n Bilder aus der westdeutschen Landwirtschaft Nummer 8 Krefeld, den 3. März 1923 4. Jahrgang Heimkehr. Novelle von Hans Anton Schütt *Tönnies Geert scheute sich beinahe, jetzt noch zu dem letzten seiner Jugendfreunde zu gehen, von dem der Totengräber gemeint:„He is'n beten biesterig worn, de ol Klas." Würde ihm nicht da auch kauter Enttäuschung und Leid zuteil werden? Klas sägte mit seiner Frau Holz, als der alte Tönnies auf den Hofplatz trat.„Süh dor, de Veehkerl,“ rief er dem Ankommenden entgegen. „kümmst to lat, ick verköp de Sög ni mehr. Se is weer heel krall to Been." Die Frau stieß ihn an:„Mak doch din Oogen grot, Minsch, dat is ja'n Frömden." Klas besann sich rasch auf seinen Jugendfreund, als sich Tönnies bekannt machte. Er nötigte ihn in die Stube. Klas lebte schon auf Altenteil. Sein Sohn besaß den Hof. „Ick heff all sowat munkeln hört von'n Amerikaner. Vör'n Stunns Tied philister min Söhn sin Frau hier rüm un snack darvon. Ick wull't ni glöben. Se harr ok wat anners hier to bedrieben.“ „Wat schull dat wol ween hem? Büist wol ni klok, Mann,“ warf die Frau dazwischen. Klas machte Tönnies heimlich ein Zeichen,„Ick weet. wat ick weet," sollte es bedeuten. Als die Frau für kurze Zeit die Stube verlassen hatte. rückte Klas nahe an seinen Jugendfreund heran. Seine Augen bekamen einen scheuen, unstäten Ausdruck:„Se wüllt mi ünner de Eer hemm,“ flüsterte er, angstvoll nach der Tür blickend. Tönnies wollte ihn beruhigen.„Ick weet, wat ick weet," beharrte Klas.„Se stäkt alltohopen ünner een Dek. Ick lew ehr to lang. Dat hett'n nu von sien Kinner. Ehr is dat beten Affnehm toveel, wat ick krieg... Dor vergeiht keen Nach, dat se ni an de Dör togang sünd un versökt, ehr lostomaken. Aber ick paß up. Blos vör'n paar Nachen, dar weern se mi na Kök rinkamen, dar slep ick to fast. Mit'n Mal wak ick up. In'e Kök harr sick wat rögt. Ick ut' Bett un kunn noch eben min Söhn ut de Blangdör rutwitschen sehn. Weest, wat he dar dahn harr? In'e Spieskammer weer he ween un harr allns: Kantüffeln, Brot, Stipp un wat dar noch so stünn— allns harr he mit'n witt Pulver ö berstreit. Ick kenn den Kram glieks, dat weer Rottengiff. Ja, Tönnies, dat is ni anners, se wüllt mi an'e Siet hem. De ganze Week heff ick nicks to Hus eten. Dröben bi Hinnerk Schoster in'e Kat hem se mi wat geben.“ Tönnies dachte, während er diesen irren Worten lauschte, an seine Knabenzeit. Da hatten die drei: Klas, Detlef Kock (Schluß.) und er einmal über die Zukunft klug geschnackt.„Lang schinner ick mi ni mit de Bueri aff,“ hatte der altkluge Klas damals gemeint,„ick gah bald up Afscheed. Denn schall't Leben irst recht losgahn. De meist Tied gah ick up Jagd." Wenn mi de Kopp ni mehr danah steiht, stäk ick mi'n Piep an, pedd mi in’t Dörp un snack'n Mundvoll, oder sünst sett ick mi in'ckrog un lat mi wat Nees vertell'n.“ Und nun saß der alte Klas auf Altenteil und fürchtete sich, von Hirngespinsten umgarnt, vor dem Gift des eigenen Sohnes. Tönnies brachte das Gespräch auf andere Dinge. Er fing von alten Zeiten an. Jetzt redete Klas wieder vernünftig.„Jaja Tönnies," meinte er im Laufe des Gesprächs,„„wi paar sünd noch na von se all. Ick denk oftins so: De lütte Stine Jeß— se hett mit uns na Schol gahn,— de hett am klöksten dahn." Tönnies horchte erschrocken auf.„Wat hett se denn dahn, Klas?" Wat schull se? Ehr lütt Hofstäd harrn ehr düs Banditen — Jan Dau hört ok darto— so na un na afflust. Aber dat weer jüm ni noch. Se müssen ehr irst noch na't Armenhus rin hem. Dar hett se dat ni lang utholen, Stine, mank dat Prachervolk. Se hett sick eenes goden Dags an't Fensterkrüz uphangt. Nu liggt se up'n Karkhoff, weest Du, dar in'e Plünneck, wonehm all de ingrawt ward, de de Tied ni afftöben kunn'. Wat se klok dahn hett, de lütt Stine, mutt-ick jümmers denken; nu hett se. Freeden.“ Tönnies Geert schritt wieder die Dorfstraße hin. Wie ein Fanstschlag hatte ihn die Kunde von Stines Schicksal getroffen. Ein dumpfer Druck behemmte sein Denken. Kaum war ihm bewußt, wohin der Weg ihn führte. Nur einmal blieb er stehen. Alte Erinnerungen berührten ihn mit Macht. Vor ihm lag das Haus, in dem er seine Jugendtage gelebt, dessen Bild all die Jahre in der Fremde seinem Innern nicht zu entreißen vermocht hatten. Nun aber strömte ihm ein Gefühl kalter Fremdheit von dem alten Haus her entgegen. Aehnlich war ihm zu Sinn gewesen, als er seine alten Freunde Detlef Kock und Klas wiedersah. Wo war die Scheune, auf deren Dach die Störche geklappert hatten? und auch von den Linden vorm Wohnhaus sah man nur noch die Stümpfe. Ihm war, als lächele das alte Haus ihm wehmütig zu, als spräche es leise:„Sieh, Tönnies, das haben die Fremden aus mir gemacht.“ Und wie die Verköperung dieses neuen Geistes stürzte ein großer Hund mit drohendem Gebell auf den Alten ein und jagte ihn fort wie einen Landstreicher. AS Du follst an Deutschlands Zukunft glauben, An deines Volkes Auferstehen, Laß diesen Glauben dir nicht rauben allem, allem, was geschehen. Und handeln sollst du, als hinge Von dir uud deinem Tun allein Das Schicksal ab der deutschen Dinge, Und die Verantwortung wird dein! e 18 Phr. den Seite 58 Tönnies sah im Weitergehen kaum auf, wenn ihm zuweilen einer der Dorfleute=begegnete. Es waren ja doch lauter fremde Gesichtszüge, in die er schaute. Nur einer Schar dürrer Blätter, die im Wind wie mit tastenden Füßen über den Boden eilten, blickte er lange nach.„So treibe auch ich hin,“ dachte er,„ohne Halt, ohne Heimat. Wer weiß, wohin mich der Schicksalswind verweht?“ Schwer und grau wie die Wolken den Himmel verhängt hatten, verdunkelte Leid des Alten Sinn. Glich nicht eigentlich sein ganzes Leben, all die Jahre der Arbeit drüben, glichen sie nicht diesem müden Nebeltag? Und doch hatte früher hinter dem Grau eine tröstliche Sonne gewartet und die Wolkenmassen zerteilt: die Heimat!— Schon längst war der Alte von der Dorfftraße abgekommen. Zwei junge Leute kamen ihm entgegen. Sie mochten vom Rübenhacken zurückkehren. Neugierig gafften sie den Fremden an. „Wat biestert de oll Vadder hier denn rüm. Keen schull dat ween?“ hörte Tönnies hinter seinem Rücken. „Ick kenn em ni; dat weer’n Frömden.“ Tönnies lächelte bitter. Ja, sie sprachen die Wahrheit, ein Fremder war er seiner Heimat geworden. Was konnten die paar Alten ihm noch sein wie Detlef Kock und Klas? Und sie, Stine Jeß, von der er gehofft, daß sie seinen sinkenden Lebenstag mit letztem Licht durchwärmen sollte, war verdorben und gestorben... Noch gellte dem alten Tönnies das höhnende Lachen in den Ohren, das er zu hören geglaubt, gestern, als er am großen Stein stand. Frieden wollte er in der Heimat finden? Er fand ihn nirgends, nicht in der großen Welt und nicht im abseitigen Dorf. Dunkel lag die Dorfstraße. Der Wind entblößte den Himmel, sodaß die Sterne hinter Wolkenfetzen hervorblinkten. Zwei Kinder standen und blickten scheu zum Giebel des Gasthauses hinauf. „Kiek, dar is Lich in'e Franspies!“ „Lat uns gau na Hus! Ick glöw, dat spökelt dar baben.“ „Töw noch’n beten. Nu kiek doch blots den swarten Schatten, de öber den Finstervörhang henlang löpt... Noch ümmer... Nu is he weg." „Kumm, dat weer’n Gespenst!“ „Nu kümmt de Schatten weer. Kiek,'n süht den Kopp mit de Näs ganz dütlich... De Rüch hölt he'n beten krumm un de Bart „Ick bün bang... Ick lop weg... Willm=Ohm seggt, sowat bedüht'n Doden int Hus... Kumm mit, gaul“— Tönnies Geert hatte lange im Dunkeln gesessen und gegrübelt, ehe er aufstand und das Licht entzündete. Er schritt jetzt im Zimmer auf und ab. Wenn er am Fenster vorbeikam, glitt sein Schatten über den Vorhang hin. Auf und ab schritt Tönnies Geert mit gebeugtem Rücken. In ihm taumelten ratlose Gedanken. Was nun? Sollte er hier in seinem Heimatdorf bleiben, wo ihn überall die Fremde anstarrte? Oder sollte er seinen Lebensabend sonst irgendwo hindämmern, in der Kreisstadt etwa, die ein paar Stunden entfernt lag? Nein, tiefe Scheu stand dagegen in ihm auf. Ihm war, als stieße die Heimak ihn von sich, als kehrte sie ihm den Rücken. Was fuchst Du noch hier, zu den Lebenden gehörst Du nicht mehr, geh zu den Toten. Ihm blieb nur noch, sich einzuschiffen' nach dem fernen Land, wo der Lärm riesenhafter Städte brüllte, oder die Prärie totenhaft hingestreckt lag. Grauen ergriff Tönnies Geerk, wenn er daran dachte... Jäh mußte sich der Alte setzen. Ihm war, als spränge ein unheimliches Wesen ihm katzenhaft schnell auf die Brust und umklammerte ihn mit Polypenarmen, sodaß ihm der Atem still stand. Ein Strick legte sich ihm schnürend um den Hals. Wie Messerstiche spürke er Schmerzen auf Bruft und Rücken. Schweiß entquoll allen Poren. Tönnies Geert kannte diese Anfälle. Schon drüben und auf der Reise hatten sie ihn gequält. Reglos saß er eine Weile; dann fühlte er, wie sich die schlingenden Arme lösten, der Atem setzte wieder ein, die Pulse mäßigten ihre Hast, das spukhafte Untier ließ von ihm ab. Der Arzt hatte ihn vor diesen Anfällen gewarnt, sie dürften nicht zu häufig kommen. Seltsam, immer hatten diese Qualen ihr Schreckhaftes verloren, wenn Tönnies Geert dabei an sein Heimatdorf zurückdachte. Er träumte dann davon, daß Stine an seinem Lager stehen und ihm die Hand halten würde, wenn das Unwesen ihm schließlich einmal allen Atem auspreßte. Und jäh dachte Tönnies daran, was Klas von Stine gesagt hatte:„Wat se klok dahn hett, Stine, nu hett se Freeden.“ Es war ein schwerer Weg, den Stine gegangen, und nicht viele vermochten den Riegel aufzulösen, der das Tor an seinem Ende versperrte, aber dahinter lag ein Land, friederfüllt. Tönnies überschaute den Teil des Pfades, der noch vor ihm lag. Kurz nur war die Strecke. Leid hockte überall am Wege. Dornen quälten seine Füße. Wer wollte es ihm verargen, wenn er in einen dunklen Seitenpfad abbog, der rascher ans Ziel führte? Noch einmal stand all das vor Tönnies auf, was ihm die Heimat an Enttäuschung und Leid gebracht. Müdigkeit legte sich ihm lastend auf die Schultern. „Ick mag ni mehr daröber ween.“ Nun vermochte Tönnies diese Worte erst recht zu durchfühlen. Ihm blieb nichts übrig als das Letzte: Er mußte Stines Weg gehen... Es drängte den alten Tönnies nach einem Menschen, einem Trost in seiner Verlassenheit. Er trat ans Fenster und schob den Vorhang zurück. Die letzten Wolken schlichen still beiseite. Milde Sterne blinkten aus gütigen Augen auf den Alten nieder, und auch in ihm schimmerten Sterne des Friedens trostreich auf. Als im Hause Stille herrschke, stieg der Alte leise die Treppe hinunter und trat hinaus. Mondschein zeigte ihm den Weg zum Kirchhof. Er wollte Stines Grab aufsuchen. Tönnies fand den Platz bald, an dem man die Lebensmüde eingescharrt. Nicht weit davon moderten nöch immer auf einem Haufen dürre Kränze. Dahinter standen die hohen Linden. Jähe Ergriffenheit zwang den alten Tönnies in die Knie. Alles Leid, mit dem ihn dieser Tag erfüllt, wallte über in seinem Innern. Leise strichen seine Finger über die Erde, über das Holzkreuz, und hier in der Kirchhofsecke, wo die Verfemten ruhten, war ihm zum ersten Mal zu Sinn wie einem, der zu lieben Menschen heimgekehrt ist. Mühsam entwand er sich dem Bann der Heimaterde und schritt den Linden entgegen. Mit winkenden Zweigen riefen sie ihn zu sich:„Komm, alter Wändersmann, kehr heim!“ Frühmorgens ging Thees Holdt über den Kirchhof. Er mußte an Tönnies denken. Ein Eigener war der schon immer gewesen. Voll Ehrgeiz hatte er gesteckt in der Schule früher, und es war ihm auch gelungen, Sieger zu bleiben im Wettkampf um den ersten Platz, obgleich Thees ihm hart auf den Fersen saß. Ein Eigener war er als Jungkerl. Bei jedem Anlaß steckte er sich rot an, schwoll ihm die Ader dick auf der Stirn. Es paßte zu ihm, daß er jetzt noch als alter Mann nach Heidrehm zurückkehrte. Thees hob ein paar vertrocknete Kränze auf. Er wollte sie zu den andern werfen. Dabei mußte er an den Linden vorbei. Seine Augen weiteten sich, wurden starr. Entsetzen griff nach ihm mit eisigen Fingern. Zitternd wandte er sich von dem Anblick ab, der sich ihm bot, und taumelte den Weg zurück. Man barg Tönnies bald.. Der Tote wurde ins Armenhaus geschafft. In der Giebelstube der Gastwirtschaft fand die Dienstmagd morgens einen Zettel bei anderen Papieren. „Ick much ni mehr daröber ween,“ stand darauf geschrieben.— Nicht weit von Stines Grab scharrte man den alten Tönnies ein. Der Tokengräber blieb dort auf seinen Gängen über den Kirchhof oft kopfschüttelnd stehen:„Sunnerbar.“ sagte er dann wohl leise vor sich hin,„sunnerbar...“ Die hohen Linden an der Mauer aber rauschten ihr altes Lied vom Frieden. Sprache und Seele. Wenn fiegestrunken der sauchzende Morgen Sich goldenen Lorbeer windet um's Haupt, Dann weint die Nacht viel stumme Tränen, Da ihre Krone des Glanzes beraubt. Wenn redend und singend mit kühner Gebärde Den menschlichen Lippen das Wort sich entringt, Dann weint ein Sehnsuchtslied die Seele, Das wie aus diist'rem Kerker klingt. August Haas. Seite 50 Bilder aus Argentinien. (Schluß) Wir begleiten die Sorra zum Sammelplatz hin. Bald weitet sich der Weg zu einer Lichtung, auf der wohl an 100 behauener Stämme liegen. Eine Truppe von 10 großen Karren ist angekommen und schickt sich zum Laden an mittels einer in einer starken Baumgabel hängenden kleinen Winde für Handbetrieb. Die Karren sind hochgebaut, zweirädrig, gehen mit 6 Maultieren und schaffen das Holz zur 10 bis 30 Kilometer entfernten Station. Da hier in der Nähe ein Campamento=Lager ist, in dem meine Waldarbeiter ihre Unterkunft haben, ich selber auch noch einiges dort mit den Aufsehern besprechen muß, so reite ich dorthin... An einem kleinen Bach ist das Lager errichtet, primitiv genug mit ein paar eingerammten Pfählen, die das Wellblechdach tragen, etwas abseits eine Einfriedigung für die Arbeitsochsen, mehreren offenen Feuerstellen, von hungrigen Hunden umkreist, hier und da schwelende Laubhäufchen, deren starker Rauch die vielen Stechfliegen vertreiben soll. Papageien schaukeln sich in aufgehängten Faßreifen, an langen Drähten hängt das Trockenfleisch, das mit einer Hand voll Mais oder Reis gekocht, die Mahlzeit abgibt. So leben die Holzfäller mit der Familie. Nach und nach kommen sie jetzt von ihren Arbeitsstellen, der eine bringt ein Wild, das seine Hunde hetzten; wir setzen uns ein wenig auf die herumstehenden Holzblöcke, die Stühle, dieweil unsere Pferde sich ein wenig fremdes Hen zusammensuchen und die Sonne gebeglücklich ihr letztes Gold über die Wipfel streut. Der übliche grobe mate macht die Runde, die Arbeit des nächsten Tages wird besprochen, Termine bestimmt zum Abnehmen der Arbeiten von Holzbehauern, Rodeadoren, die alle pro Zentimeter arbeiten, neue Wege werden geplant, einer will wissen, was er noch von der letzten Woche zugut hat, den diesbezüglichen Zettel hat er irgendwo im Walde verloren oder— was wahrscheinlicher ist, er versteht nicht zu lesen, ein zweiter hat sich mit dem Messer am Fuß verletzt, auch ihm wird mit der Taschenapotheke geholfen, wieder ein anderer ist unzufrieden und will entlassen werden, um zu einem anderen wie gewöhnlich besseren„Patron“ zu gehen, jetzt fängt jener von seinen Ochsen an— ein beliebtes Thema, Scherzworte umflattern den Ernst der Gespräche und nach dem heißen Tag steigt die kühle Nacht hernieder, wir sagen unser höfliches bis morgen, reiten zurück, der Wohnung zu.——— Der Mond erhellt den Weg, die Pferde fänden ihn, auch im Dunkeln, ich spreche von Aussichten und Preisen des Holzgeschäfts, sie sind keineswegs die besten angesichts der Unterbietung durch das auch qualitativ hochwertigere Paraguay=Holz, welches dazu auf dem billigen Wasserweg zum großen Umschlags= und Verbrauchsplatz Buenos=Aires gelangt, während wir im hohen Norden uns des langen, viel kostspieligeren Eisenbahnweges bedienen müssen. Ein geringer Verdienst bleibt dem Eigentümer des Waldes nach Abzug aller Unkosten, als da sind Fällen, Behauen, Zusammenziehen in Rodiros, Fracht von da zur Eisenbahnstation, und ist er nur Pächter, auch Abzug des Waldnutzungsrechts, einer pro Zentimeter zu entrichtenden Gebühr. Bessere Geschäfte oder eigentlich die Geschäfte machen, wie überall, die Zwischenhändler, in unserem Falle die Holzaufkäufer, welche sich nur mit dem Verladen und Versandt beschäftigen. —— Wundersam reitet man durch die Nacht— die Bäume zittern und öffnen ihres Wesens Tiefe dem Gestirn und alle klagen sie an das harte Herz des Menschen, der mit seinem härtesten Stahl sie vernichtet, nun schon fünf Jahre lang, anstatt ein Freund zu sein; doch bald wird auch hier wieder Friede und Ruhe im Urwald wohnen, denn neue Bahnlinien erschließen neue Gebiete, deren unverbrauchtes Leben uns neuen Reichtum, neuen Segen schenkt. Die Worte versinken im Zauber der Nacht, der Lapacho öffnet seine Blijten und wir glauben uns in einem duftenden Märchenhaus und dieser süße Atemhauch erinnert an die Linde daheim. Damals—— war gerade so ein duftendes Blühen gewesen, als auf dem schmalen Bänkchen um den Lindenstamm der Knabe scheu der Mutter die ersten sehnsuchtheimlichen Wünsche nach der Fremde erzählte, und die Mutter hat leise gewehrt und vom Bleiben gesprochen und von der Heimat und wie man auch in ihr ein Diener der Menschheit sein kann———— Jahre sind gekommen und gegangen, trugen der Iugend lichte und des Krieges dunkelfarbene Gewänder und— der Lapacho öffnet seine Blüten und will die Linde meiner Heimat sein. Ein Lichtschimmer blitzt auf, die Hütte ist erreicht. Nun schnell zum einfachen, kräftigen Mahl, das ein Glas guten Weines aus der Provinz Mendoza würzt und dann noch im Handlaternenschein ein oder zwei Stündlein gerechnet, geschrieben, die Firma will ja pünktlich die genauen Listen haben über das abgenommene Holz, will Bericht über den Stand der Arbeit, Kostenvoranschläge für neue Wege, Wegausbesserungen, hat Fragen, Rückfragen und dergleichen mehr. Und dann ist mein Tag, mein Arbeitstag vorüber, der müde Körper gehorcht dem Geist nicht mehr und dann mag es wohl kommen, daß ein gesegnetes Gewöhnen mich hin zur Bank vor dem Hause führt, darauf zufriedenen Sinnes ich mich setze und wieder mein„Alto Verdi“, mein hohes Grün anschaue. In duftenden, schimmernden Schleiern webt und wiegt es sich im leisen Tanz zu einer gar feinen, zarten Melodie... Wo heute das grüne Urwaldmeer an die ewig schneegekrönten, wolkenumwobenen Kordilleren wogt, werden dereinst weiter Zuckerrohr=, Reis= und Baumwollkulturen, Fabriken, Naphtha= und Kohlenminen, das stählerne Netz der Eisenbahnen Tausenden und Abertausenden Brot und der Welt neue Güter geben... Der letzte Abend. Von Irmgard Der alte Baron sitzt zum letzten Mal an dem Schreibtisch, an dem die Männer seines Geschlechts seit vielen hundert Jahren gesessen haben! Zum letzten Mal sah er den Abend über die verwitterten Zinnen und Türmchen heraufziehen— das alles ist nun vorüber! Morgen schon geht der alte Sitz in fremde Hände über. Das Gut ist verkauft, an einen Ausländer verkauft, der nichts von den alten Zeiten und Familienbräuchen weiß. Der alte Baron fühlt selber, es war nicht recht, daß er sein Stammschleß nicht hielt— es hätte sich doch vielleicht noch ein Weg gefunden. Aber nun ist es nicht mehr zu ändern wozu noch grübeln. Er nimmt die alte Familienchronik zur Hand und blättert finnend in dem dicken Folianten. Das waren andere Zeiten — damals, als die Herren im Stahlpanzer auf breitrückigem Schlachtroß über die Haide ritten. Damals, als die Frauen still am Webstuhl saßen und den heimkehrenden Jägern den Waidtrunk reichten! Alter Glanz, alte Herrlichkeiten, die nun vor der neuen Zeit zu wertlosem Nichts zerflattern Spangenberg(Nachdruck verboten.) wollen! Und dann später die zierlichen Damen des Rokoko — wie oft mochten ihre leichten Schritte durch diese Hallen und getäfelten Räume geklungen haben— wie oft hat der hohe Wandspiegel aus Venedig, das Geschenk irgend eines Kardinals, wohl die weißgepuderten Perücken, die koketten Köpfchen einer seiner Ahnherrinen gesehen? Alles vorbei! Zu Ende. Der alte Herr seufzt schwer und immer tiefer neigt sich sein graues Haupt wie schuldbeladen vor der alten Zeit. Was hat er gekan! Um fremdes Geld ein heiliges Stück deutscher Geschichte verkauft! Wie würde er vor den Alten seines Stammes dastehen— Verräter ist er und nicht wert, als einer seines Geschlechts geboren zu sein! Es ist ein eisiger Herbstabend. Einer von den Abenden, die wie schwere Last über Welt und Menschen hängen, die von Seufzern leben und von schlaflosen Nächten träumen. Der Sturm heult um das alte Schloß und schlägt den Regen, halb mit Schnee und Hagel vermischt, gegen die Schei 3 Uhr, denden jüber. Seite 60 ben. Irgendwo klappert eine Dachrinne— knirscht eine Wetterfahne— ein gleichmäßig quälendes Nachtgeräusch. Im Schloß ist längst alles zur Ruh. Er ist der einzige, der wacht. Er und seine Dogge, die vor ihm unter dem Schreibtisch liegt. „Luri— was spitzt du die Öhren? Es kommt keiner in dieser Nacht!“ Da holt die alte Turmuhr zum Schlage aus— Mitternacht. Lange vorher knurrt und surrt es im verrosteten Schlagwerk.— Die alte Uhr hielt treuer zum Geschlecht als er! Mitternacht. Er lachelt ein wenig spöttisch. Die Geisterstunde! Aber er schauert doch zusammen— es knistert so unheimlich im Gebälk. Er blättert hastig weiter. Die Schloßbewohner um 1766. Die Heirat der Ita Galanta. Der Zwist der Brüder Yohst und Gesche. Dann 1793.— Die große Dogge schlägt an.„Ruhe— Luri— hast du Furcht, mein Tier?“ Aber der Hund sträubt das Rückenfell— knurrt— starrt mit herausstehenden Augen zur Tür— Der alte Herr folgt seinem Blick— bei Gott! Was ist das? Im Rahmen der wurmstichigen Eichentür steht ein Ritter im Harnisch und neigt sich hochmütig. Der Baron fährt auf. „Was willst du?" Der Ritter sieht ihn fest an—— „Willst du einer meines Stammes sein— und verkaufst das Stück Land, allwo deine Wurzeln sind?" Der Baron zuckt zusammen. „Ich mußte— verkaufen! Was wißt Ihr von der Not der neuen Zeit?" „Neue Zeit— oder alte Zeit! Dein Name bleibt derselbe! Und dein Blut— und wir, deine Ahnen!“ Der Baron seufzt. „Was sind Ahnen— Name und Blutl„Keinen Pfifferling wert! Und die Not quält!“ Der Ritter droht mit der eisengepanzerten Faust. „Was da spricht, bist du ja garnicht selber— das ist der Geist deiner Zeit!" „Was wollt Ihr denn?“ „Was wir wollen? Frag lieber, was du uns angetan hast!“ Der alte Baron sieht auf. Der Ritter ist nicht mehr allein— es drängt und schiebt um ihn herum— da sind sie alle— die Ritterdamen— die Rokokoherren— mit gepuderten Perrücken mit Krinolinen und der Tracht der Freiheitskriege— alle— alle. Der alte Herr ächzt. „Was wollt Ihr?“ Es lacht und höhnt— es grollt, wettert— spottet geistreich— das sind die vom Rokoko! „Was wir wollen? Hoho! Nur einen ansehen, der Narr genug ist, zu glauben, daß er ohne sein Stammschloß— ohne uns leben kann!“ „Ich tat Euch nichts— was geht Euch meine Sache an?“ „So? Nichts getan? Uns nichts getan? Holla! Nur nicht so geschwind! Wer nimmt uns den Boden, in dem unsere Gebeine ruh'n? Wer nimmt uns die Halle, die unsere Bilder trägt? Wer verjagt uns aus dem Schloß, wo wir uns mitternächtlich versammelten?" „Ja— ja— aber laßt mich in Ruhe! Ich kanns nicht ändern!" Aber sie weichen nicht. Sie umdrängen ihn mit heftigen Vorwürfen, sie quälen ihn mit Worten, von denen jedes wie ein Messerstich durch sein Herz fährt. Sie haben ja recht— weiß Gott— wie recht sie haben! Er war ein armseliger Narr— ein Verirrter seiner Zeit— angekrankt wie alle— aber nun ist es zu spät. Er faltet die blassen Hände und neigt das Haupt— mögen sie ihn tausendmal strafen— er schweigt— büßt— leidet— Der Sturm heult immer noch ums alte Schloß, die Rinne klappert immer noch— der alte Herr sitzt müde und starr. So sitzt er noch lange, nachdem die Turmuhr die erste Stunde ansagte— die Geister sind fort— aber der Regen schlägt nach wie vor ans Fenster. So sitzt er auch noch am Morgen, als der alte Diener ihn wecken will— aber er erwacht nicht mehr. Das wenigstens hat das Schicksal ihm erspart, daß er wie ein Ausgewiesener seinen uralten Stammsitz verlassen muß. Der Sturm heult noch immer ums Schloß— die Wetterfahne kreischt noch— und die kalte, gelbe Sonne blinkt träge in die Halle— aber der Baron ist tot. Und das ist gut, murmelt der alte Diener— aber von den Geistern der Nacht weiß er nichts! Trug= Erzählung aus dem 17. Jahrhundert von Rudolf Baumbach. (14. Fortsetzung.) Elftes Kapitel. Jakob, der Unglücksrabe. „Hör', Else“, sagte Herr Thomasius, ehe er nach Ammerstadt fuhr,„Du bist heute die Hausfrau. Halte dich an die Hanne und gehe dem Subjekt aus dem Wege. Hast Du mich verstanden? — Er wird uns ohnehin demnächst verlassen— Du versteht mich schon. Er selbst hat mich gebeten, ihm ein anderes Unterkommen zu suchen, und ich werde tun, was ich kann. Während meiner Abwesenheit könnte es ihm einfallen, Abschied von Dir nehmen zu wollen. Du verstehst mich schon— und darum ist es besser, wenn Du ihn heute vermeidest. Er ist ein braver Junge, aber— Du verstehst mich schon— es ist besser so. Verstanden?“ Else hatte von dem Allen nur das verstanden, daß Fritz ihr väterliches Haus verlassen wollte, und das war genug, um ihr für ein paar Augenblicke den Kopf schwindeln zu machen. Herr Thomasius streichelte sein schönes Kind über den blonden Kopf und fuhr ab. Else hörte nicht das Rollen der Räder, sie sah nicht, daß der Vater ihr nochmals zunickte und mit der Hand winkte. Er geht fort! der Gedanke lag ihr bleischwer auf dem Gehirn. Seit jenem Frühlingstag, wo ihr Fritz seine Lebensgeschichte erzählt hatte, war Else noch nicht wieder allein mit ihm zusammengetroffen. Es kam die Zeit, wo Fritz tagelang, nächtelang in dem geheimen Laboratorium über dem großen Magisterium brütete. Dann wieder hatte ihn der Magister in Anspruch genommen, so daß ihn Else nur selten zu Gesicht bekam. Nun war die Komödie abgespielt, nun, hatte sie gehofft, werde Fritz Hederich wieder zugänglich sein, da mußte sie vernehmen, daß er scheiden wolle. Welche Qualen hatte Else in der letzten Zeit ausgestanden. Das Erscheinen des Magisters hatte damals, als sie mit Fritz unter dem Hollunderbaum gesessen, das Geständnis, welches Beide auf den Lippen hatten, nur zur Hälfte laut werden lassen. Wie hatte sie an den folgenden Tagen, wenn Fritz ihr bei Tisch gegenüber saß, sich zusammennehmen müssen, daß ihr Geheimnis nicht offenbar werde! Wie hatte sie auf eine Stunde gepaßt, die sie mit dem zusammenführe, für welchen ihr junges Herz schlug! Ein Tag nach dem andern verging. Wohl lustwandelte Else oft im Garten, aber der, welcher sonst der Blumen wartete, kam nicht mehr! Er saß in dem Laboratorium, gebeugt über seinen Schmelztiegel, und auf den Beeten schoß lustig das Wegekraut empor. Wie oft hatte sie in der Ungeduld Blüten abgerissen und im Zorn mit dem kleinen Fuß auf den Kies gestampft, wenn sie vom Garten aus die trüben Rauchwolken aus dem Laboratorium aufsteigen sah. Sie wußte freilich nicht, um welchen Preis Fritz arbeitete. Dann kamen Tage, an welchen Fritz gar nicht sichtbar wurde, und wenn er Else zufälliger Weise begegnete, so schlug er die Augen nieder und ging an ihr vorüber. Dann ging Else wohl hinauf in ihre Kammer und weinte sich recht aus, und dann regte-sich der Stolz ein klein wenig in ihr, und sie dachte:„Du, des angesehensten Bürgers Tochter, weinst um den— den—“ Und wenn sie das gedacht hatte, so bat sie es ihm im Stillen wieder ab und tröstete sich mit dem Gedanken:„Er hat den Kopf voll, die Goldmacherei, die Komödie,— aber es wird schon die Zeit kommen, dann will ich ihm sagen, was er mir angetan hat, und wie lieb, wie lieb ich ihn habe. Aber vorher will ich ihn quälen, ein wenig nur, aber er soll's doch fühlen, denn er verdient's nicht besser.“ Und dann lächelte sie unter Tränen und trocknete sich ihr Gesicht und ging an ihre Geschäfte. Und nun endlich der gestrige Abend, als sie den Geliebten im vollen Glanz seiner Jugendschönheit von Hunderten bewundert und vom Fürsten hochgeehrt sah! Wie hatte ihr armes, kleines Herz geklopft und gezittert! Wie war sie bald errötet, bald erblichen, wenn seine dunklen Augen auf ihr ruhten!„Er liebt mich doch!“ hatte es in ihr gerufen. Und als die Zuschauer flüsternd ihre Bemerkungen über den Baccalaureus austauschten, als sie sah, wie die Augen aller Frauen und Mädchen, sogar die der hochmütigen Käthe an ihm hingen, da hätte sie laut in den Saal hinausrufen mögen:„Mir gehört er, mich liebt er, mein ist er!“ Als ihr de war ihr er sein werde. wagte es ke Freude hör in die Ber die Geleger kein Magishaben.“ schlafen u Garten un der Bank se dertmal in Hederich de eigener Wu Mit gese in die blau „Was tr Wieder „Warum flissentlich habe, aber sich in dem lüsterte ihr „Laß ihn ihm an den Dann al das einzige Sie bede „Fahr Ich habe et ling viel ta ihm die Kr mehr. Der Was hab' wird?“ So klagt starke Natur kein Unglüd niederschmet weinten Aus glas ihr He „Aber w sagte sie, Noch ein mit empor Zimmer. Fritz Hei Else nicht d falschen Frit Vorsatz nicht Hand voll nächsten Auf dem Fenster „Könnt Else,„ich ho „Ich kom „Jetzt we Sie hatt „Warum Als aber Augen aus ihrer Strenfort“ mit w Fritz Hed „ich habe ei — es war „Hat Eud etwas anget „Ach, der Euch entzwe O. der Zähne zusan Ich soll sein Jetzt hatt seiner Berech Die Falsche! brach in ein Dem Bac er,„hört au Euer Gehein send Eiden, Verspruch sag und binnen Es ist ehenso nur, Jungfer ngon von holz Rg Als ihr der Vater ankündigte, daß er zu verreisen beabsichtige, war ihr erster Gedanke der, daß sie einen Tag mit Fritz allein sein werde. Das Blut kreiste schneller in ihren Adern, aber sie wagte es kaum, sich zu gestehen, warum sie dies denke. Mit stiller Freude hörte sie den Entschluß des Magisters, eine Wanderung in die Berge unternehmen zu wollen.„Fritz“, dachte sie,„wird die Gelegenheit ergreifen und mich aufsuchen, und diesmal wird kein Magister uns stören, wenn wir uns sagen, wie lieb wir uns haben.“ Mit diesen Gedanten war die blonde Else eingeschlafen und die Träume hatten ihr den Hollunderbaum im Garten und die kleine Bank unter demselben gezeigt, und auf der Bank saßen Zwei, die hatten sich lieb und sagten sich's hundertmal in einem Atem. Nun teilte ihr der Vater mit, daß Fritz Hederich demnächst die Stadt verlassen werde, und daß dies sein eigener Wunsch sei. Mit gesenktem Haupt ging Else in ihre Kammer und starrte in die blaue Ferne hinaus. „Was treibt ihn fort? Was ist geschehen?“ Wieder fiel ihr sein Benehmen während der letzten Zeit ein. „Warum ward er plötzlich so scheu, warum ist er mir geflissentlich aus dem Wege gegangen?“ Sie sann und sann, ob sie ihn vielleicht unbewußt verletzt habe, aber es wollte ihr nichts einfallen. Und abermals regte sich in dem schönen Patrizierkinde der Dämon des Stolzes und lüsterte ihr böse Worte zu: „Laß ihn fahren, den Abenteurer! Du hast's nicht nötig, Dich ihm an den Hals zu werfen!“ Dann aber stand ihr des Jünglings Wohlgestalt wieder vor Augen, und sie vermeinte, seine Stimme zu hören, wie er leise das einzige Wort„Else“ flüsterte. Sie bedeckte die Augen mit den Händen und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen müssen. „Fahr' hin, du Frühlingstraum, fahr' hin, du meine Freude! Ich habe einen kleinen Mandelbaum gehabt, der trug im Frühling viel tausend rötliche Blüten. Da kam der Sturm, der brach ihm die Krone ab, und seit der Zeit trieb er keine Knospen mehr. Der junge Baum bin ich. Warum muß ich das erleiden? Was hab' ich denn getan, daß mir mein junges Leben zerstört wird?“ So klagte Else. Aber sie klagte nicht lange. Sie besaß die starke Natur ihres Vaters, des alten Thomasius, der sich durch kein Unglück, selbst wenn es seine Kolben und Tiegel betraf, niederschmettern ließ. Sie richtete sich auf, kühlte ihre rotgeweinten Augen mit Wasser und glättete vor dem kleinen Spiegelglas ihr Haar. „Aber wissen will ich, warum er unser Haus verlassen will,“ sagte sie,„ich will ihn selbst fragen, er soll mir Rede stehen.“ Noch einen Blick warf sie in den Spiegel und ging dann mit emporgehobenem Haupt raschen Schrittes aus ihrem Zimmer. Fritz Hederich saß in dem Laboratorium. Da hinein konnte Else nicht dringen, das wußte sie wohl, sie beschloß deshalb, den falschen Fritz in den Garten zu zitieren. Schnell, damit sie ihr Vorsatz nicht gereuen möge, betrat sie den Garten und warf eine Hand voll Sand gegen das Fenster des Laboratoriums. Im nächsten Augenblick erschien der Kopf des Herrn Subjekt an dem Fenster. „Könnt Ihr nicht einen Augenblick herauskommen?“ fragte Else,„ich habe etwas mit Euch zu reden.“ „Ich komme,“ sagte Fritz und verschwand von dem Fenster. „Jetzt werden wir sehen,“ murmelte Else. Sie hatte die Hände auf den Rücken zusammengelegt, wie ein Schulmeister, der einen jugendlichen Apfeldieb verhören will. „Warum wollt Ihr fort?“ wollte sie in strengem Ton fragen. Als aber Fritz vor ihr stand und sie mit seinen braunen Augen aus dem bleichen Gesicht ruhig ansah, da war es mit ihrer Strenge vorbei, und sie sprach das„Warum wollt Ihr fort“ mit weicher Stimme und aufgehobenen Händen. Fritz Hederich senkte die Augen.„Ich muß gehen“, sagte er, „ich habe einmal geglaubt, hier eine Heimat finden zu können, — es war ein thörichter Gedanke.“ Er lachte bitter. „Hat Euch mein Vater gekränkt?“ fragte Else.„Er ist heftig, aber er meint's nicht so schlimm; oder hat Euch der Magister etwas angetan?" „Ach, der Magister!“ „Was ist's mit dem Magister, Fritz? Worüber habt Ihr Euch entzweit?“ O, der Magister ist mein Freund,“ sagte Fritz und biß die Zähne zusammen.„Wißt Ihr, was er mir versprochen hat? Ich soll sein Brautführer sein, wenn er mit Euch zum Altar tritt.“ Jetzt hatte er seinen Trumpf ausgespielt, jetzt mußte Else seiner Berechnung nach vernichtet, zerknirscht vor ihm stehen. Die Falsche! Es kam aber nicht so, wie er gedacht hatte; Else brach in ein leidenschaftlichs Weinen aus. Dem Baccalaureus wurde Angst.„Um Gottes willen,“ bat er,„hört auf zu weinen. Es war nicht klug von mir, daß ich Euer Geheimnis ausgesprochen habe, aber ich schwör's mit tausend Eiden, daß ich zu keiner Menschenseele ein Wort von Eurem Verspruch sagen will. Ich komme ohnehin nicht unter die Leute, und binnen Kurzem geh' ich fort auf Nimmerwiederkommen. Es ist ebenso gut, als ob ich nichts gehört hätte. Beruhigt Euch nur, Jungfer Else.“ Seite 61 Aber Else weinte immer heftiger. „Auch das noch zu all' dem Elend,“ jammerte sie.„Müßt Ihr mich auch noch verhöhnen, Fritz? Was hab' ich armes Ding Euch getan?“ Der Herr Subjekt machte in diesem Augenblick ein nicht sonderlich kluges Gesicht. Er war gekommen, um anzuklagen, — das Blättlein hatte sich gewandt— jetzt stand er da wie ein armer Sünder. Er wußte nicht, was er gleich sagen sollte, denn Else's Betragen war ihm unbegreiflich. Sie wandte sich und ging in das Haus zurück. „Nein, im Zorn soll sie nicht von mir gehen," dachte Fritz und eilte ihr nach. Im Hausflur erreichte er sie und redete sie an: „Else, wer weiß, ob ich Euch vor meinem Weggang noch einmal sprechen kann; scheiden wir als Freunde! Wenn ich Euch gekränkt habe, so bitt' ich's Euch ab. Es war töricht von mir, auch nur einen Augenblick zu denken, daß Ihr mich— daß Ihr mehr in mir sähet, als den Gehilfen Eures Vaters. Damals, dort unter dem Hollunderbaum“— seine Stimme zitterte— „damals, Else, als ich Euch neben mir sah in Eurer Jugendschönheit, als der Wind mit Euren gelben Haaren spielte, und Ihr mir sagtet, daß Ihr mich nicht verachten wolltet wegen meiner Vergangenheit— da kam mir der Gedanke,— Else, warum waret Ihr auch so holdselig und liebreich gegen mich? War's denn ein Wunder, daß ich den Verstand verlor? Nun weiß ich freilich, daß Ihr einem Andern angehört, und das treibt mich fort.— Ich weiß wohl, ich darf keinerlei Groll gegen Euch hegen, nein, ich wünsche alles Gute auf Euer Haupt herab, und wenn ich mich wieder ruhelos draußen in der Welt herumtreibe, so will ich denken an jene Stunde, da Ihr mich von meiner Schuld freigesprochen habt. Das darf ich doch, Else? Und wenn ich sterbe,— vielleicht hinter dem Zaun,— so will ich in der letzten Stunde denken an den Hollunderbaum—“ Seine Stimme stockte, und er wandte sich ab. In Else aber war's aufgegangen wie ein heller Stern in der Nacht, und ihr Herz jubelte wie ein Waldvögelein.„Also das war's!“ Sie hätte die ganze Welt umarmen mögen, und da sich dies nicht tun ließ, so flog sie dem, der ihr zunächst stand, an die Brust und weinte und lachte und stammelte wie ein kleines Kind. Fritz Hederich atmete schwer. Was war das? Wie war das gekommen? Herr des Himmels und der Erde, er hielt Else in seinen Armen. Wenn es nur ein Traum wäre, wenn er jetzt plötzlich erwachte! Nein, es war Wirklichkeit, er fühlte ihr Herz pochen und spürte ihren lebenswarmen Atem. „Else, Else, Du hast mich lieb?" Aber Else lachte und weinte in einem fort, und er küßte ihr die Tränen von den Wimpern und küßte sie auf Stirn und Mund und streichelte ihren blonden Kopf. In der Küchentür aber stand die alte Hanne und wischte sich mit de mSchürzenzipfel abwechselnd das rechte und linke Auge. Endlich hatte sie den Tränenquell vorläufig gestopft und schickte sich an, nunmehr handelnd einzugreifen. Sie stemmte die Arme in die Seite und hub an: „Schöne Bescherung das! Else, Herr Subjekt, seid Ihr bei Trost?“ Fritz und Else fuhren bei dem ersten Wort der alten Schaffnerin zusammen und ließen sich los. Die Ueberraschung war zu jäh gewesen. Else wurde blutrot und senkte den blonden Kopf: auch Fritz war betreten wie ein beim Honigtopf ertappter Näscher und konnte kein Wort finden. So war es gerade der alten Hanne recht; mit großem Behagen betrachtete sie die Zerknirschung der beiden abgefaßten Sünder, und nun war der richtige Zeitpunkt gekommen, um die Rede, die sie für diesen Fall schon längst präpariert hatte, loszulassen. „Aber Kinder,“ begann sie,„was sind das für Geschichten! Was wird der Vater dauz sagen und der Magister?“ Diese beiden Fragen waren allerdings sehr geeignet, die beiden Liebenden einigermaßen zur Besinnung zu bringen. Else schmiegte sich wie Schutz suchend an die Brust des geliebten Mannes. „Jungfer Hanne Storchschnabelin,“ hub Fritz an,„ich weiß, Ihr liebt meine Else, wie eine Mutter ihr Kind—“ „Das weiß der liebe Himmel,“ fiel Hanne ein und tastete nach dem Schürzenzipfel. „Gut also, Ihr seht, Else liebt mich, und ich liebe sie. Da wäre es denn doch eine Grausamkeit sonder Gleichen, wenn Ihr Einsprache erheben und uns verraten wolltet. Nein, Hanne, das könnt Ihr nicht über's Herz bringen; Ihr seid kein Judas Ischariot.“ Der Schürzenzipfel wurde emporgehoben. „Hanne,“ flehte Else,„gute„liebe Hanne, ich kann nicht anders. der Fritz ist mir lieb wie mein Leben.“ Hanne schluchzte. „Eh' ich den Magister freie, lieber spring' ich in die Ammer, wo sie am tiefsten ist—“ Die alte Hanne trug kein Tigerherz im Busen; sie ließ sich erweichen. Vorerst fuhr sie in ihrer Rede, in der sie unterbrochen worden war, fort und führte den Beiden ihren grenzenlosen Leichtsinn zu Gemüte, bis diese ganz mürbe geworden waren. Dann machte sie eine Kunstpause und schloß endlich mit den versöhnenden Worten: Seite 62 „Nun, nun, es ist freilich eine schlimme Geschichte; da's aber einmal so weit gekommen ist,— und ich hab mir's wohl gedacht, so müssen wir eben sehen, wie wir's zu einem guten End' führen. Seid nur ruhig, Kinder, und laßt mich machen; mit der Hilfe Gottes und der Jungfer Johanna Storchschnabelin wird sich alles zum Guten wenden!“ Hierauf erhielt Else einen Kuß, und dann bat auch der Herr Subjekt um eine gleiche Vergünstigung, die ihm auch nach einigem jungfräulichen Sträuben vonseiten der alten Hanne zuteil wurde. Nun ging es an ein Erzählen und Erklären. Fritz Hederich berichtete, was ihm Herr Thomasius mitgeteilt und was er selbst gedacht habe, und schließlich baten sie sich gegenseitig um Verzeihung und küßten sich von neuem. Daß der Magister nun die Else doch nicht bekäme, das war der alten Hanne die größte Lust, und sie ermangelte nicht, dies kundzugeben. Man würde eins, vorläufig sowohl gegen den Vater als auch gegen den Magister zu schweigen, bis sich eine passende Gelegenheit fände; man könne ja warten, komme Zeit, komme Rat. Schließlich trieb Hanne ihren Liebling in die Küche und gab dem Herrn Subjekt den wohlgemeinten Rat, sich im Liebestaumel kein Versehen gegen den Tiegel des Alten zuschulden kommen zu lassen, überhaupt klug die Augen offen zu halten, denn wenngleich sie selbst im Grunde nichts gegen die Sache einzuwenden habe, so sei doch auch Elses Vater um seine Meinung zu fragen, ja dieser sei doch eigentlich, beim Licht betrachtet, die Hauptperson. Das solle der Herr Subjekt ja bedenken und sein Tun danach einrichten. Fritz dankte für die guten Lehren und ging zu seiner Tinktur zurück. Der Kolben, in dem diese dampfte, alühte wie ein großer Granat, das Feuer knisterte und knackte, Fliegen summten und Millionen Stäubchen tanzten in den Sonnenstrahlen, welche schräg durch die runden Fenster fielen und auf allen Flaschen und Gläsern zitterten. Denn Baccalaureus kam das alles wie etwas Neues, nie Gesehenes vor; die Sonne schien ihm bis ins Herz hinein, und drinnen sang und klang es wie Vogelschlag und Kirchenglocken. Dazwischen schwirrte freilich der Gedanke an Elses Vater und an den Maaister; zu seiner Ehre müssen wir gestehen, daß er einige Gewissensbisse empfand, als er an den arglosen Hieronymus Xylander dachte. „Was wird der Vater, der alte Thomasius sagen! Das wird ein Auftritt werden! Wenn die Tinktur gerät, dann ist Hoffnung vorhanden,— aber wenn sie nicht gerät? Ei was, laß das Schicksal herankommen! Kopf oben, Augen offen! Else ist mein, bleibt mein; den will ich sehen, der sie mir nimmt.“ Seine Brust hob sich stolz. Er öffnete das Fenster und jauchzte in die Welt hinaus, daß es von der Gartenmauer und dann noch einmal leise, leise von den Bergen drüben zurückhallte. Vor dem Fenster, zwischen den Gemüsebeeten lustwandelte Jakob der Rabe und spähte nach Schnecken und Regenwürmern. Als der liebestrunkene Subjekt seine Freude so laut kundgab, fuhr Jakob erschreckt zusammen, wie er aber sah, daß der Schreier kein anderer war als sein Gönner Fritz, kam er flügelschlagend herbeigehüpft und krächzte:„Else, Else!“ dann flog er ins Fenster und ließ sich von Fritz in den Halsfedern krauen. „Wart', alter Herr,“ sagte Fritz.„Du sollst auch eine Freude haben, ich werde Dir ein Stück Ochsenleber holen lassen.“ Jakob schien das zu verstehen, denn er nickte eifrig mit dem Kopf. Die Leber wurde gebracht, der Herr Subjekt zerschnitt sie eigenhändig und setzte sie dem Raben vor. „Du warst der erste,“ sagte er,„der mir bei meinem Eintritt in dies Haus ihren Namen nannte, weißt Du's noch, alter Schelm? Wenn sich meine Hoffnung erfüllt, dann sollst Du's aut haben, alle Tage Ochsenleber und Sonntags ein Stück Käse; hörst Du, Jakob?“ Jakob hielt sich an die Gegenwart und widmete der Ochsenleber seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Unterdessen saß die alte Hanne in der Küche und gab der blonden Else allerlei gute Lehren und weise Ratschläge. Dann pfe erzählte sie von ihrer Jugendliebe, und der Schürzenzipfel wurde wieder in Bewegung gesetzt. Else hörte geduldig zu und dachte dabei:„Nachmittags treffe ich ihn unter dem Hollunderbaum.“ Leider umzog sich bald der Himmel, und ein leichter, aber gleichmäßiger Regen senkte sich nieder. Nach Tisch kam Bürgermeisters Käthe zu Besuch. Sie sprach piel von dem gestrigen Festspiel, von der Auszeichnung, die dem Magister Xylander zuteil geworden, und von der Belohnung, die er erhalten werde. Dann lenkte sie die Rede auf den Subjekt. Ille Leute, selbst ihre Mutter, sei seines Lobes voll, und es sei hr leicht möglich, daß der Fürst etwas für ihn tun werde, wenn m nur einer die Sache ans Herz legte; dazu sei nun niemand geeigneter, als ihr Vater, der Bürgermeister, auf welchen Fritz Hederich einen außerordentlich günstigen Eindruck gemacht habe. eise mußte den Wortschwall ihres Gespiels über sich ergehen lassen. Noch nie war ihr Käthe so lästig gewesen, als heute. Die alte Hanne kam mit einem ungeheuern, roten Regenschirm unterm Arm und erklärte, eine Base besuchen zu wollen. 3 Uhr, denden über: liche haft.“ Käthe hatte nun erst recht Ursache, ihren Besuch zu verlän3u gern, denn sie behauptete, es sei ihre Pflicht, Else Gesellschaft zu leisten und ihr die Zeit zu verkürzen. Die Zeit schwand allerdings rasend schnell. Der Regen hatte aufgehört, und die Sonne schien wieder. Jetzt wäre der geeignetste Zeitpunkt gewesen, um ein Stunde mit dem Geliebten im Garten beisammen zu sein. Aber Käthe dachte nicht an's Fortgehen; unermüdlich schnurrte das Räderwerk ihres Mundes, und Else rang in der Verzweiflung unter der Schürze ihre kleinen Hände. Endlich erinnerte sich Käthe, daß sie mit ihrer Mutetr ausgehen solle, und verabschiedete sich. Mit erleichtertem Herzen gab ihr Else das Geleite und küßte sie unter der Haustür mit solcher Inbrunst, daß ein Dritter geglaubt haben würde, hier nehme eine Schwester von der anderen Abschied auf Nimmerwiedersehen. Jetzt flog Else in den Garten und warf wieder ein paar Steinchen gegen das Fenster, hinter dem Fritz Hederich in der Gesellschaft des Raben Jäkob weilte. „Ich komme, ich komme,“ winkte Fritz, legte ein Scheit in das Feuer und eilte in den Garten. Sie saßen auf der hölzernen Bank unter dem Hollunderbaum, er konnte freilich keine weißen Blüten mehr auf ihre Häupter schütteln, denn er trug schwarze Beeren; auch sang der Ammerling nicht mehr, denn er hatte für fünf unmündige Gelbschnäbel zu sorgen. Einzelne vergilbte Blätter kreiselten zur Erde, aber Frühling war's doch in den Herzen der Beiden. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust, und er neigte sein Ohr, um ihre Herzschläge zu hören. Aus ihren schweren Flechten hatte sich eine Locke gelöst und flatterte im Wind; er wickelte sie um seine Finger und freute sich, wie sie sich schnellkräftig wieder loswand. Alte Märchen zogen durch seinen Sinn; von der Königstochter mit dem goldenen Haar, die den armen Hirten liebte. „Else“, sagte er leise, um sich zu vergewissern, daß er nicht träume. Und Else erhob ihre Augenlider und bot ihm den Mund. Nein, es war kein Traum! Er küßte ihre Lippen, und dann küßte er auch das kleine, braune Mal auf ihrer Schulter. Else schlang ihre Arme um seinen Hals und sah ihm ins Gesicht. „Also so schaust Du aus, Deine Augen sind braun, das sehe ich erst jetzt, und hier auf der Wange hast Du eine Narbe.“ Sie fuhr mit dem Finger leicht darüber, und es durchschauerte ihn. „Meine Else!“ „O, mein Geliebter!“ Hanne, alte verständige Hanne, wo bist Du? Als sich die Liebenden satt geküßt hatten, erhoben sie sich von der Bank und lustwandelten im Garlen Hand in Hand wie zwei kleine Kinder. „Hier bei der Krauseminze war es, wo wir uns zum ersten Male sprachen. Weißt Du's noch?“ Fritz riß einen blühenden Zweig ab und steckte ihn Else ins Haar. Sie kamen an den alten Turm, der in ein Gartenhäuschen umgewandelt war, und stiegen die Treppe hinauf. Von dem Fenster aus sah man die Berge im Schmuck ihrer dunkelgrünen Tannenwälder. Der Regen hatte die Luft gereinigt, der Höhenzug war so nahe gerückt, daß man jede Erhebung, jeden Abhang erkennen konnte. „Dort oben,“ sagte Fritz,„steigt jetzt der Magister umher, weißt Du, Else, daß ich bei dem Gedanken an den Magister große Unruhe fühle? Wenn er heute abend heim kommt, ich kann ihm nicht ins Auge sehen.“ „Laß den Magister, Fritz!— Sieh, wie hell dort drüben die Klosterruinen in der Sonne glänzen! Weißt Du, daß dort ein armes Gespenst haust? Nein?— Hast Du nie gehört, daß nach dem Glauben der Leute allnächtlich in der Geisterstunde ein verzauberter Mönch von den Klosterruinen in unseren Garten kommt und mit einer verwünschten Nonne spazieren geht?“ Fritz hatte wohl von einer Sage gehört, wußte aber nichts Näheres. Else schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.„Die ganze Stadt kennr die Sage, und der Herr Subjekt, der seit Jahr und Tag in der Löwenapotheke wohnt, nicht! Ich habe die Geschichte von meiner Muhme gehört; sie hat in Deiner Stube gewohnt.— Ach Fritz, wenn die gute Muhme Ursula noch am Leben wäre, dann wären wir geborgen. Ich war noch ein kleines Mägdlein, als sie vom Schlag getroffen wurde,— es war am Dreikönigstag— aber ich habe darum ihr liebes, freundliches Gesicht nicht vergessen, und gar oft, wenn ich abends meine Augen schließe, sehe ich die gute Muhme Ursula im hellen Glanz vor mir. Gott geb' ihr eine sanfte Ruh!“ Fritz Hederich beugte sich nieder und küßte Else auf die Stirn. „Komm“, sagte er,„laß uns zurück zum Hollunderbaum gehen; dort sollst Du mir von Deiner Muhme erzählen und vom Mönch und der Nonne. Willst Du?“ „Gern Fritz, aber Du bist so gelehrt und klug, das sagen alle Leute, auch der Vater und der Magister. Kannst Du Gefallen an meiner Rede finden? Ich bin nur ein einfältiges—“ Fritz verschloß ihr den Mund mit einem Kuß. (Fortsetzung folgt.) hungon on von hgholz chinon 133 Mhlen, trootc. U. 91. 1555. Die Budie Sprosse Thüringen nung. 4. zwei deutsch Seite 63 n KleinigkeitenRätsel-Ecke Vexierbild. Wo ist der Nachtwächter? Leiter=Räisel. Die Buchstaben in vorstehender Leiter sind so anzuordnen, daß die Sprossen Wörter ergeben, welche bedeuten: 1. Stadt in Thüringen. 2. Englische Kolonie in Afrika. 3. Naturerscheinung. 4. Volksverband. Die beiden Längsbalken ergeben dann zwei deutsche Städte. Scharade. Wie ich es liebe? In reinem got'schen Stil, Und wiederum besetzt recht viel, Daß mich entzückt sein trefflich Spiel, Wo ich es liebe? In lichtem Grün, auf Bergeshöh'n, In Dorf und Stadt ist's auch zu sehn, Dann wiederum im großen Saal, Und auf der Straße allzumal. Nur minder gut und oft zur Qual. Wann ich es liebe? Wenn ich Erbauung will, Dann ist es dort so friedlich still, Und wiederum trag ich Begehr, Wenn Gutes es bringt zu Gehör, " Dann fesselt mich der Töne Macht, Oft bis zur späten Mitternacht. Auflösungen der siebten Woche. Auflösung der Skat=Aufgabe. Im Skat lagen c K und c D. A hatte: p K, p 9, p 8, tr K, tr D, tr 9. tr 8, tr 7, c A, o 7. C hatte:« B. p A, p 10. o 10, c 8, car K, car D, car 9, car 8, car 31. Stich: tr K, tr A, p A—26; 2.„ oar K, p K, car 10— 18; 3.„ tr D, tr 10, p 10,— 23; 4.„ car D. p 9. car A— 14; 5.„ o A§c 7, c 10— 21. Den Rest erhält der Spieler, es sind für ihn aber nur noch 18 Punkte übrig.(Grand hätte B. auch verloren, denn es wars gespielt worden: I. Stich: tr K, tr A, o B— 17 2.„ p A. p K, p 7— 15 3.„ p 10, p 9, p D— 13 4.„ car 7, tr 7, car A+ und zuletzt 10. c 7, c 10. c A— 21, das macht— 66). Auflösung des Geduldproblems. Man liest von links oben beginnend erst die Buchstaben auf den Blättern mit einem runden Siegel, dann die auf den Blättermit dreieckigem Siegel, zuletzt die auf den Blättern mit einer Schlangenlinie, was dann ergibt:„Beharrlichkeit führt zum Ziel.“ Auflösung der rätselhaften Inschrift. „Was gibt es denn heut Mittag— au, Gurkensalat, fein.“ Auflösung des Kopfwechsel=Rätsels. Ulm, Kater, Ratte, Amme, Iller, Nase, Edam= Ukraine. Auflösung des Silben=Streichrätsels. „Lügen haben kurze Beine.“ und Schönheit. Von Elfriede Glüselig. Schönheit und Klugheit begegneten einander und sahen sich gegenseitig erstaunt und fragend an. Verwirrt senkte die Schönheit den Blic; denn sie glaubte von der stolzen Frau. die vor ihr stand, nichts Gutes erwarten zu dürfen. Zuviel hatte sie schon gelitten, um ohne weiteres Vertrauen zu schenken. Der Reid hatte sie wütend verfolgt, die Mißgunst ihr überall=Fallen gestellt, der Hohn hatte sie mit Steinen geworfen, und der Spott war ihr mit gezücktem Dolche entgegengetreten. Was würde wohl die Klugheit ihr, der Wehrlosen, tun?— Diese aber blickte noch immer mit Entzücken auf die vollkommene Gestalt. die vor ihr stand, und konnte sich nicht satt sehen. Endlich hub sie an: „Schwester, ich liebe und bewundere dich! Am liebsten möchte ich dich überallhin begleiten und dir wie dein Schatten folgen!“ Glücklich blickte die Schönheit auf und antwortete:„Gern würde ich dein Anerbieten annehmen, aber ich vermag es nicht, denn mir sind andere Wege als dir vorgeschrieben. Aber ich weiß einen Ausweg! Auf allen deinen Wanderungen soll dich ein Diener von mir begleiten und mir immer Nachricht von deinem Aufenthalt bringen; dann will ich dich— wenn auch manchmal nur auf kurze Zeit— besuchen.“ Des freute sich die Klugheit, und die beiden Göttlichen schieden voneinander. Die Schönheit aber hat Wort gehalten. Wo auch die Klugheit einkehrt, und sei es in der häßlichsten und unscheinbarsten Form, da kommt die Schönheit wenn auch nur auf Augenblicke, zu Gast. Und wo sie einmal war, da verbreitet noch ihr Nachglanz eine Weihe und einen Zauber, dem sich sobald niemand entzieht. Heitere Ecke Wiedersehen.„Sagen Sie mal, haben wir uns nicht im vergangenen Jahre in Schierke beim Wintersport getroffen? Ihr Pelz kommt mir so bekannt vor?“—„Wieso? Den hatte ich ja damals noch gar nicht!“—„Aber ich!“ Ja aber!....„Tante ist ja ganz taub, sie hört schon gar nichts mehr."—„Ja, aber sie versteht dich doch; denn sie liest alles von den Lippen ab.“—„Wie macht sie's denn aber bei einem Bauchredner?“ Die Erfindung.„Was hör' ich da, Du hast eine Erfindung gemacht?"—„Na, warum denn nicht? Gewiß!“—„Das ist aber interessant! Was ist es denn?“—„Ach— ganz einfach...'ne Gas=Dampf=Elektro=Turbine.“—„Was? Elektrisch, Gas und Dampf!!!“—„a—„Aber das ist ja ganz unmöglich!!!" —„Na, was sag' ich denn! Ich sag' ja— ich hab's erfunden!.. (D. A.) 7