu, um sich auf das Zimmer des Lehrlings Emil Schwatzer zu schleichen und die Kiste desselben zu erbrechen. Als sich K. aus dem Inhalte der Kiste gerade eine Taschenuhr und eine Mark Bargeld angeeignet hatte und verschwinden wollte, erschien der Bestohlene auf der Bildfläche und erhielt seine Sachen natürlich sofort zurück. Dieser Streich brachte dem leichtsinnigen Bengel eine Strafe von sechs Wochen Gefängnis ern. Wegen Geisteskrankheit freigesprochen wurde der Händler Ernst P. von Barmen. Bei dem Metzgermeister Wilhelm Patzler in Rittershausen wurde in der Nacht zum 6. November die Thekenschublade erbrochen und daraus einen Geldbetrag von 16 Mark entwendet. In dem Laden wurden am andern Morgen die Papiere des Ernst P gefunden, was natürlich dazu führte, denselben als dieses Diebstahls dringend verdächtig unter Anklage zu stellen. P. bestritt, den Diebstahl ausgeführt zu haben. Es kam aber vor allem in betracht, daß nach dem Gutachten des Gerichtsarztes der Angeklagte P. eine geisteskranke und erblich stark be astete Person ist. U. a. hat P. Weltkriegspläne entworfen und dieselben nebst langen Erläuterungen an den deutschen Kaiser geschickt. Bei P. scheint zum Teil eine Art religiöser Wahnsinn mit vorzuliegen, da sich P. auch viel mit der Auslegung der Bibel und Anfertigung diesbezüglicher Aufsätze beschäftigte. Abgesehen davon, daß die Täterschaft des P. nicht genügend erwiesen, wurde der letztere schon aus dem Grunde, daß er wegen seines Geisteszustandes für seine Handlungen nicht strafrechtlich verantwortlich gemacht werden konnte, freigesprochen. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde gegen den Schlosser Friedrich W von Velbert wegen Erregung öffentlichen Aergernisses verhandelt und der Angeklagte zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Der wohnungs= und arbeitslos umher vagierende Tagelöhner Arnold K. wurde eines Tages in Gruiten von einem Gesetzeshüter in Gestalt eines Gendarmen beim Fechten erwischt. K. war darüber wütend und ließ sich dem Gendarmen gegenüber zu beleidigenden Aeußerungen hinreißen. Als Lohn erhielt K. für einige Zeit Staatspension, indem das Gericht auf 1 Monat Gefängnis und 1 Woche Haft erkannte. Ebenfalls beim Fechten wurde der Tagelöhner Richard Sch. von Haan am 15. November von einem Polizeibeamten angetroffen. Bei seiner Festnahme zeigte sich Sch. recht widerhaarig und warf mit Worten um sich, die nicht aus dem„Knigge" entlehnt waren. Er erhielt Wochen Gefängnis und 3 Wochen Haft. Ein Ordnungshicer. Die Taten des Polizeisergeanten Otto Gerlach aus Dirschau wurden in einer Schwurgerichtsverhandlung in Danzig aufgerollt. Es handelt sich um einen Meineid, den der Polizeisergeant in der Alimentationssache gegen das Dienstmädchen Pelikan geleistet haben soll. Er hatte mit dem Mädchen intim verkehrt. Als die Pelikan nun Mutter wurde und von Gerlach die väterliche Unterstützung verlangte, bestritt Gerlach die Vaterschaft ganz entschieden und strengte schließlich auf Veranlassung seiner Behörde, an die sich das Mädchen gewandt hatte, eine Beleidigungsklage gegen die Pelikan an, mit der er aber sowohl in der ersten als auch in der zweiten Instanz abgewiesen wurde. Nun— Aus den„besten Kreisen" Italiens wird eine Skan dalgeschichte nach der anderen berichtet. Die neueste hat folgenden Inhalt: Ein zehnfacher Millionär aus Mailand, namens Beretta, war von seinem langjährigen Freunde, dem Sportsmann Vecchio, eingeladen worden, auf dessen Villa bei Monza Gemälde und Photographien von seltenen Hunderassen anzusehen, für die sich beide interessierten. In einem unbewachten Augenblick überfällt Vecchio seinen Gast, knebelt ihn mit Hülfe seines Dieners und läßt dann sein Opfer drei Blankowechsel mit Stempel von je 10000 Lire unterfertigen, diktiert ihm ein Testament, worin er ein Drittel seines Vermögens seinem„treuen" Freunde Vecchio verschreibt, und läßt ihn schließlich einen Abschiedsbrief an seine Mutter schreiben, in dem er ein amerikanisches Duell als Grund seines Todes angiebt. Hierauf verläßt Vecchio nach Mitnahme der Dokumente das Haus und befiehlt dem Diener, den Geknebelten in ein Wasserbecken zu werfen. Der Helfershelfer empfindet Reue oder verspricht sich von dem Millionär eine größere Belohnung; aber anstatt ihn zu tölen, löst er seine Stricke und laßt ihn entfliehen. Vecchio ist nach Mailand gefahren und von da nach Genua, um sich ein Alibi zu verschaffen; inzwischen ist Anzeige erstattet, der Diener verhaftet, während sein Herr, in Genua nicht mehr sicher, sich nach Rom begeben hat. Dort waren schon 120 Polizisten zu seinem Empfang aufgeboten, die ihn aber— es ist ja ein „besserer" Spitzbube— nicht erwischten. Vecchio hatte auch die Kühnheit, beim König eine Audienz nachzusuchen, in der Erwartung, für seine sportlichen Verdienste ausgezeichnet zu werden. So sicher war er des Gelingens seines Verbrechens. Schließlich erfuhr er aber, daß sein Tiener gestanden habe, und nun erschoß sich Vecchio äuf einer Spaziersahrt. Quittung. Crimmitschauer Weber=Aussperrung. Als Weihnachtsgabe für die Ausgesperrten gingen bei der unterzeichneten Expedition ein: Bereits quittiert. 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