7. Jahrgang. Duisburg, den 18. Juli 1908. Nr. 29. Nochenschrift fuͤr die schaffenden Staͤnde in Stadt und Land. Herausgeber:„Evangelische Geschäftsstelle für soziale Arbeit“, Essen-Ruhr, Dreilindenstraße 55. Bezugspreis das Vierteljahr durch die Post 60 Pfg. ohne Bestellgeld. Anzeigen die viergespaltene Rleinzeile 30 Pfg.— Bei größeren Bei Zusendung unter Streifband 85 Pfg. Aufträgen nach Uebereinkunft. Von mehr als 20 Stück das Vierteljahr u. Nummer 40 Pfg. u. Porto.— Beilagegebühr 10 Mark das Tausend.— in Dessau. Auch die evangelischen Arbeiter von Dessau und Umgegend waren dabei, als man sich in unserer freundlichen Residenzstadt zur 19. Tagung des evangelisch-sozialen Kongresses rüstete. Die jungen Christlich=Nationalen von Anhalt mußten es als eine besondere Ehrung ansehen, daß die Parole„Evangelisch=sozial“ vor ihren Augen und Öhren, vor der ganzen breiten evangelisch und sozial interessierten Oeffentlichkeit mit Wucht und Nachdruck erklang. Das bewiesen die von echtem sozialen Geist und evangelischer Ueberzeugung getragenen Verhandlungen, Besprechungen, Resolutione n und Reden. Männer, wie Harnach, Adolf Wagner, Delbrück, Franke, Naumann, verliehen dem Kongreß schon durch das Gewicht ihrer Namen eine große Anziehungskraft. Schon der Begrüßungsabend im evangelischen Vereinshaussaal führte die interessierten Teilnehmer mitten hinein in die soziale Gesinnungspflege, die ja der Kongreß vor allem unter den gebildeten Kreisen wecken will, durch die Besprechung des so aktuellen, jetzt vielseitig erörterten Themas:„Die wirtschaftliche Not der schulentlassenen männlichen Jugend und ihr Schutz", das allerdings in etwas veränderter Form wegen Erkrankung des angekündigten Referenten, Herrn Rohrer=Frankfurt a. M., des ersten Sekretärs des Vereins für Jugendfürsorge von den bekannten Jugendpastoren Clemens Schulz und Walter Claaßen aus Hamburg in ihrer Reizvollen Einzigartigkeit behandelt wurde. Wenn Pastor Clemens Schulz die Frage aufwarf:„Was hat der Gebildete, insonderheit der gebildete Christ, in der Jugendfürsorge für Aufgaben?" und wenn er diese Aufgaben besonders in der Betonung der Liebe und des Vertrauens sah, von dem wahre Jugendfreunde beseelt sein müßten, wenn er mit würzigem Humor alle Engherzigkeit und Steifbeinigkeit in der Jugendarbeit geißelte, wenn er immer wieder das persönliche Freund schafts= und Vertrauensverhältnis hervorhob, ohne daß eine frische und gesunde Jugendpflege unmöglich sei, geben wir ihm dazu unsern lebhaftesten Beifall. Nicht ganz einverstanden können wir uns mit seiner Auffassung von der Bedeutung der Kirche für die Jugendarbeit erklären, da wir uns keine lebendige Jugendpflege auf religiöser Grundlage vorstellen können, die die Kirche mit ihren historisch gewordenen und erprobten Organisationen völlig ausschaltet. Wenn man die schulentlassene Jugend mit Vorsicht und Weitherzigkeit langsam einführt in die gewaltigen, modernen sozialen und geistigen Aufgaben unserer evangelischen Kirche,so braucht man sie deshalb noch lange nicht für irgend eine kirchliche Partei zu drillen. Das heranwachsende Geschlecht gar nicht oder wenig in der kirchlichen Gemeinde und ihrer vielgestaltigen Arbeit heimisch zu machen, hieße, ihr den Mutterboden rauben, auf dem sie emporblühen und zu einem charakterfesten Mannesalter heranreifen soll. Aber gegenüber einem hervorragenden Herold in der Jugendpflege, wie es Clemens Schulz unbestritten ist, soll diese abweichende Ansicht in der Wegrichtung der Jugendarbeit uns nichts nehmen von der Bewunderung, die wir seiner großartigen Persönlichkeitspflege unter den jungen Hamburger Volkssöhnen entgegenbringen. Wir lernen auch weiter von ihm, von seiner frischen, hellsprudelnden, kernigen, volkstümlichen Art, wenn wir auch auf verschiedenen Wegen demselben Ziel zustreben, der Bewahrung unserer deutschen Volksjugend vor dem Versinken in Atheismus und Materialismus in seiner heutigen vaterlands= und kirchenseindlichen sozialistischen Ausprägung. Dem Berufsarbeiter in der Jugendpflege sei es verziehen, daß er solange sich schon beim ersten Verhandlungsgegenstand aufgehalten hat. Die erste Hauptversammlung wurde vom Kongreßleiter Wirkl. Geh. Rat Prof. Dr. Harnach mit bedeutungsvollen Eröffnungsworten eingeleitet. Rückschauend auf die jüngste soziale Entwicklungsperiode im deutschen Vaterland streifte der Redner die verschiedensten sozialen Errungenschaften und Fortschritte der jüngsten Jahre. Es sei außerordentlich viel in sozialer Hinsicht geschehen. In erheblichem Maße hätten sich die sozialen Bestrebungen spezialisiert. Wie groß die die Anzahl lebenskrfätiger, neuer Vereine und Kongresse auf diesem Gebiet? Wie habe sich das Werk der Bodenreformer und der damit zusammenhängenden Bestrebungen entwickelt! Wie energisch schreite die Abstinenzbewegung vor, wie stark seien die nationalen Arbeitervereine gewachsen, wie sehr sei die christliche Gewerkschaftsbewegung erstarkt! Auch der Reichstag habe sich durch bedeutende Gesetze sozial betätigt. Mit den Gefühlen des freudigen Dankes und froher Zuversicht blicke er in die Zukunft trotz des Schmachvollen und Widrigen in den letzten Jahren, das vorübergehen werde. Gegenüber all' den Strömungen, die heute dem weiteren Ausbau der sozialen Verhältnisse skeptisch, feindlich oder gar höhnisch und mitleidig gegenüberständen, trete der evangelisch soziale Kongreß nach wie vor ein für einen gesunden sozialen Fortschritt. Was dem Vaterland por allem vonnöten sei, ware nicht sowohl mehr Sozialismus im äußeren Sinne des Wortes, sondern mehr Sozialismus des Herzens, des Verkehrs von Mensch zu Mensch. Könnte man den bösen Kastendünkel und die Un 2 Nr. 29 gerechtigkeiten des Klassenbewußtseins brechen und kämen wir im Verkehr des Tages mit wahrhaft brüderlicher Gesinnung einander entgegen, dann würden wir die stärksten Quellen verstopfen, aus denen der Haß gegen das Bestehende bricht. Hierin befruchtend und anregend zu wirken, bleibe die Hauptaufgabe des evangelisch-sozialen Kongresses. Nach dieser Eröffnungsrede wurde der Kongreß seitens der kirchlichen Behörde durch Herrn Oberkonsistorialrat Superintendent D. Werner und seitens der Kommunalbehörde durch Herrn Oberbürgermeister Dr. Ebeling mit warmen, herzlichen Worten begrüßt. Der erste Hauptvortrag der Tagesordnung war die Besprechung des Themas:„Das Urchristentum und die unteren Schichten.“ Redner war Professor D. Deißmann. Aus der Fülle seiner wissenschaftlich gründlichen Ausführungen heben wir nur folgende treffende Gedanken hervor. Das Urchristentum, wie es sich in den führenden und überragenden Persönlichkeiten eines Jesus und Paulus wiederspiegeln, sei in erster Linie auch der überwiegenden Zahl seiner Bekenner nach eine Bewegung der unteren Schichten. Nicht hinabgesenkt habe sich das Wasser des Lebens von den oberen Schichten zu den Vielen und Kleinen, sondern emporgesprudelt sei es aus den Tiefen einer göttlichen, schlichten Seele. Getränkt habe es zuerst die Hungernden und Verschmachtenden. Und wieder sei es ein schlichter Mann gewesen, der den unversiegbaren Quell hinausgeleitet habe in die Welt. Das Urchristentum sei aber damit weder eine Weltanschauungsnoch eine proletarische Befreiungsbewegung(Kautzky), sondern eine religiöse Volksbewegung gewesen. Nirgends habe das Urchristentum auf dem Wege der Gewalt den proletarischen Zukunftsstaat herbeizuführen gesucht. Gewiß habe es in der Masse gewirkt. In der Masse stehend und mit der Masse sympathisierend, habe das Urchristentum in der Masse wieder den einzelnen entdeckt. So habe der Erlöser gewirkt. Nach ihm sein größter Jünger Paulus. Auf dem Kontakt mit der Masse beruhe die Volkstümlichkeit, die Wucht des Urchristentums. Mit der Masse in Kontakt zu treten, sie zu verstehen, lieb zu gewinnen, den Einzelnen aus der Gefährdung der Massenexistenzen zu heben und dadurch die Masse zu veredeln und der Kirche damit ihr natürliches Fundament zu sichern: dieses Programm führe uns auch im evangelisch-sozialen Kongreß zusammen. Die an den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag angeknüpfte Diskussion mündete im Großen und Ganzen auf die chrakteristische Anschauung des Referenten aus. In der Nachmittagsversammlung behandelte Professor Dr. Francke=Berlin als gründlicher Kenner und Sachverständiger das Thema„Die gemeinnützige Rechtsauskunft". Der allbekannte Herausgeber der sozialen Praxis wies auf die Praxis hin, die die immer mehr an Zahl und Tätigkeit zunehmenden Rechtsauskunftsstellen im sozialen Leben erlangt hätten. Die Arbeiterorganisationen beider Hauptrichtungen, die freien, wie die christlichen Gewerkschaften hätten es sich sehr angelegen sein lassen, hierin mit gutem Beispiel voranzugehen. Nur sei zu bedauern, daß die freien Arbeitersekretariate Agitationscentren einer politischen Partei geworden wären. Das sei ein großer Fehler. Darum müsse in dieser ganzen wichtigen sozialen Frage das große Ziel weiter energisch verfolgt werden, durch die Rechtsauskünfte die soziale Kluft nicht zu erweitern, sondern überbrücken zu helsen.„Bisher konnte der Arme, weil er arm war, und der Unwissende, weil er unwissend war, sein Recht nicht finden. Wir wollten diesen Notstand beseitigen oder wenigstens mildern. Wir hoffen, daß wir damit zur sozialen Versöhnung beitragen. Es ist vielleicht eine langwierige und schwierige Arbeit, aber es ist unsere Pflicht, sie zu tun. Denn Gerechtigkeit erhöht das Volk." Die Diskussion ergänzte das ausführliche, mit Beifall aufgenommene Referat in einigen Punkten. Besonders konnte Oberbürgermeister Dr. Ebeling=Dessau von einer sehr günstigen Entwicklung des städtischen Rechtssekretariats von Dessau berichten. Um 8 Uhr abend fand ein öffentlicher von über 1000 Personen besuchter Volksabend im großen Saal des Krystallpalastes statt, der durch die verschiedensten Redner manches anregende bot. Neben dem deutsch=amerikanischen Pfarrer Rauschenbach, der in launiger Weise von den deutschen Trinksitten in amerikanischer Beleuchtung sprach und zum Kampf gegen die Trinksitten aufforderte, da auch in Deutschland, wie jetzt in Amerika der Entscheidungskampf gegen den Großkapitalismus bald geführt werden müsse, der alle Kräfte des Körpers und des Geistes in Anspruch nehme, durfte Schreiber dieses die Grüße des evangelischen Arbeitervereins von Dessau und Umgend der großen evangelisch=sozialen Versammlung überbringen. Er hob hervor, daß die evangelischen Arbeiter Freunde des Kongresses seien, weil sie in seiner Tagung eine Rückenstärkung ihrer jungen Bewegung sähen. Er hoffe, durch die bahnbrechenden, von bedeutenden, sozialpolitisch„hervorragenden Persönlichkeiten eingeleiteten Bestrebungen des Kongresses eine günstige Wirkung auf die öfsentliche Meinung, die auch seiner Sache zugute kommen werde. Er betonte aber auch die Notwendigkeit der standesbewußten Organisation, die es erst möglich mache, daß die großen evangelisch-sozialen Ideen weitergetragen würden und an die deutsche, christliche Volksseele herankämen. Dahin wollten auch die evangelischen Arbeitervereine wirken, um dem sozialen Frieden und der sozialen Gerechtigkeit zu dienen. So reiche der christlich=nationale Arbeiterstand dem evangelisch-sozialen Kongreß die Hand mit dem lebhasten Wunsch, gemeinsam zu wirken an dem Werke der sozialen Gesundungl des Vaterlandes. Nachdem dann noch Herr Archidiakonus Liz. Pfennigsdorf, der bekannte Apologet, im Christentum eine Macht des gesunden Fortschritts gekennzeichnet, wie es auch der evangelisch-soziale Kongreß stets gewürdigt und verstanden habe, Arbeitersekretär Fischer aus Reutlingen den Kongreß im Auftrag des württembergischen Landesverbandes herzlich begrüßt, Prof. Dr. H. Delbrück sich eingehend mit der abgetanen Verelendungstheorie der Sozialdemokratie beschäftigt hatte mit dem Hinweis darauf, daß die soziale Frage gar keine proletarische Frage allein sei, sondern bis in die höchsten Schichten hinausgreife, und Prof. Rade=Marburg interessante Züge von seiner jüngsten Englandreise wiedergegeben hatte, schloß Reichstagsabgeordneter Naumann den Rednerreigen mit glänzenden, geistreichen, durch und durch sozial weitschauenden Worten. Der Vormittag des 11. Juni brachte neben dem Jahresbericht des Generalsekretärs des Kongresses, Herrn Pfarrer Liz. Schneemelcher noch den gediegenen Vortrag des Schulrats Herrn Professor Dr. Wychgram aus Lübeck über:„Die soziale Bedeutung der Mädchenschulreform.“ Auch hier wurden im Vortrag, wie in der Diskussion durchschlagende soziale Gedanken zum Ausdruck gebracht. Man sah, daß auch wichtige Frauenfragen in den Interessenbereich des Kongresses gezogen werden. Um die Mittagszeit schloß Prof. Dr. Harnach den Kongreß. Eine Fahrt nach dem bekannten Wörlitz mit seinen herrlichen Parkanlagen vereinigte am Nachmittag noch manche Kongreßteilnehmer in traulicher Gemeinschaft, bis die Abendzüge die freundlichen Gäste unserer Residenzstadt Dessau entführten. Wir schließen unseren Bericht mit dem herzlichen Wunsche, daß auch diese wenigen Zeilen dazu beitragen möchten, in den Herzen aller christlich-national gesinnten Arbeiter und Arbeiterfreunde einen lebendigen Widerhall zu wecken von den echten evangelisch-sozialen Klängen, die in jenen Tagen in Dessau hell und rein angeschlagen wurden, daß alles, was deutsch-evangelisch und christlichsozial empfindet, wetteifert, die hohen sozialen Gedanken Nr. 29 3 „Die Arbei““ in hohe und hehre soziale Werke umzusetzen. Denn darauf kommt's im letzten Grunde an, daß unser soziales Tun Rechenschaft ablegt von unserer ehrlichen sozialen Ueberzeugung. Dann bricht die Eisdecke der Verstockung und des Fanatismus, die heute noch schwer lastet auf dem irregeführten, ehrlichen, deutschen Arbeitergemüt. Drum auf zu neuen Taten! Ehrhardt=Dessau. Politische Wochenschau. Der deutschen Automobilindustrie ist auf Frankreichs Fluren ein bedeutender industrieller Siea über die ausländische Konkurrenz beschieden gewesen. Von den sieben Wagen, die bei dem internationalen Automobilrennen in der französischen Hafenstadt Dieppe bei einer Beteiligung von 23 Wagen an erster Stelle das Ziel erreichten, waren alle, mit Ausnahme des vierten, deutsches Fabrikat. Zu Ehren des Dieppesiegers fand in Untertürkheim eine Kundgebung statt. Als das Nahen des preisgekrönten Siegers in gen Daimlerwerken gemeldet wurde, verließen die Arbeiter ihre mächtigen Arbeitsräume und brachten ein stürmisches Hoch auf den Sieger Lautenschläger aus, als dieser durch das geschmückte Portal der Fabrik einfuhr. Nach einer ehrenden Ansprache des Direktors trugen die Arbeitskollegen den Sieger auf den Achseln davon. Wir haben hier wieder alle Veranlassung, auf unsere Industrie und deren Faktoren, Arbeitgeber und Arbeiter, stolz zu sein. Nicht zum wenigsten die treue Pflichterfüllung und saubere Arbeit unserer deutschen Arbeiter hat beigetragen zu dem schönen Siege über das Ausland. Des Grafen Zeppelins Sieg in den Lüften gibt dem Spekulationseifer unserer Kapitalisten viele Nahrung. In Berlin hat sich eine Luftfahrzeuggesellschaft m. b. H.“ und eine Motorluftschiffahrt=Studsellschaft“ gebildet, private Unternehmen, hinter denen aber namhafte Firmen und Gesellschaften stehen. Ferner soll ein„Deutscher Luftflöttenverein“ demnächst ins Leben treten. Die Vorarbeiten sind bereits im Gang. Der Verein wird auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete wirken. Politisch wird er für die Schaffung einer großen Reichsluftflotte ein treten, wirtschaftlich soll er lenkbare Luftschiffe erwerben und einrichten. Ferner wird über die demnächst vor sich gehende Gründung einer„Zeppelinschen Betriebsgesellschaft“ berichtet. Das Unternehmen soll als Gesellschaft mit beschränkter Haftung mit einem Kapital von 8—10 Millionen Mark gegründet werden. Außer Krupp soll noch ein zweiter Industrieller von Weltruf an dem Plan beteiligt sein.— In Karlsruhe hat sich zur Durchführun= einer direkten Luftschiffverbindung Brüssel—Wien und Brüssel Rom eine zweite deutsche Luftschiffahrtsgesellschaft konstituiert. Wenn das so weiter geht, dann werden die Dinger bald wie die Insekten in der Luft herumschwirren. Mit russischer Hilfe hat der Schah von Persien die Revolution unterdrückt. Der russische Befehlshaber der persischen Leibwache beherrscht die Stadt Teheran. Die Russen und Engländer scheinen dort stark im Trüben zu fischen. Ueber freie Arbeit und Plantagenberieb in den deutschen Kolonien veröffentlicht I. K. Vie or-Bremen im neuesten Heft der„Bodenreform“ nachehende Angaben: „1. In Deutsch=Kamerun haben die Kakaoplantagen och fast jahrzehntelanger Arbeit, häufigen Nachzahlungen, nsammenlegen der Aktien, dividendenlosen Jahren usw. Jahre 1906 zu 1907 für 1 996000 Mark Kakoo exporert. 2. In demselben Jahre hat die Arbeit der freien westrikanischen Neger auf ihren Bauernhöfen allein nach ambura— Marseille und Liverpool erhalten auch viel Kakao von dort— für über 14 000000 Mark Kakao geliefert. Die englische Regierung hat die freie Arbeit an der Goldküste unterstützt, Saat an die schwarzen Bauern verteilt und Wanderlehrer zu ihrem Unterricht ausgesandt. Die deutsche Regierung hat, wie ich 1904 in Kamerun hörte, seit 1896 den Schwarzen am Kamerunberge die Anlage von Kakaopflanzungen verboten! Welche Politik die richtige ist, zeigt der Erfolg.“ schlimm aus um die Landeskirche.“ So klagt der Wirkliche Oberkonsistorialrat und Generalsuperintendent a. D. Dr. Nebe, Eisenach, in einer Flugschrift:„Die evangelische Landeskirche und die religiöse Krisis der Gegenwart“,(„Kirchlich=positiv“, Flugschriften zum Verständnis und zur Förderung kirchlicher Arbeit in der Gegenwart, Heft 1, S. 9). Er schreibt dort: „Es ist wahr, die Landeskirche kann es ertragen, daß viele ihrer Glieder ihre Glaubenssätze abweisen, aber sie muß doch darauf halten, daß ihre Diener, die durch freiwilligen Entschluß das Predigtamt übernahmen, die seierlich gelobten, keine andere Lehre zu verkünden, als die in Gottes Wort begründete, in den Bekenntnissen bezeugte, die Gemeinde nicht durch einen neuen Glauben verwirren. Und die Gemeinde hat ein heiliges Recht, bei ihren gottesdienstlichen Handlungen nicht durch Widerspruch gegen ihre Grundbegriffe geärgert zu werden, hat ein Recht, zu verlangen, daß ihre Kinder dem Gemeindeglauben gemäß unterwiesen werden. Die Kirche würde sich selbst aufgeben, würde ihre Existenzberechtigung aufheben, wenn sie Widerspruch gegen ihre Grundbegriffe von ihren beauftragten Lehrern ertrüge. Das wäre keine Gemeinschaft mehr, das wäre ein mehr oder minder großer Haufe. Alles müßte sallen! Gesangbuch, Liturgie, Katechismus, Perikopen müßten beseitigt werden. Wollte der eine singen lassen:„Wir glauben alle an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden“— flugs erhebt sich ein Widerspruch: Keine Schöpsung, Entwickelung!— Stimmen wir an:„Herr Christ, Sohn eingeboren deines himmlischen Vaters, Lamm Gottes, heiliger Herr und Gott!“ slugs wird protestiert. Verlesen wir die Festgeschichte von dem Stall und der Krippe mit der Engelsborschaft, von der Auferstehung und der Himmelfahrt oder die Wundererzählungen— gleich heißt es: Sagen, Märlein ohne geschichtliche Wirklichkeit. Reden wir von den beiden Sakramenten, heilige, von Christo selbst eingesetzte Handlungen— schnell wird Widerspruch erhoben. Kurz, vollständige Anarchie, und die arme Gemeinde, die nach der Bezeugung göttlicher Wahrheit verlangt, in voller Verwirrung und Auflösung. Es ist schon weit, sehr weit gekommen mit dem Mißtrauen gegen die Landeskirche, mit der Verzweiflung an ihr!„Vor wenigen Wochen kam einer unserer tüchtigsten Hilfsprediger zu mir: Ich kann nicht mehr in einer Kirche dienen, die es duldet, daß ihre eigenen Lehrer ihren Grundsätzen, ihren, funda mentalsten Sätzen widersprechen, die keinen gemeinsamen Glaubensgrund hat. Sie heißt nach Christus und leidet von ihren Dienern, daß Christo göttliche Ehre genommen wird, sie heißt evangelisch und duldet von ihren Dienern, daß das Evangelium bestritten wird. All mein Zureden, daß er doch den Glauben predigen dürfe, daß er in solcher Krisis erst recht der Kirche helfen müßte, ihren Schatz zu wahren, half nichts— er legte sein Amt nieder und sucht vorläufig ein Amt in der Schule.“„Vor etlichen Wochen war ich bei einem Blaukreuzseste. Ein frommer, junger Mann meldete sich bei mir und sagte, er sei aus der Landeskirche ausgetreten und habe sich den Baptisten angeschlossen. Auf meine Frage:„Warum denn?" erwiderte 4 „Die Arbeit“ Nr. 29 er:„Mögen auch die Baptisten in der Verwerfung der Kindertaufe irren, sie stehen doch fest auf dem Felsengrunde des Bekenntnisses zu Christo— die-Landeskirche aber nicht." Ja, es sieht schlimm aus um die Landeskirche." Warum sind wir keine Sozialdemokraten? Kürzlich hielten die evangelischen Arbeitervereine des württembergischen Filsgaus in Horzheim ihre Gauversammlung ab. Stadtpfarrer Kalchreuter=Göppingen sprach über das Thema:„Warum sind wir keine Sozialdemokraten? Der Redner legte namentlich dar, daß die Scheidung der evangelischen Arbeiterrereine von der Sozialdemokratie vor allem in winsictt auf den religiösen, nationalen und sozialen Standpunkt zum Ausdruck komme. Die Religion bilde Grund und Ziel des Lebens; durch sie erfahre das innere, persönliche Leben die gewaltigste Förderung; an ein Preisgeben dieses Grundpfeilers, des Lebens. sei deshalb nicht zu denken. Das Verhaiten der Sozialdemotratie der Religion gegenüber sei in der Praxis— entgegen der Theorie— ablehnend und feindselig; sie bekämpfe die Relgion gewissermaßen als etwas Rückständiges. In nationaler Beziehung wollen die evangelischen Arbeitervereine von der sogen. Umsturztheorie nichts wissen; sie lieben und schätzen Vaterland und Staat, an deren Weiterentwickelung mitzuarbeiten sie als ihre Pflicht ansehen. Auch in sozialer Hinsicht trennen sich die Wege der evangelischen Arbeitervereine von denen der Sozialdmokratie. Die ersteren erblicken im Eigentum des einzelnen ein bedeutungsvolles sittliches Gut, das geeignet sei, individuelle Gaben und Kräfte zu wecken und zu fördern, das aber bei der von der Sozialdemokratie als Endziel angestrebten Gleich macherei verloren gehen müßte. Selbstverständlich streben auch die evangelischen Arbeitervereine die Beseitigung der sich in sozialer Hinsicht zeigenden Auswüchse und Mißstände an, wie sie auch für eine Ausgleichung der Klassengegensätze mit Entschiedenheit eintreten.— Wenn die evangelischen Arbeitervereinler Württembergs keine Sozialdemokraten sind wegen der antireligiösen und antinationalen Tendenz der Sozialdemokratie, dann sollten aber auch auf Vertretertagen der württembergischen evangelischen Arbeitervereine im Jahresbericht keine Worte fallen, wie sie in Ravensburg gesprochen worden sind:„Wir wollen niemand hindern, sich einer christlichen Gewerkschaft anzuschließen, wo die Verhältnisse dazu angetan sind. Allein von Verbandswegen nur wegen des Namens„christlich“ den Anschluß gerade dort zu empfehlen, wäre eine Einseitigkeit, die wohl andern nützen, unserer Sache aber nur Schaden bringen könnte. Wir haben manche Plätze, wo unsere Mitglieder den Anschluß an die Hirsch=Dunckerschen Gewerkvereine vorziehen. Wir haben auch treue Mitglieder die ohne ihren evangelischen oder(!) nationalen Standpunkt zu verleugnen, in freien Gewerkschaften, z. B. im Buchdruckerverband, ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten. Und so manche Vorkommnisse letzter Zeit haben unser Bedenken gegen die christlichen Gewerkschaften wegen ultramontaner und engherzig protestantischer Beeinflußung nicht beseitigt.“ Wenn treue Mitglieder evangelischer Arbeitervereine Württembergs es mit ihrer Treue gegen das Programm: „Das Ziel unserer Arbeit ist die Entfaltung der welterneuernden Kräfte des Christentums in dem Wirtschaftsleben der Gegenwart“ ernst nehmen, dann dürfen sie nicht die Sozialdemokratie in der„freien“ Gewerkschaft indirekt durch ihre Beitrogszahlung unterstützen. Ist es doch bekannt, daß die„freien“ Gewerkschaften große Summen bei Parlamentswahlen der Sozialdemokratie zur Verfügung stellen. Diese Forderung ist weder ultramontan noch engherzig protestantisch, sie ist die Konsequenz der Kalchreuterschen Ausführungen. Sie ist die Erklärung dafür, daß viele evangelische, auf religiösem und nationalem Boden stehenden Arbeiter auf wirtschaftlichem Gebiete eine gesinnungsverwandte Organisation neben den evangelischen Arbeitervereinen haben wollen. Wenn neuerdings der„Genosse“ Dr. Duncker=Stuttgart in einer Versammlung in einem Vortrage über„Partei und Gewerkschaften“ unter lebhaftem Beifall ausführen konnte: „Die Gewerkschaft kann nicht verzichten auf die Erfüllung ihrer Mitglieder mit sozialistischem Geist. Beim Eintritt in die Gewerkschaft muß strengste Neutralität geübt werden.(Soll das eine Aufforderung zur Heuchelei sein? D. V.) Da aber kommt der Arbeiter in die gewerlschaftliche Schule. Innerhalb der Gewerkschaft muß die sozialistische Erzieyung wachsen.“(Zuruf: wird gemacht!) Und weiter: Partei und Gewerkschaften sind eins! Dieser Satz darf kein Wort sein, keine leere Phrase, sondern er mußtäg lich in der Praxis durchgeführt werden“, so heißt es, die evangelischen Arbeiter stark in Versuchung führen, wenn man ihnen, die vielfach in der Gewerkschaftsfrage infolge der Dr. Dunckerschen Taktik:„Beim Eintritt in die Gewerkschaft, muß strengste Neutralität geübt werden“, über die antireligiöse und antinationale Haltung der „freien“ Gewerkschaften im Unklaren sind, in den evangelischen Arbeitervereinen keine Aufklärung in der Gewerkschaftsfrage zuteil werden läßt. Wir sind in den evangel. Arbeitervereinen keine Sozialdemokraten; wir sind evangelisch und national, nicht bloß national gesinnte Arbeiter. Als solche können wir in Württemberg uns nicht mit dem Gedanken befreunden, durch unsere Mitgliedschaft in der antireligiösen und antinationalen„freien“ Gewerkschaft durch die Erziehung der letzteren an uns, die Religion, den Grundpfeiler des Lebens, preiszugeben. Wir können uns andererseits aber auch nicht in größerem Maßstabe gerade als evangelische, nationalgesinnte Arbeiter dazu verstehen, einer wirtschaftlichen Standesorganisation beizutreten, die nur das Wörtchen„national“ im Bänner führt, Wir wünschen als Anhänger des Gedankens, daß das Ziel der evangelischen Arbeitervereine, die Entfaltung der welterneuernden Kräfke des Christentums in dem Wirtschaftsleben der Gegenwart erreicht werden möchte, im Anschluß an die evangelischen Arbeitervereine eine nationale wirtschaftliche Berufsorganisation auf christlicher Grundlage. Diese sehen wir in den christlichen Gewerkschaften. Man wird uns hoffentlich nicht„engherzig“ protestantischer Beeinflußung zeihen, wenn wir schließen mit dem Wunsche, daß die Situation in Württemberg sich dahin recht bald in den evangelischen Arbeitervereinen klären möchte, daß man bei zukünftigen Delegiertentagen, eben weil wir keine Sozialdemokraten sind, die antireligiösen und antinationalen aber auch die nur nationalen Arbeiterberufsorganisationen links liegen läßt und als evangelisch=nationale Arbeitervereinigung eintritt für eine auf religionsfreundlichem und nationalem Boden stehende Arbeiterberufsorganisation, die christlichen Gewerkschaften. Damit werden die Ausführungen des Stadtpfarrers Kalchreuter erst ihre volle Erfüllung finden.—g. Verband Deutscher Eisenbahnhandwerker und Arbeiter. In der christlich=nationalen Bewegung wird zurzeit die Frage betr. Anschluß desEisenbahnerverbandes an den Gesamtverband christlicher Gewertschaften lebhaft erörtert. Zur Klärung der Sachlage dürfte der nachfolgende Bericht sehr beitragen. Am 5. Juli fand eine von den Vorständen der Ortsvereine des Wuppertales einberufene, von den Mitgliedern sehr gut besuchte Versammlung des Verbandes deutscho: Eisenbahnhandwerker und=Arbeiter statt, in welcher Reichstagsal ordneter Franz Behrens=Essen über„Organisationsfragen“ sprach. Innerhalb Nr. 29 „Die Arbeit“ des Verbandes— auf dem letzten Delegiertentag und schon einige Monate früher— ist die Frage des Anschlusses an den Gesamtverband christlicher Gewerkschaften lebhaft erörtert worden. Trotzdem Vorstand und Aufsichtsrat den Antrag auf Anschluß an die christlichen Gewerkschaften an den Delegiertentag stellten, wurde er infolge entgegenstrebender Maßnahmen und Beeinflußungen durch den Vorsitzenden Peter Molz=Trier, der— obgleich Vorsitzender eines zum größeren Teil aus Evangelischen bestehenden interkonfessionellen Verbandes— ein eifriger Anhänger und Verfechter der katholischen Fachabteilungsbewegung ist. Herr Molz hatte in dem von ihm redigierten Verbandsorgan mehrfach die Behauptung aufgestellt, daß der Herr Eisenbahnminister den Anschluß des Verbandes an den Gesamtverband christlicher Gewerkschaften nicht gestatten würde. Durch diese Behauptung des Vorsitzenden ließen sich eine große Anzahl von Ortsgrupen bewegen, auf dem Delegiertentag gegen den Antrag von Vorstand und Aufsichtsrat zu stimmen. Abgeordneter Behrens legte in seinem Vortrag das Wesen der christlich=nationalen Arbeiter= und Gewerkschaftsbewegung dar und wies treffend nach, daß die Staatsarbeiter das allergrößte Interesse an der Hebung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Arbeiter in der Privatindustrie und umgekehrt die Arbeiter in der Privatindustrie das größte Interesse daran haben, daß die Staatswerkstätten nach dem bekannten Kaiserwort Musterbetriebe sind. Auf Grund von mehrfachen Aeußerungen der verschiedenen Minister in Reichsund Landtag stellte der Redner fest, daß es in der preußischen sowohl wie in der Reichsverwaltung Grundsatz sei, daß die Lohn= und Arbeitsbedingungen der Staats= und Reichsarbeiter sich nicht erheblich entfernen dürften von denen der Privatindustrie.*) Wenn also die Staatsarbeiter auf eine erhebliche Besserung ihrer Lage hoffen wollen, so ist Voraussetzung, daß die Lage der unter gleichen Verhältnissen und in gleicher Gegend beschäftigten Privatindustriearbeiter gebessert wird. Freilich sei die Methode zur Erlangung besserer Lohn= und Arbeitsbedingungen den Verhältnissen entsprechend verschieden. Während die Arbeiter in der Privatindustrie das ihnen reichsg esetzlich gegebene Koalitionsrecht verbunden mit Streikrecht anwenden könnten, sei das Mittel des Streiks für die Arveiter im Eisenbahnbetrieb nicht notwendig, weil ihnen nicht nur der Instanzenweg, sondern auch der Weg durch die Abgeordneten von Land= und Reichstag frei stünde, um hierdurch auf die Verbesserung ihrer Lohn= und Arbeitsbedingungen einwirken zu können. Die Arbeiter im öffentlich=staatlichen Verkehrsgewerbe verzichten deshalb auf die Anwendung des Streikrechts. Im Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften sei man grundsätzlich Gegner des von sozialdemokratischer Seite propagierten Generalstreiks und erkenne man auch die Verschiedenartigkeit zwischen Privatindustrie und Staatsbetrieben an. Es liege unstreitig im Interesse der Staatsarbeiter, daß sie sich dem Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften anschlössen. Die vom Vorsitzenden Peter Molz in seinem Organ und in Gebeimzirkularen verbreitete Mitteilung, daß einem Anschluß an die christlichen Gewerkschaften seitens des Eisenbahnministeriums Winvernisse in den Weg gestellt würden, entspreche nicht den Tatsachen. Er(Behrens) habe sich im Eisenbahnministerium bei den in Frage kommenden Herren erkundigt und es sei ihm die bestimmte Mitteilung geworden, daß die im Verbandsorgan des Verbandes deutscher Eisenbahn=Handwerker und=Arbeiter gegebene Darstellung diesbezüglich völlig falsch ist. Der Herr Eisenbahnminister habe öffentlich im Parlament ausgesprochen, daß er gegen die Organisation seiner Arbeiter und Beamten nichts einzuwenden habe und mit den Vorständen der Verbände ein gutes Verhältnis unterhalte. Voraussetzung sei jedoch, daß in diesen Organisationen nicht ordnungsfeindlichen id. b. sozialdemokratischen) Bestrebungen gehuldigt und der Streit im staatlichen Verkehrsgewerbe weder propagiert noch angewendet würde. Diese vom Herrn Minister ausgesprochen n Voraussetzungen treffen für den Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften zu, es liegen also einem Anschiuz des EisenbahnHandwerker= und=Arbeiter=Verbandes an die christlichen Gewerkschaften keine Hindernisse im Wege. Im Eisenbahnministerium erkenne man durchaus an, daß die Arbeiter in der Privatindustrie auf das Streikrecht nicht verzichten könnten; es sei aber kein Hindernis für den Eisenbahnverband, sich den christlichen Gewerkschaften anzuschließen, denn seitens der christlichen *) Als treffende Illustration der Notwendigkeit eines Zusammenarbeitens der Eisenbahnarbeiter mit den Arbeiterorganisationen, kommt aus Siegen die Meldung, daß dort die Siegerländer Industriellen einen Ring gebildet, und daß der Vorstand dieser Vereinigung an die Eisenbahnverwaltung das Ersuchen gerichtet hat, keine Arbeiter einzustellen, die bisher in der Privatindustrie beschäftigt waren. Gewerkschaften würden die eigentümlichen Voraussetzungen des Verhältnisses in den Staatsbetrieben anerkannt. Der Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall entgegengenommen. In der Diskussion wies ein Teilnehmer an dem Paderborner Delegiertentag darauf hin, daß der Vorsitzende des Verbandes eine planmäßige Aufklärung, wie sie vom Vorstand und Aufsichtsrat beschlossen worden war, hintertrieben habe und daß der Vorsitzende mit Hilfe einer Anzahl nicht gut unterrichteter Delegierten auch auf dem Verbandstag eine sachverständige Aufklärung unterbunden hätte. Diese Aufklärung müsse jetzt kommen, denn der Eisenbahnerverband müsse sich sobald wie möglich der christlichnationalen Gewerkschaftsbewegung anschließen.— Am Nachmittag fand eine ebenfalls sehr stark besuchte Versammlung des Verbandes deutscher Eisenbahn=Handwerker und=Arbeiter in Opladen statt, in welcher ebenfalls Abgeordneter Behrens unter allgemeinem Beifall und Zustimmung sprach. Zu der vorstehend erörterten Frage des Anschlusses des Eisenbahner=Verbandes an den Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften wie über die Verhältnisse im Eisenbahner=Verband überhaupt schreibt der Generalsekretär Adam Stegerwald in seinem Jahresbericht von 1907 folgendes: Auf dem die letzten Wochen stattgefundenen Delegiertentage des Verbandes deutscher Eisenbahnhandwerker und=Arbeiter bedurfte es seitens des Vorsitzenden der unfairsten Mittel, um den Anschluß zu vereiteln. Dort stimmten die Vertreter von 12—15 000 Mitglieder für den Anschluß, trotzdem der Verbandsvorsitzende Herr Molz nicht nur jedweder Aufklärung über den Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften sich widersetzte, sondern auch die Delegierten mit den größten Unwahrheiten vor demAnschluß abzuschrecken suchte. Die Anschlußfrage ist für den Verband deutscher Eisenbahnhandwerker und=Arbeiter in der Hauvtsache zu einem Kampf zwischen christlichen Gewerkschaften u. katholischen Fachabteilungen ausgewachsen. Der Vorsitzende des Verbandes befindet sich in führender Stellung des kath. Arbeitervereins Trier, wo neben Berlin die Hauptmatadore der kath. Fachabteilungen sitzen. Diese suchen mit allem Nachdruck den Anschluß zu hintertreiben und finden in Molz den geeigneten Strohmann zur Durchsetzung ihrer Ziele. Unter den Mitgliedern des Verbandes, die zudem in der Mehrzahl aus Nichtkatholiken bestehen, befinden sich kaum 100, die mit den kath. Fachabteilungen sympathisieren. Dennoch reklamieren deren Drahtzieher hinter verschlossenen Türen den Verband als zur kath. Fachabieilungsrichtung gehörig, um damit denEinfluß ihrer Gruppe größer als in Wirtlichkeit bestehend anzupreisen. Molz ist pensionierterEisenbahnsattler, Restaurateur, Verbandsvorsitzender und Redakteur in ein und derselben Person. Darnach ist es auch mit der Leitung des Verbandes bestellt. Auf Einzelbeiten wird bei anderer Gelegenheit zurückzukommen sein. Die Anschlußfrage wird innerbalb des Verbandes deutscher Eisenbahnbandwerker nicht meyr zur Ruhe kommen; das hat die Entwickelung der letzten Jahren schlagend bewiesen. Von Personen ist diese auf die Dauer nicht aufzubalten. Gewerkschaftliches. Wachstum der Gewerkschaften 1907. den jetzt endgültig vorliegenden Berichten 5. deutschen Gewertschaften, betrug im Jahre 1907 die Zunahme der sozialdemokratischen Gewerkschaften 4,1 Prozent während die christlichen Gewerkschaften sich um 9.5 Prozent vermehrten. Die Hirsch=Dunckerschen haben einen glieder=Rückgang zu verzeichnen. „Mit Rücksicht auf die Familie des Klägers“. Dem Zechenverband scheint der Strafantrag des Ab geordneten Behrens an den Staatsanwalt doch recht un angeneym zu sein. Die dem Zechenverband nahestehende Presse(„Köln. Ztg.",)„Rhein. Westf. Ztg.", D. Bergw. Ztg.") bringen übereinstimmend einen„Zechenverband und kontraktbrüchige Arbeiter" überschriebenen Artikel, womit der Versuch gemacht wird, das Augenmerk der Oeffentlich keit auf einen nebensächlichen Punkt zu lenken. In dem Schreiben des Abg. Behrens an den Staatsanwalt war als Beispicl dafür, daß auch nichtkontraktbrüchige Arbeiter auf der„Schwarzen Liste“ stehen, ein Bergarbeiter P. genannt. Die vorgenannten Zeitungen veröffentlichen nunmehr das Protokoll einer Berggewerbegerichtssitzung, das dartun soll, 6 Nr. 29 „Die Arbeit“ daß der Bergmann P. doch kontraktbrüchig sei.— Das Protokoll als solches beweist zu Gunsten des Zechenverbandes nicht viel, wohl aber geht daraus hervor, daß der Mann seinerzeit ertrankte, während der Krankenfeierzeit Krankengeld bezog und daß die Zeche dem Arbeiter auf seine Klage beim Berggewerbegericht hin, jedoch bevor es zu einer Verhandlung kam, die einbehaltenen 6 Schichten Lohn im Betrage von Mark 30,— ausbezahlt hat. Von einem Kontraktbruch kann also nach Lage der Verhältnisse keine Rede sein.— Bezeichnend für den Geist der im Zechenverband organisierten Werksleitungen ist, daß nach diesem Berg gewerbegerichtspro o oll di Zechenverwaltung ange eben hat man habe die 6 Schichten dem Manne ausbezahlt„mit Rücksicht auf die Familie des Klägers". Diese„Rücksicht aus die Familie des Klägers“ hat jedoch die Zeche nicht abgehalten, den Mann auf die„Schwarze Liste“ zu bringen, ihn somit 6 Monate von der Arbeitsgelegenheit auszuschließen und seine Familie dem Hunger zu überliefern. Wahrhaftig eine sonderbare Rücksichtnahme auf die Familie! Der Name dieser menschenfreundlichen Zeche verdient öffentlich festgelegt zu werden, sie heißt Sälzer Neuack und ist im Besitze der Firma Krupp. Im übrigen hal es nebensächliche Bedeutung, ob der Fall so, wie ihn die obengenannten Zeitungen darstellen oder anders liegt. Wesentlich ist nur die Frage, ob„schwarze Listen“, wie sie vom Zechenverband eingeführt sind, gegen die guten Sitten verstoßen und ob das Statut des Zechenverbandes selbst mit den Bestimmungen der§§ 152/53 der Gewerbeordnung in Einklang zu bringen ist. Unseres Erachtens ist das Letztere nicht der Fall.— Eine gründliche Blamage erlitt der sozialdemokratische TextilarbeiterVerband in Schiffbeck bei Hamburg. Auf der Schiffbecker Jutesabrik sind 1500 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt, hiervon sind etwa 40 Proz. beruslich organisiert. Die Arbeits= und Lohnverhältnisse sind hier, schon auf Grund des vorhandenen„Prämiensystems", nich besonderts günstige, es erscheint daher durchaus begreiflich, wenn sich unter der Arbeiterschaft eine Gährung bemerkbar machte, die noch dadurch erhöht wurde, daß von seiten des soz. Textilarbeiter=Verbandes in den einzelnen Abteilungsversammlungen die Arbeiter gegen die Direktion aufgewiegelt wurden. Man glaubte damit die noch von der Organisation sernstehenden 60 Proz.der Arbeiterschaft für dieselbe zu gewinnen, was jedoch nicht gelang. Indem in der Spinnerei immer größere Mißstände sich zeigten, forderten die daselbst beschäftigten Arbeiterinnen, welche zum größten Teil im soz. TextilarbeiterVerband organisiert sind, von der Direktion Abhilse, ohne zuvor die Verbandsleitung von ihrem Vorhaben in Kenntnis zu setzen. Da jedoch die Direktion der„Jute“ den Forderungen der Arbeiterinnen nicht entsprach, so legten diese, ebenfalls ohne Kenntnis der Verbandsleitung, am 7. Mai unter Kontraktbruch die Arbeit nieder. Nunmehr sperrte die Direktion die gesamte Arbeiterschaft aus, so daß am 8. Mai die Fabrik vollständig still lag. Der im Norden rühmlichst bekannte Gauleiter Döbler vom soz. Textilarbeiter=Verband sollte den in den Sand gefahrenen Karren wieder flott machen, aber vergebens. Döbler wurde die Geister, die er gerusen, nicht wieder los. Das ganze Vorgehen der„roten Arbeiterinnen“ war ein höchst disziplinwidriges, aus diesem Grunde verweigerte der soz Textilarbeiter=Verband seinen Mitgliedern auch die Unterstützung, selbst den unschuldig ausgesperrten. Die christlich organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen, die ebensalls ohne jedes Verschulden mit in den Kampf hineingezogen worden, erhielten vom christl. Textilarbeiter=Verband Unterstützung, was durchaus seine Berechtigung hatte. Darob große Entrüstung bei den„Genossen"; dieselben drohten, aus dem roten Verbande auszutreten, falls sie keine Unterstützung erhielten, und so mußte sich die soz. Verbandsleitung entschließen, ihren widerspenstigen Mitgliedern nachträglich einige Mark Unterstützung auszuzahlen. Die Verbandsleitung in Berlin mußte somit nach der Pfeife ihrer Schiffbecker Mitglieder tanzen. Bei der später vom Arbeiterausschuß angebahnten Verhandlung, welcher Gauleiter Döbler beiwohnte, soll derselbe nach Angabe einiger Arbeiterausschuß=Mitglieder eine äußerst demütige Rolle vor dem Herrn Direktor gespielt haben, trotz alledem erzielte Herr Döbler nichts. In einer hierauf vom christlichen Textilarbeiter=Verband einberufenen öffentlichen Versammlung, in welcher Kollege Schreck=Hamburg referierte, unterzog derselbe die ins Wasser gefallene Aktion der„Roten" sowie das Verhalten des Gauleiters Döbler einer scharfen Kritik, was umsomehr am Platze war, da die„Genossen" bei jedweder Gelegenheit die christlich organisierten Arbeiter herabzuwürdigen suchen. Nun wurde von den Genossen ein neuer Feldzug gegen die„bösen Christlichen“ ins Werk gesetzt, um dieselben vollständig zu vernichten. Am 20. Juni hielt der soz. Textilarbeiter=Verband eine öffentliche Versammlung ab. Als Reserenten traten der zweite Zentralvorsitzende Rössel=Berlin und der Gauleiter Döbler=Hannover auf. In seinem Referat gab Rössel die alten Ladenhüter zum Besten, die wir von jedem soz. Durchschnittsagitator gewöhnt sind. Zunächst versuchte Redner den„mißglückten Kampf“ zu verschleiern, was ihm aber schlecht gelang. Mit einigen leeren Phrasen beendete Redner seinen offenbar ihm selbst zur Qual gewordenen Vortrag. Nun kam der Gauleiter Döbler an die Reihe, welcher in der unflätigsten Weise über die„Christlichen" und unseren Kollegen Schreck herfiel. Nachdem Döbler eine Viertelstunde gesprochen hatte, war sein„Geistiges Waffen=Arsenal“ erschöpft. Sofort nach Beendigung des ersten Referats hatten sich von den Christlichen Gewerkschaften Koll. Schreck und Gewerkschaftssekretär Hartmann zum Worte gemeldet. Als erster Diskussionsredner zerpflückte Kollege Schreck in dreiviertelstündiger Rede, unter stürmischen Beifall, die Ausführungen der beiden Referenten und betonte, daß er seine' getanen Behauptungen aufrecht erhalte. Wer nun glaubte, das der Wortmeldung zufolge ünser Koll. Hartmann das Wort erhielt, befand sich im Irrtum, vielmehr erhielt nochmals der„Zweite Zentralvorsitzende" Rössel das Wort. 4 Nach ihm sprach zum zweiten Male Gauleiter Döbler wogegen unser Koll. Hartmann unter Hinweis auf seine an zweiter Stelle erfolgte Wortmeldung mit Entschiedenheit protestierte. Der Vorsitzende erwiderte hierauf wörtlich: „Ordnungsgemäß hat der Kollege Hartmann das Wort“, hatte aber die Rechnung ohne Döbler gemacht, welcher ebensalls darauf beharrte, das Wort zu erhalten und er erhielt es. Indem durch diesen„seigen Akt“ unserm Koll. Hartmann, die Möglichkeit, noch zu sprechen, genommen war, verließen die Mitglieder des christl. TextilarbeiterVerbandes geschlossen den Saal, was den Genossen höchst unangenehm war, da von den 300 Versammlungsbesuchern kaum 100 Genossen im Saale verblieben. Das schien selbst dem zweiten Zentralvorsitzenden Rössel über die Gemütlichkeit zu gehen, daß im Norden in einer von den Genossen einberufenen Versammlung die„Christlichen" die Majorität bilden. Wir können ja Herrn Rössel den Schmerz nachfühlen, den er empfand, weil er an diesem Abend keine Mitglieder gewinnen konnte, der Gimpelfang dürfte in Schifsbeck zu Ende sein. Ein Vernichtungskampf gegen die„Christlichen“ sollte es werden, eine gründliche Blamage für die„Roten“ ist es geworden. Den christlich gesinnten Arbeitern von Nr. 29 7 „Die Arbeit“ Schiffbeck aber möge immer mehr zum Bewußtsein kommen, daß ihr Platz nur in den Reihen der christlichen Gewerkschaften sein kann. G. Hartmann. Kleine Notizen. Interessante Zahlen. In der politischen Diskussion wird von den Interessierten der chronische Rückgang des Liberalismus im allgemeinen und der nationalliberalen Partei im besonderen gerne bestritten. Die Provinz Hannover war von jeher eine nationalliberale Domäne und eigentlich das einzigste geschlossene nationalliberale Gebiet; die letzte Landtaaswahl hat aber auch in Hannover das Schicksal der Nationalliberalen besiegelt. Auch hier ist die Parole„rückwärts", das beweisen folgende Zahlen aus der Wahlstatistik. Die Provinz Hannover wählte von 36 Abgeordneten Nationalliberale Konservative und Freikonservative Die Provinz Hannover ist von den konservativen Parteien politisch erobert worden, das ist eine vollzogene Tatsache, alles Jammern hilft nicht darüber hinweg. In den Harzwahlkreisen ist aber auch die christlich=soziale Bewegung erfreulich im erstarken begriffen. Schon heute wird ein Reichstags= und Landtagswahlkreis Goslar=Clausthal durch einen Abgeordneten der Wirtschaftlichen Vereinigung, Herrn Amtsgerichtsrat Kölle, vertreten. Tie prinzipienfesten Genossen. Gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Vertreter wurde in der letzten GeneralVersammlung der Krupp'schen Krankenkasse zu Essen für die Vertreterwahlen das Verhältniswahlsystem eingeführt. Die Vertreter der christlichen Gewerkschaften hatten einen dahingehenden Antrag wiederholt gestellt. Beamtenausschüsse. Für die Einrichtung von Beamtenausschüssen trat bisher im Reichstag die Wirtschaftliche Vereinigung am eifrigsten ein. In den Beamtenorganisationen ist diese Forderung allgemein aufgenommen worden. Die Reichsverwaltung sowohl wie die preußische Verwaltung sträubt sich noch sehr gegen diese, den modernen sozialen Anschauungen durchaus entsprechende Einrichtung— kommen wird sie trotzdem. Dort, wo bereits solche Beamtenausschüsse bestehen, möchte man sie nicht mehr entbehren. So berichtet der bayrische Zentrumsabgeordnete Cadan in der„Bayr. Beamtenzeitung", daß ihm der österreichische Verkehrsminister Derschatta sowohl als auch die Führer der christlich organisierten Beamten sehr günstige Auskunft über die Wirkung der dort bestehenden„Personalausschüsse“ gegeben hätten. Beide Parteien waren der Ueberzeugung, daß solche Einrichtungen für unsere heutigen Verhältnisse nicht mehr zu entbehren seien. Nationalliberale Selbstbekeuntnisse. Im„Hann. Cour." schreibt der nationale Abgeordnete Dr. Hugo Böttger in einer Betrachtung über die Mißerfolge seiner Partei bei den preußischen Lanbtagswahlen u. a. folgendes:„Es kann deswegen noch schlimmer kommen, weil inzwischen, von einigen gutorganisierten Kreisen abgesehen, durchweg die nationalliberalen Organisationen mehr und mehr an Stoßkraft verloren haben. Sie haben sich dort noch einigermaßen frisch erhalten, wo die konfessionellen Gegenfätze wach sind und dank der klerikalen Machtbestrebungen wach sein müssen." Wir danken für dieses Geständnis und werden zur gegebenen Zeit die Nationalliberalen hierauf aufmerksam machen. Das Lebenselement der nationalliberalen Partei ist und bleibt die konfessionelle Hetze, ohne diese wäre sie längst dahin. Fadenscheinig. In frischer Erinnerung ist noch in allen Kreisen die beleidigende nationalliberale Resolution, in der gesagt wurde, daß kein evangelischer Arbeiter zu finden wäre, der befähigt sei, das verantwortungsvolle Amt eines preußischen Landtagsabgeordneten auf sich zu nehmen. Wir haben damals sofort gegen die Beleidigung lebhaft protestiert, aber die nationalliberale Presse beeilte sich, diese Resolution zu verteidigen. Jetzt, nach der Wahl, schreibt der nationalliberale „Hannoversche Kourier" wie auch die„Kölnische Zeitung", diese Behauptung(daß kein befähigter Arbeiter vorhanden sei), sei so„fadenscheinig, daß darüber eine Diskussion überflüssig" sei. Hier wird also den westfälischen Nationalliberalen von den beiden vornehmsten Parteiorganen politische Heuchelei oder Spiegelfechterei vorgeworfen. Hoffentlich notieren sichs die edlen Herren. „Nationalliberaler Zentrumsvasall". Nach der„Tremonia", Organ der Dortmunder Zentrumspartei, soll der „gut evangelische" nationalliberale Landtagskandidat Rechtsanwalt Dr. Cremer=Hagen(Kandidat für Dortmund=Land) in einer Stunde, als es sich darum handelte, die Zentrumsstimmen für die Nationalliberalen zu gewinnen, gesagt haben, daß er viel lieber mit dem Zentrum wie mit den ChristlichSozialen ginge. Die sattsam bekannten„Westfälischen politischen Nachrichten“ müßten nun eigentlich, wie sie es gegen die Christlich=Sozialen so oft getan, einen geharnischten Artikel nnter der Stichmarke„Nationalliberaler Zentrumsvasall“ schreiben. Aus der Wirtschaftlichen Vereinigung. Deutsch=soziale Partei. Hessisches Volksfest in Treysa. „Die Deutschsozialen verstehen es, Volksfeste zu veranstalten, weil sie die Empfindungen der deutschen Volksseele kennen. Dafür legte das große Fest Zeugnis ab, welches bei Treysa im Hessenlande kürzlich wohl 15 000 deutsche Volksgenossen vereinigte.“ So schreibt der„Bund der Landwirte" in Nr. 24 vom 13. Juni.— Nach langwierigen Vorbereitungen, um die sich u. a. auch die Herren Apotheker Andreas=Ziegenhain und Tierarzt Baehr=Treysa verdient gemacht hatten, nahm die Veranstaltung einen glänzenden Verlauf. Von bekannten Parteigenossen sah man die Reichstagsabgeordneten Liebermann von Sonnenberg, Raab, Köhler, Graef, Dr. Böhme, Herzog; außerdem Amtsrichter Dr. Mahr=Darmstadt, Oberlehrer Dr. Werner=Worms, Stadtverordneter Laaß=Frankfurt a. M., Graf M. Pfeil=Charlottenburg, Schneidermeister Rupp=Niederwalgern usw. Auch die akademische Jugend aus Marburg und Gießen war zahlreich vertreten. Zuerst kamen die Teilnehmer aus Hessen=Darmstadt, aus der Gießener und Wetterauer Gegend. Dann brachte die neue Hersfeld=Treysaer Bahn die zweite Schar, der Marburger Sonderzug die Teilnehmer aus Oberhessen, der Casseler Zug die aus Niederhessen. Ueberall wimmelt es von Fremden und noch immer neue Scharen trafen ein. Das prächtig verlaufene Volksfest bewies aufs neue, wie tief die Deutschsozialen Ideen im Hessenlande Wurzeln geschladen haben. »** Christlich=soziale Partei. Parteinachrichten. Für den Parteisekretärfonds erhielt ich von Pfr. W. in Merseburg 10 Mk. O. B. in Genua 2 M. 8 „Die Arbeit“ Nr. 29 An Mitgliedsbeiträgen gingen ein von Pfr. D. in Krakau 2 Mk., Ortsgruppe Günterod 10 Mk., Pfr. H. in Diedenbergen 3 M., O. B. in Genua 3 M., Ortsgruppe Merenberg 6,85 Mk., Ortsgruppe Barkhausen 13,70 M., Prof. Dr. L. in Darmstadt, W. in Feudingen und W. H. L. in Steinbach=Hallenberg je 10 M., M. S. in Neuwied 2,50 M., O. in Nachrodt 1,50 M., Pfr. D. in Schnathorst u. Prof. Dr. P. in in Osterode je 5 M., Lehrer P. in Grotkau 4 M., Lehrer K. H. in Elberfeld, H. G. in Rehme, V. in Frankfurt und H. in Oberndorf je 3 M., Ortgruppe Wallau 11 M., Pf. S. in Ruhland und Pf. St. in Börninghausen je 2 M., Lehrer G., Zigarrenmacher St., Lehrer A. in Börninghausen, Bergmann W. D. in Haigerseelbach, Bergmann G. H. in Schlierbach, H. in Nanzenbach, Ch. B. in Balde, B. in Mehlbach und M. in Leimstruth je 1 M. Für den Parteisekretärfonds gingen ein von Ortsgruppe Eisern 10 M. Herzlichen Dank! Dr. Burckhardt. Versammlungsbericht. Neulich redete Generalsekretär Rüffer in einer öffentlichen christlich-sozialen Versammlung in Eisern. Der Besuch gut und die Stimmung noch besser. Das gleiche gilt von der Hirzenheimer Versammlung am 5. Juli. Gegner hatten sich nicht eingefunden. Die Rüfferschen Ausführungen lösten lebhafte Zustimmung aus.. *** Gau Ruhrgebiet. Die Konferenz des Gaues Ruhrgebiet findet am 30. August in Witten statt. Die Ortsgruppen werden ersucht, ihre Delegierten dazu zu entsenden. Anträge zu dem am 12.— 16. September in Herford stattfindenden Parteitage, wolle man rechtzeitig an mich einreichen. Franz Behrens, Vorsitzender. Dortmund. Sonntag, den 19. Juli, nachmittags 2½ Uhr findet in Hörde im Restaurant„Deutsches Haus“, Chausseestr. 67(direkt am Hauptbahnhof) die Kreiskonferenz für den Wahlkreis Dortmund=Hörde statt. TagesOrdnung: 1. Berichterstattung der Delegierten. 2. Berichterstattung über die getätigte Landtagswahl und„Was lehren sie uns“. 3. Beratung der Anträge. 4. Verschiedenes. Es ist Pflicht der Ortsgruppen die Konferenz zahlreich zu beschicken und pünktlich zur Stelle zu sein. In der anschließenden Versammlung spricht Arbeitersekretär Kabisch über:„Die Landtagswahlen und unsere Aufgaben im Ruhrrevier“. Ortsgruppe Hoerde i. W. Vereinslokal: Deutsches Haus. Chausseestraße 67. Am 8. Juli fand unsere Monatsversammlung statt. Wir müssen hier, wie schon früher, wiederholen, daß der Besuch unserer Mitgliederzahl nicht entspricht. Wir erwarten daher für die Zukunft unbedingt eine bessere Unterstützung des Vorstandes seitens der Mitglieder. Die Versammlung erledigte folgende Punkte der Tagesordnung. I. Zahlung der Beiträge in der bekannten Weise. II. Kreiskonferenz am 19. Juli in Hoerde. Hierzu wurden 3 Anträge beschlossen, betreffend 1. Wahlfondsmarken. 2. evtl. Neuwahl des Kreisvorstandes. 3. Einrichtung eines Ausbildungskursus. Als Delegierte zu dieser Kreiskonferenz wurden die bisherigen wiedergewählt. Als Abgeordnete für die Ruhrkonferenz wurden die Herren Hamer und Flamkamp gewählt, womit die Tagesordnung erschöpft war. Die Mitglieder, besonders diejenigen, die in der Monatsversammlung nicht anwesend waren, weisen wir auf die am 19. Juli 1908 in unserem Vereinslokat, oberer Saal, stattfindende Kreiskonferenz hin. Es wird vollzähliger Besuch erwartet, wenn auch das Wetter zum Spazierengehen einladen sollte. Einige Stunden wird man wohl ab und zu für unsere Sache übrig haben. Also aufgerafft, Jeder muß zur Stelle sein. Ortsgruppe Hombruch. Sonntag den 26. Juli nachmittags 2 Uhr: Antreten zum Familienausfluge in den Langerloher Wald.(Wirtschaft Casperts.) Sammelplatz zum Abmarsch an der evangl. Kirche. Um zahlreiche Beteiligung wird gebeten. Freunde willkommen. Ortsgruppe Essen=West. Samstag den 25. Juli abends 8 Uhr Monatsversammlung im Vereinshaus„Körnereiche“ (G. Recht). Tagesordnung: 1. Beschlußfassung über die Gewährung von Zuschüssen zu den Beerdigungskosten bei Todesfällen. 2. Delegiertenwahl zu der Gau=Konferenz. Wegen der Wichtigkeit der einzelnen Punkte darf keiner fehlen. Freunde sind mitzubringen. *** Bergisches Land. Aus dem Bergischen Land. Redakteur Rafflenbeul wird in den nächsten Tagen an folgenden Orten reden: Öhligs 16., Auf der Höhe 17., Kronenfeld 18., Dhün und Davringhausen 19., Wülfrath 20., Lennep 22., Laaken=Blombacherbach 22., Sonnborn 23., Solingen 24., Dahlhausen 25. Juli. Außerdem wird voraussichtlich am 26. Juli die bergische Gaukonferenz stattfinden, auf der Redakteur Rafflenbeul einen Vortrag halten wird. Wir bitten die Parteifreunde für regen und zahlreichen Besuch der Versammlungen Sorge zu tragen. Solingen. In der am 10. Juli im Vereinslokale stattgefundenen Ortsgruppenversammlung hielt der neue Vorsitzende, Herr Architekt Reinschmidt, der schon seit Gründung der Ortsgruppe in Solingen außerordentliche finanzielle und persönliche Opfer gebracht hat, einen gediegenen Vortrag über:„Was ist Politik?" In der darauf folgenden zustimmenden Diskussion, an der sich u. a. die Herren Rendant Wecke, Telegraphenarbeiter Schmidt, Kaufmann Figge(F. ist Vorsitzender der Ortsgruppe Solingen des deutsch-nationalen Handlungsgehilfen=Verbandes), Kaufmann Hilverkus, Handlungsgehilfe Happe beteiligten, gab man allgemein sich mit dem Referat einverstanden und feuerte zur regen Mitarbeit an. Redakteur Rafflenbeul, der an der Versammlung als Gast teilnahm, regte an, doch in der Arbeit nicht den Kreis Solingen zu vergessen. Es müßten überall Ortsgruppen gebildet werden, dem zugestimmt wurde. Im Laufe des Sommers soll nun versucht werden im Kreise zu werben. Am 17. Juli findet bereits eine vertrauliche Versammlung in Aufderhöhe statt. Wir bitten die Mitglieder, sich daran zu beteiligen. Sodann wurde beschlossen, am Freitag den 24. Juli im evangelischen Vereinshaus(Malteserstraße) eine große öffentliche Versammlung abzuhalten. Redakteur Rafflenbeul wird reden über:„Die Notwendigkeit christlich=sozialer Politik und Arbeit". Ein Männer= und Posaunenchor soll zur Mitwirkung gebeten werden. Ferner werden zu dieser Versammlung die kirchlichen und außerkirchlichen Gemeinschaften eingeladen, um diese Kreise für die Mitarbeit zu gewinnen. Diese geplante Versammlung muß sich zu einer großen Kundgebung für die christlich=soziale Sache gestalten. Werbe man daher für einen guten Besuch! Auch die Frauen sind willkommen! Ortsgruppe Velbert. Montag den 20. d. M., abends 8½ Uhr bei H. C. Morgenstern: Monatsversammlung. Tagesordnung: 1. Vorwärts oder Rückwärts. 2. Briefe der Vertrauensmänner. 3. Unsere Presse. 4. Beteiligung am Parteitage in Herford u. ev. Anträge. 5. Verschiedenes. Allseitiges Erscheinen, besonders sämmtlicher Vertrauensmänner erwartet Der Vorstand. I. A: E. Karrenberg. Nr. 29 „Die Arbeit" Burg a. d. Wupper. Hierselbst fand am 11. Juli eine öffentliche christlich=soziale Versammlung statt. Redakteur Rafflenbeul sprach über die Ziele der christlich=sozialen Partei. In der darauf folgenden Diskussion kam es zu lebhaften aber sachlichen Auseinandersetzungen mit drei Sozialdemokraten, denen unbeschränkte Redefreiheit zugesichert war, die natürlich ausgenutzt wurde. Es war eine Lust zu hören, wie den Herren Sozialdemokraten von christlich-sozialer Seite heimgeleuchtet wurde. Die Herren Parteifreunde Hilverkus, Spengler, Schmidt, Kalkuhl und vom Stein verstanden es ausgezeichnet, die„Genossen" zu widerlegen. Mittlerweile war Mitternacht längst überschritten(die Uhr zeigte halb zwei), sodaß das Schlußwort des Referenten sich nur auf ein paar Worte beschränken konnte. Diese Versammlung brachte der christlich=sozialen Sache einen vollen Erfolg. Sechs neue Mitglieder konnten aufgenommen werden. Den Remscheider und Solinger Freunden, die sich tatkräftig zur Verfügung stellten, gebührt Anerkennung. Natürlich mußte nun zu Fuß nach Solingen gepilgert werden, die Remscheider schlossen sich an, wo man gegen 4 Uhr ankam, in dem Bewußtsein, die christlich=soziale Sache vorwärts gebracht zu haben. Dafür geben unsere Freunde gern mal eine Nacht Schlaf. Ja, es ist wahr, im Bergischen Lande ist ein Idealismus für die christlich-soziale Sache vorhanden, der einst zu den schönsten Erfolgen berechtigt. Vorwärts immer, Rückwärts nimmer! Ortsgruppe Lüttringhausen. Am 14. ds. Mts. wurde einstimmig Herr Dr. Kupfernagel von Tannenhof zum 1. Vorsitzenden der hiesigen Ortsgruppe gewählt.— Wir machen im Voraus schon bekannt, daß unser neuer Vorsitzender, Herr Dr. Kupfernagel, am Montag den 10. August, abends punkt 9 Uhr, im Gemeindehaus einen Bortrag halten wird über das Thema:„Christlich=sozial, ein Stück innere Mission“. Wir laden jetzt schon zu diesem Vortrag herzlich ein. *** Wiesbaden. Im Laufe des Monats August veranstaltet die christlich-soziale Partei des Wahlkreises Wiesbaden ein großes Sommerfest, zu dem auch die Mitglieder und Freunde der christlich-sozialen Sache aus andern nahegelegelegenen Wahlkreisen eingeladen sind. So hat der Vorstand der Frankfurter Ortsgruppe beschlossen, auf eine möglichst große Beteiligung auch von Frankfurtern mit ihren Frauen und Kindern hinzuwirken. Posannen= und Gesangchöre haben bereits ihre Mitwirkung zugesagt, die Festrede wird ein Frankfurter Herr übernehmen. Näheres wird noch mitgeteilt. Mitgefühl! „Der Gerechte erbarmet sich seines Viehes, aber das Herz des Gottlosen ist unbarmherzig.“ Die Barmherzigkeit gegen die Menschen, o. h. praktische Liebe üben, ist eine von den immer und immer wieder betonten Forderungen der hl. Schrift. Dabei wird aber nicht das Mitgefühl für die Tierwelt vergessen. Paulus hört aus dem Seufzen der unvernünftigen Kreatur den Schrei der Sehnsucht noch Erlösung. Moses verlangt, daß man den Ochsen, der da dürstet, nicht das Maul verbinden solle. Und an einer Stelle wird die Gottlosigkeit als Kennzeichen der Unbarmherzigkeit gegen die Tiere angesehen. Damit deutet die alttestamentliche Schriftstelle schon die Gedanken an, die im neuen Testamente Paulus schärfer und klarer hervorhebt. Paulus behauptet schlechtweg: Die Kreatur trägt den Fluch der Sünde und unter diesem Fluch der menschlichen Sünde seufzst und sehnt sich die Tierwelt nach Erlösung. In der Tat, die Unbarmherzigkeit gegen die Kreatur hat eben so gut ihre Wurzel in der Gottlosigkeit wie die Unbarmherzigkeit gegen die Menschen. Nichts läßt sicherer auf einen gefühllosen, rohen Charakter schließen, als die Unbarmherzigkeit gegen die Tiere. Die Unbarmherzigkeit gegen die Kreatur führt zur Gefühllosigkeit gegen die Menschen. Der Weg, der auf dem Blutgerüst endet, hat in der Kindheit oft mit dem Vogelmorde des Knaben angefangen. Jeder aufmerksame Mensch kann Tag für Tag beobachten, wie die kleinen und großen Geschöpfe bewußt und manchmal noch mehr unbewußt der Gegenstand unerhörtester Tierquälerei sind. Es ist einfache Menschen= und Christenpflicht, diesem Treiben entgegen zu treten. Viel hat in dieser Beziehung der Tierschutzverein geleistet. Aber noch sehr viel bleibt zu tun übrig. Jeder Christ hat die Pflicht der Barmherzigkeit, um Gottes willen, gegen die Tierwelt. Sie ist nicht gefühllos und ohne Schmerzempfindung. Der kleinste Wurm so gut, wie das größte Tier des Waldes empfindet den Schmerz. Die vernünftige Kreatur hat die Pflicht, der unvernünftigen den Fluch der Sünde zu erleichtern. Denn auch die Tierwelt ist ein Sozius des großen Zukunftsreiches unseres Gottes. Einst will auch der Herr mit den Tieren auf dem Felde Frieden schließen. Wohlan denn, so schließen auch wir Frieden mit der unvernünftigen Kreatur und erleichtern ihr den Fluch der Sünde, den sie durch uns tragen muß. Seien wir barmherzig gegen die Kreatur und teilen wir unser Mitgefühl mit den Leiden der Tierwelt, denn das gefällt Gott wohl. P. R. Briefkasten. L. Fulda. Für die Zusendung des„Ev. Vereinsboten“ mit der Bemerkung zu dem Bericht, der Halleschen Tagung besten Dank. Der Geist der„Arbeit“ und das Mittunwollen der„unerfahrenen jungen Arbeitersekretäre“ ärgert natürlich den Kreis der älteren und erfahrenen Akademiker. Es war nett und gemutlich auf den Delegiertentagen, seitdem Naumann, Franken und Stöcker durch eine Paragraph=Aenderung aus dem Ausschuß herausbugsiert wurden; und nun kommen die„unerfahrenen jungen Arbeiterführer“ und wollen mittun und mitreden. Und daß diese Proletarier auf einem Arbeiter=VereinsDelegiertentag in der derben ehrlichen Sprache der Arbeiter reden, das berührt zarter besaitete Akademiker nicht angenehm. Die Herren werden sich wohl oder übel an die Sprache der Arbeiterbewegung gewöhnen müssen. Wem die Sache der Arbeiter Herzenssache ist, dem werden Entgleisungen und Härten, die nun einmal Begleiterscheinungen der Massenbewegung sind, nicht zum„Zurückziehen“ veranlassen. Die Arbeiterbewegung ist der Arbeiter und nicht der Arbeiterfreunde wegen da. Die„endlosen öden“(2) Debatten waren eine Folge des Fehlens einer brauchbaren Geschäftsordnung und es fehlt noch viel mehr als nur eine Geschäftsordnung. Die Reformen werden kommen. Unserer Auffassung nach ist in Halle keine„kostbare Zeit vergeudet.“ Die zeitweilig heftigen Debatten waren für die Arbeiterbewegung viel wichtiger als Dutzende von schön abgewogenen Entschließungen. Uebrigens sind die Delegirtentage nicht dazu da, um die Pfingstferien angenehm auszufüllen. Also wir beherzigen, was auf Seite 103 des„Ev. Vereinsbl. steht und lesen Sie bitte mit Erfolg die„Arbeit“. Sonst aber besten Gruß und nichts für ungut. den evang. Arbeitervereinen. Nationale Arbeitervereine und Herr Dr. Stresemann. In Arbeiterkreisen ist es längst bekannt, daß die liberalen Parteien zu den eifrigsten Gönnern der„nationalen Arbeitervereine“ und Förderern der„gelben Gewerkschaften“ gehören. Auf dem Kongreß des Nationalvereins für das liberale Deutschland, der in München tagte, war es besonders Herr Dr. Dirr, der die„freundliche Haltung“ der Augsburger Liberalen gegenüber den„Gelben“ verteidigte. Eine gleiche Schützerrolle nimmt Herr Dr. Stresemann in Sachsen ein. Von dort wird gemeldet: Auf der kürzlich in Dresden stattgehabten Generalversammlung des Verbandes sächsischer Industrieller hat dessen Syndikus, der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Dr. Stresemann empfohlen, allenthalben und in allen Orten die Gründung nationaler Arbeitervereine energisch in die Hand zu nehmen und zu fördern, wobei der Verband der sächsischen Industriellen tatkräftig der Gesellschaft zur Seite stehen werde. 10 Nr. 29 „Die Arbeit“ In Werdau und Crimmitschau seien bereits die besten Resultate erzielt worden, auch in der Lausitz sei man mit Erfolg tätig. Dem„Berl. Tagebl.“ fällt dieser Eifer der Nationalliberalen in der Organisation von Streikbrechervereinigungen unangenehm auf.„Es ist bedauerlich“, schreibt es,„daß Herr Stresemann sich gerade zu dieser„Arbeiterbewegung" bekennen mußte, die den gewerkschaftlichen Organisationen nur von den reaktionärsten Unternehmergruppen als Knüppel zwischen die Beine geworfen worden ist; und es ist erstaunlich, daß ein solcher Mann im Reichstage in den Reihen einer Partei sitzen darf, die das Wort „liberal“ in ihrem Namen führt.“ Noch viel bedauerlicher finden wir es, daß derselbe Herr Dr. Stresemann berufen war, auf dem Delegiertentage der evangelischen Arbeitervereine in Halle ein Referat zu halten. Derselbe Herr Dr. Stresemann, der als Protektor der „nationalen“ Arbeitervereine bekannt war, jener Vereine, die im Interesse der christlich-nationalen Arbeiterbewegung in Halle einstimmig bekämpft wurden. Die in Halle anwesenden christlichen Gewerkschaftler, die einigen Akademikern etwas auf die Nerven gefallen sind, hätten sicher den Saal demonstrativ verlassen, wäre ihnen die Stellungnahme des Herrn Dr. Stresemann zu den „Gelben“ bekannt gewesen. Das Kreisverbandsfest der evangelischen Arbeitervereine Witten=Hagen, das Sonntag in Hagen gefeiert wurde, nahm einen erhebenden Verlauf. In dem am Vormittag in der Lutherkirche abgehaltenen Festgottesdienst predigte Pastor Wolff=Witten. Nachmittags versammelten sich die hiesigen Mitglieder des Evangelischen Valksvereins mit den auswärtigen Vereinen(Annen, Boele, Haspe, Herdecke, Wetter, Witten, Volmarstein) auf dem Neumarkt, um in einem Festzuge, dessen Stärke hervorgehoben zu werden verdient, zum Festlokal Kaisergarten=Eckesey zu marschieren. Die eigentliche Feier eröffnete Pastor Ravenschlag=Herdecke mit einer kernigen Begrüßungsansprache. Die Grüße der Evangel. Kirchengemeinde Hagen brachte Paftor Dreisbach, der in beredten Ausführungen auf die hohe Bedeutung der Arbeit der evangelischen Arbeitervereine hinwies. DieFestrede hielt der Verbandssekretär Knebel=Elberfeld, dessen Ausführungen den lebhaftesten Beifall der zahlreich aufmerksam lauschenden Zuhörer fanden.— Das Kaiserhoch brachte Hilfsprediger Berkenkamp aus. Die Pausen wurden ausgefüllt von Posaunen= und Gesangvorträgen. Ganz zum Schluß bekam die zahlreiche Versammlung durch das Erscheinen des zufällig hier anwesenden Reichstagsabgeordneten Herrn Liebermann von Sonnenberg noch eine annehme Ueberraschung, der eine begeisterte, von wahrhafter Beifallsstürmen begleitete Rede auf das Vaterland und die Einigkeit und Stärke des deutschen Volkes hielt. Nach dieser Rede sammelten sich die Hagener Vereine zu einem Fackelzug, der am Neumarkt durch ein kräftiges Hoch auf Kaiser und Reich sein Ende fand. Verband der Evangelischen Arbeitervereine Berlin und Amgegend. Geschäftsstelle: Berlin N. 39, Sellerstr. 2. Geschäftsstunden: Mittags 12-1 u. abends 5-8 Uhr. Sonntags geschlossen. Eine Bitte an die Berliner Freunde. In unserem Archiv fehlt uns das vollständige Material aus der Geschichte des Verbandes evangelischer Arbeiter=Vereine Berlins und Umgegend. Wir bitten die Berliner Freunde um Zusendung eines vonständigen Jahrganges oder einzelner Nummern des Vereinsbezw. Verbands=Organs seit der Gründung. In Frage kommen also folgende Blätter: a.„Der Evangelische Arbeiterverein", b.„Evangelisches Arbeiterblatt", c.„Die Arbeit"(bis 1. April 1907). Ferner erbitten wir einige alte Statuten, Flugblätter ec. sowie Berichte, die in Tageszeitungen über den Verband bezw. seinen Versammlungen erschienen sind. Im Voraus Dank. Evangelische Gefchäftsstelle für soziale Arbeit, gez. Franz Behrens. Verein Zentrum. Am 6. Juli hielt Herr Stransfeld einen sehr anregenden Vortrag über:„Die Verkehrsentwicklung Deutschlands von 1800=1900.— Es besteht der lebhafte Wunsch, unserem Verein eine Frauenabteilung anzugliedern. Die hierzu erforderlichen Schritte sind bereits eingeleitet. Da ein tüchtiger Dirigent vorhanden ist, könnte, wenn genügend Sänger und Sängerinnen sich melden, eine Gesangsabteilung ins Leben treten.— In der nächsten Mit gliederversammlung am 6. August wird Fräulein Nagel einen Vortrag halten über:„Die Heimarbeit und ihre Reformen. Evgl. Arbeiterverein„Berlin=Moabit". Am 21. Juli findet Vorstandssitzung im Schultheiß=Ausschank, Salzwedelerstraße 7, statt. Dringende Tagesordnung. Das Erscheinen sämtlicher Vorstandsmitglieder ist dringend erforderlich.— Am Sonntag, den 16. August veranstaltet der Evgl, Männer= und Jünglingsverein eine Dampferpartie nach Potsdam, Rundfahrt auf den Havelseen u. zurück nachGatow, Gasthof zur Linde. Abfahrt 7½ Uhr: Bellevue,„Stern“Dampfer=Anlegestelle(Kaffee Gärtner). Reichhaltiges Tagesprogramm. Alle Kameraden mit Angehörigen sind hierzu herzlichst eingeladen. Teilnehmerkarten für Erwachsene 1 Mark, Kinder 50 Pfg. sind beim Unterzeichneten zu haben. Hans Fahrenhorst, Wiclefstr. 16, Laden. Verein Westen. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß die nächste Versammlung unseres Verein am Dienstag, den 4. August, abends 8½ Uhr im Vereinslokale„An der Apostelkirche 14“ stattfindet. Tagesordnung wird in der nächsten Nummer bekannt gegeben werden. Die werten Mitglieder werden schon heute gebeten, sich diesen Aben reservieren zu wollen. Der Vorstand. Verein Norden 1. Sonntag, den 19. Juli: Familienausflug nach der Jungfernheide. Trefspunkt 3 Uhr im Restaurant Waldkater(Teglerweg). Daselbst Kaffeekochen; dann spielen im Walde für Jung und Alt. Die werten Mitglieder werden ebenso dringend wie herzlich gebeten sich am Familienausflug recht zahlreich zu beteiligen. Ferd. Knoll. Verein Tegel. Den werten Mitgliedern zur Kenntnis, daß unsere nächste Versammlung ausnahmsweise in diesem Monat, am Samstag, den 25. Juli, abends 8 Uhr im Vereinslokal„Restaurant Hermes“, Tegel, Schönebergerstr. 15, stattfindet. Das Erscheinen aller Mitglieder ist dringend erforderlich. Aschendorf, Vorsitzender. Verein Leichenträger. Leider war der Besuch unserer Quartalsversammlung ein recht schwacher. Einige Charlottenburger Kollegen aus der Luisen= und Trinitatis=Gemeinde waren als Gäste erschienen und wurden vom 2. Vorsitzenden, Herrn Meßner, herzlich willkommen geheißen. Da der 1. Vorsitzende verhindert war, der Sitzung beizuwohnen, so konnte auch die Tagesordnung nicht programmmäßig erledigt werden. Die Tagesordnung der AugustVersammlung erscheint in der nächsten Nummer. Richert, Schriftführer. Druck u. Verlag:„Duisburger Zeitung", Duisburg. Verantwortlicher Redakteur: A. Kabisch, Essen. Redaktionsadresse ist„Evangl. Geschäftsstelle für soz. Arbeit". Essen=Ruhr. Dreilindenstraße 55. Nr. 29 „Die Arbeit“ 11 Dortmund. Am 1. Oktober 1908 beginnen die neuen Lehrkurse. Abteiluna I: Höhere Maschinenbauschule f2r Maschinenund Elektrotechniker. Zweijähriger Kursus. Jährliches Schulgeld 150 Mark. 20 Abteilnna II: Maschinenbauschule für künftige Betriebsbeamte, Zeichner und Gewerbetreibende. Zweijähriger Kursus. Jährliches Schulgeld 60 mit Aufnahmebedingungen und Berechtigungen der Anstalt kostenfrei durch Die Direktion. Waldesruh Christliches Frholungsheim = Schieder bei Pyrmont, Teutoburgerwald.= Herrlicher Landaufenthalt, bietet Erholungsbedürftigen und Alleinstehenden freundliche Aufnahme und Pflege, Preis Mark 3.— und Mark 3.25. = Licht= und Luftbäder rei. Bad Bertrich Central-Hotel zur Post. Durch Neubau— Vestfälisch. Hof und Vi.la Johann— bedeutend vergrössert und der Neuzeit entsprechend eingerichtet. Prospekte stehen zu Diensten. JJ. Johann, Besitzer. 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Hochachtungsvoll Fritz Reuter.